Mitte Juni 2026 hatte Katharina Wagner ein Problem, das sich mit einer Entschuldigung lösen ließ — und ein zweites, das sich damit nicht lösen lässt. Ersteres: Die Festspiele hatten Michel Friedman eingeladen, auf der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen" über Wagners Antisemitismus und die NS-Vergangenheit des Hügels zu sprechen, und ihn dann aus nicht vollständig erklärten „Sicherheitsbedenken" wieder ausgeladen. Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, nannte das eine „Bankrotterklärung"; Friedman selbst sprach von einem „Offenbarungseid". Nach breiter Empörung entschuldigte sich Katharina Wagner, Friedman nahm an, und am 26. Juli 2026 sprach er vor der Premiere von Wagners frühem Werk „Rienzi". Das Zweite Problem ist struktureller Natur — und eine Entschuldigung löst es nicht.

1850, dann nochmals 1869

Den Ausgangspunkt der Debatte bildet ein Text, der 176 Jahre alt und noch immer kaum zu überbieten ist in seiner Unverhohlenheit. In seinem Aufsatz „Das Judenthum in der Musik", erstmals 1850 anonym erschienen, 1869 unter seinem Namen und verschärft neu aufgelegt, behauptete Richard Wagner, Juden seien zur echten Kunst unfähig, weil sie keine eigene Nation besäßen. Er bezeichnete jüdische Kunst als Nachahmung, jüdische Sprache als Gestammel, jüdische Musik als hohle Virtuosität. In einem Satz, der seither in jeder ernsthaften Debatte zitiert wird, nannte er Juden „geborene Feinde der reinen Menschheit". Der Aufsatz gilt Forschern wie dem Historiker Jens Malte Fischer als programmatischer Text des modernen, rassistisch grundierten Antisemitismus — nicht als mittelalterlichen Taufzwang, sondern als biologisch-ästhetisches Ausgrenzungskonzept.

Umstrittener ist die Frage, wie dieser Antisemitismus ins Werk selbst einfloss. Forscher haben auf Figuren wie Mime in „Siegfried" oder Beckmesser in „Die Meistersinger von Nürnberg" als mögliche antisemitische Typen hingewiesen: übertriebene Mimik, kriecherisches Verhalten, Unfähigkeit zur echten Schöpfung. Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums Bayreuth, spricht von einem „Erlösungsantisemitismus" — der Gedanke, dass das Judentum sich durch Aufgabe seiner Eigenart erlösen könne, zieht sich durch Wagners Kulturtheorie und taucht in Opernfiguren wieder auf. Ob diese Lesart zwingend oder überinterpretiert ist, bleibt unter Musikwissenschaftlern strittig.

Der Hügel und Hitler

Die Frage nach dem Werk ist die eine. Die Frage nach den Festspielen ist eine andere, und hier ist die Beweislage eindeutig. Adolf Hitler war Stammgast in Bayreuth; Winifred Wagner, Schwiegertochter des Komponisten und Festspielleiterin von 1930 bis 1944, war eine enge persönliche Freundin Hitlers, die ihn intern als „Wolf" ansprach. Die Festspiele wurden unter dem NS-Regime zur staatlich geförderten Kultstätte deutschen Geistes; Eintrittskarten für Arbeiter gab es aus dem „Kraft durch Freude"-Programm. Jüdische Künstler — Dirigenten, Sänger, Pianisten, die das Werk Jahrzehnte geprägt hatten — wurden aus dem Festspielbetrieb und danach aus dem Land getrieben. „Verstummte Stimmen" heißt die Wanderausstellung, die an sie erinnert und seit 2003 an rund hundert Spielorten zu sehen war; im Jubiläumsjahr ist sie im Festspielpark aufgestellt.

Diese Geschichte ist nicht neu. Neu ist, dass sie im Jubiläumsjahr öffentlich mit dem Gestus des institutionellen Gedenkens versehen wird — und dass dieser Gestus durch den Friedman-Eklat in seine Bestandteile zerfällt: guter Wille hier, organisatorisches Versagen dort, und dazwischen eine Lücke, aus der die eigentliche Frage herausschaut.

Was die Debatte 2026 trennt

Die Positionen sind nicht neu, aber sie schärfen sich. Auf der einen Seite stehen Stimmen, die eine radikale Kontextualisierung fordern: Wer Wagners Musik aufführt, trägt Verantwortung für den Kontext, in dem sie erklingt. Friedman, Fischer und Saul Friedländer haben in verschiedenen Zusammenhängen argumentiert, dass Wegsehen keine Option ist — dass das Werk zwar gehört werden darf, aber nie ohne die Last seiner Geschichte.

Auf der anderen Seite stehen Positionen wie die des Dirigenten Daniel Barenboim, der Wagners Musik als ästhetisch autonom behandelt — was ihn nicht daran gehindert hat, in Israel, wo seit 1938 ein inoffizielles Aufführungsverbot besteht, 2001 Wagner zu dirigieren und damit einen nationalen Sturm auszulösen. Für Barenboim ist Musik politisch unkorrumpierbar; für seine Kritiker ist genau diese Haltung das Problem.

Anno Mungen, Musikwissenschaftler und Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater an der Universität Bayreuth, sieht nach aktuellem Stand Defizite in der wissenschaftlichen Einbettung des Jubiläumsprogramms. Was fehle, sei keine einmalige Gedenkveranstaltung, sondern eine dauerhafte kritische Rahmung — in Programmheften, in der Werkeinführung, in der Ausbildung des künstlerischen Personals.

Was die Panne verrät

Der Friedman-Eklat ist in diesem Licht mehr als eine Kommunikationspanne. Er zeigt, dass die Aufarbeitung am Hügel nach wie vor episodisch verfasst ist: Einladung und Ausladung und Wiedereinladung als Reaktion auf Öffentlichkeitsdruck — nicht als Ergebnis einer strukturierten institutionellen Entscheidung. Bayerischer Kunstminister Markus Blume (CSU) sprach von einem Vorgang, der „mehr als unglücklich" sei. Das ist zutreffend, reicht aber nicht. Denn wäre die Aufarbeitung strukturell verankert, wäre eine solche Panne schwerer möglich: Man lädt nicht aus, wenn man weiß, warum man eingeladen hat.

Katharina Wagner hat nach dem Eklat erklärt, sie wolle sich dem „ekelhaften" antisemitischen Traktat Wagners widmen. Das klingt nach Entschlossenheit. Die Frage ist, ob diese Entschlossenheit ein Programm hat — oder ob sie, wie die Einladung selbst, im nächsten Jahr wieder ausgeladen wird.

Das Schweizer Städtchen Luzern, wo Wagner von 1866 bis 1872 lebte, hat 2026 erste Forschungsergebnisse zum Thema „Wagner, Antisemitismus und die Stadt Luzern" vorgelegt. Ergebnis: Die Luzerner Öffentlichkeit nahm zu Wagners Lebzeiten kaum Notiz von seinen antisemitischen Ansichten. Das sagt nichts über heute — aber es sagt etwas über das Muster: Ein Antisemitismus, den die Zeitgenossen nicht sehen wollten, ließ sich lange als Privatmeinung eines Genies wegerzählen. Diese Erzählung trägt 2026 nicht mehr.