Chronik
5. Mai: Weber droht im Europäischen Parlament öffentlich damit, das EU-US-Handelsabkommen ohne Trilog-Einigung direkt ins Plenum zu zwingen. Der Druck zeigt Wirkung: Am 16. Juni stimmt das Parlament für das Abkommen, Weber stimmt dafür.
15. Mai: Er wirbt für eine fraktionsübergreifende Einigung beim sogenannten Autopaket — der Revision der CO₂-Flottengesetzgebung und den Clean-Corporate-Fleets-Regeln — mit Sozialdemokraten (S&D) und Liberalen (Renew). Eine belastbare Einigung kommt in diesem Zeitraum nicht zustande.
23. Mai: In einem Interview mit Börse Frankfurt fordert Weber, die EU müsse „wegkommen vom Nettozahlerprinzip". Er plädiert für einen höheren EU-Haushalt, um Kapazitäten wie einen Drohnenschirm und eine gestärkte Frontex zu finanzieren.
28. Mai: Der sogenannte „Pfingstbrief" wird bekannt — ein parteiinternes Schreiben Webers an die CSU, in dem er einen „überbordenden Freiheitsbegriff" als Mitursache des AfD-Aufstiegs benennt und mehr „Miteinander" einfordert. Die Reaktion ist scharf: CSU-Politiker wie Klaus Holetschek, Markus Blume und Alexander Hoffmann weisen den Brief als abgehoben und belehrend zurück. Blume spricht laut Berichten von „Brüsseler Ferne".
3. Juni: Bei Maischberger verteidigt Weber die CSU gegen Vorwürfe einer Führungsdebatte um Markus Söder. Gleichzeitig wiederholt er seine Forderung nach strikteren Abschieberegeln und nennt das italienisch-albanische Rückführungsmodell als Vorbild. Den Vorwurf einer Zusammenarbeit mit der AfD im Europaparlament weist er zurück.
7. Juni: Weber fordert gegenüber Medien einen „harten Kurs" der EU gegenüber China und schlägt eine „Wirtschafts-NATO" vor. Das Handelsdefizit der EU gegenüber China beziffert er auf fast eine Milliarde Euro täglich.
16. Juni: Neben dem Handelsabkommen stimmt Weber für eine EU-Rückführungsverordnung — das Votum für Abschiebungen von Personen ohne Aufenthaltserlaubnis — sowie für Änderungen am KI-Gesetz einschließlich eines Verbots von sogenannten „Nudifier-Apps".
18. Juni: Im WELT-Interview formuliert Weber seine Verteidigungsthese am schärfsten: „Wir müssen uns ernsthaft mit der Frage beschäftigen — was, wenn die NATO nicht funktioniert?". Er fordert europäische Kommandostrukturen und eine Armee, die Europa eigenständig verteidigungsfähig macht. Als Begründung nennt er explizit die Sorge vor einer künftigen AfD-Regierung in Deutschland oder einer französischen Präsidentschaft unter Marine Le Pen.
19. Juni: Im Deutschlandfunk äußert Weber, die EU müsse mit Russland verhandeln. Die Kritik an EU-Ratspräsident Costa, der zuletzt Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte, hält er für teils übertrieben.
Bilanz
Wohin läuft die Person?
Weber bewegt sich im Zeitraum konsequent in eine Richtung: mehr Eigenständigkeit Europas, mehr Bereitschaft zur Konfrontation — mit China, mit Russland, mit dem möglichen Ausfall der USA als Sicherheitsgarant. Die Forderung nach einer europäischen Armee war bereits früher präsent, hat aber an Dringlichkeit gewonnen. Weber zieht sie nun mit einer konkreten Begründung durch: Die demokratischen Defizite nationaler Regierungen — bis hin zur AfD als hypothetischer Regierungspartei — machen supranationale Verteidigungsstrukturen nach seiner Logik unabdingbar. Das ist eine erkennbare Trajektorie, keine Reaktion auf die Nachrichtenlage.
Gleichzeitig zeigt der Pfingstbrief-Vorfall eine Schwäche: Weber versucht, die CSU ideologisch zu korrigieren — von Brüssel aus, per Brief, ohne erkennbare Mehrheit in der Parteiführung. Das läuft ins Leere.
Echter Beitrag
Beim EU-US-Handelsabkommen hat Weber parlamentarischen Druck eingesetzt und er hat funktioniert. Die Drohung vom 5. Mai, das Abkommen am Rat vorbei direkt ins Plenum zu bringen, war nicht Rhetorik, sondern ein konkretes Machtmittel — und das Abkommen wurde am 16. Juni tatsächlich verabschiedet. Ob Webers Druck kausal entscheidend war, lässt sich nicht isolieren; dass er ihn aufgebaut hat und das Ergebnis in seine Richtung weist, ist belegt.
Die Rückführungsverordnung vom 16. Juni ist ein weiteres handfestes Ergebnis: Sie verschärft die europäische Abschiebepolitik. Weber hat sie aktiv unterstützt und seine Fraktion entsprechend positioniert.
Irrelevantes
Der Maischberger-Auftritt vom 3. Juni — Söder-Verteidigung, Abschiebe-Forderungen, AfD-Distanzierung — ist Tagesgeschäft eines Fraktionsvorsitzenden, der mediale Präsenz hält. Nichts davon bewegt Gesetzgebung oder verändert eine Machtlage. Ebenso der „Bayern-Agenda"-Auftritt bei münchen.tv: Weber erklärt dort die EU, für ein Regionalpublikum. Pflege der Basis, keine Entscheidung.
Die Forderung nach einem EU-Präsidenten (Zusammenlegung von Kommissions- und Ratspräsidentschaft) wiederholt Weber seit Jahren. Sie ist institutionell nicht näher gerückt und trägt keine neue Substanz.
Pose und Klamauk
Die „Wirtschafts-NATO" gegen China ist ein Formelvorschlag, den Weber am 7. Juni lanciert. Er ist griffig, transportiert eine klare Haltung — aber er bleibt ohne institutionellen Unterbau, ohne Finanzierungskonzept, ohne Zeitplan. Im selben Zeitraum stimmt Weber für EU-Zölle auf chinesische Autos; das ist real. Die „Wirtschafts-NATO" ist vorerst Begriffsinszenierung.
Der Pfingstbrief ist ein Sonderfall: Inhaltlich formuliert er eine ehrliche Diagnose — Weber sieht in einem bestimmten Individualismus einen kulturellen Treiber des Rechtspopulismus. Dass er diese Kritik über einen internen Brief streut, der dann öffentlich wird und Parteikolleginnen gegen ihn aufbringt, ist strategisch ungeschickt. Der Brief hat weder Konsequenz noch Koalition erzeugt — er hat Reibung produziert.
Ein struktureller Widerspruch durchzieht den gesamten Zeitraum: Weber betont öffentlich die Brandmauer gegen Rechts und weist den Vorwurf der AfD-Zusammenarbeit zurück — schließt gemeinsame Abstimmungen mit Rechtsaußen-Parteien aber in Interviews ausdrücklich nicht aus, „um illegale Migration zu stoppen und Wohlstand zu sichern". Diese Formel ist keine Positionierung, sondern ihre Verweigerung. Der Spiegel titelte im Juli 2026, Weber werde zur „Belastung für die schwarz-rote Koalition" — eben wegen dieses Grundwiderspruchs, der Merz innenpolitisch in Erklärungsnöte bringt. Weber selbst liefert keine Auflösung.
