Mecklenburg-Vorpommern hat 1,6 Millionen Einwohner, einen Landtag mit 79 Sitzen und seit 2021 eine rot-rote Landesregierung unter Manuela Schwesig. Dass diese Konstellation nach dem 20. September fortgeführt werden könnte, gilt rechnerisch als ausgeschlossen.

Der Befund der Umfragen ist stabil: Infratest dimap maß die AfD im Juli 2026 bei 36 Prozent, INSA im Juni bei 35 Prozent, Forsa hatte sie bereits im Februar auf 37 Prozent taxiert. Gegenüber dem Wahlergebnis von 2021 — damals 16,7 Prozent — entspricht das einer Verdopplung. Die SPD bewegt sich zwischen 27 und 29 Prozent, ein Rückgang von rund zehn bis elf Prozentpunkten gegenüber ihren 39,6 Prozent von 2021. Diese beiden Kurven beschreiben den strukturellen Befund: Schwesigs SPD hat die relative Mehrheit verloren, bevor der Wahlkampf begonnen hat.

Was 2021 möglich war, ist es heute nicht mehr

Die Koalition aus SPD und Linker verfügt im amtierenden Landtag über 43 der 79 Sitze — eine knappe, aber stabile Mehrheit. Legt man die Infratest-dimap-Werte vom Juli 2026 auf die Sitzverteilung um, ergibt sich ein anderes Bild: Die AfD käme auf rund 31 Mandate, die SPD auf etwa 25, die Linke auf rund 11. SPD und Linke zusammen lägen damit deutlich unter der Mehrheitsmarke von 40 Sitzen.

Diese Rechnung hängt freilich an einer Größe, die noch nicht feststeht: wie viele Parteien am Ende den Einzug schaffen. Die CDU liegt in den aktuellen Befragungen bei 9 bis 10 Prozent — ein Wert, der in früheren Umfragen des Jahres noch bei 13 Prozent lag; die CDU hat demnach seit Februar messbar verloren. Das BSW wird je nach Institut zwischen 4 und 6 Prozent gehandelt, die Grünen zwischen 4 und 5 Prozent. Die FDP liegt bei 2 bis 3 Prozent und scheidet in sämtlichen Szenarien aus dem Landtag aus.

Ob BSW oder Grüne die Fünf-Prozent-Hürde nehmen, ist die relevanteste offene Rechenoperation. Scheiden beide aus, verteilen sich ihre Stimmen auf die verbleibenden Fraktionen — und die AfD-Fraktion wächst in absoluten Sitzen weiter. Zieht das BSW ein, könnte es drei- oder vierbündige Mehrheiten ermöglichen oder erschweren, je nach Koalitionsbereitschaft der anderen.

Drei mögliche Mehrheitsmuster, keines ohne Bedingungen

Welche Bündnisse rechnerisch funktionieren könnten, lässt sich aus den Umfragemittelwerten ableiten — wer tatsächlich koaliert, ist damit nicht gesagt.

SPD und Linke allein: nach allen vorliegenden Befragungen keine Mehrheit mehr. Die Ära der rot-roten Zweikoalition endet nach diesem Zahlenstand.

SPD, Linke und CDU: Auf Basis der Juli-Werte ergibt sich hier eine knappe Mehrheit. Dieses Dreierbündnis würde das erste seiner Art in Mecklenburg-Vorpommern darstellen. Ob die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten bereit wäre, junior partner einer SPD-geführten Regierung zu werden, ist eine politische, keine arithmetische Frage.

SPD, Linke und BSW: möglich, wenn das BSW die Fünf-Prozent-Hürde überwindet — und dann rechnerisch ebenfalls knapp. Das BSW sitzt bereits in drei ostdeutschen Landesparlamenten; seinen Einzug in Schwerin hat es noch nicht vollzogen.

In keinem dieser Szenarien ist die AfD beteiligt. Alle relevanten Parteien haben eine Koalition mit ihr ausgeschlossen. Das schränkt das Feld von vornherein auf jene Kombinationen ein, die ohne die stärkste Partei eine Mehrheit bilden — strukturell eine ungewöhnliche Ausgangslage.

Die Regierungszufriedenheit als zweite Messgröße

Infratest dimap erhob im Mai 2026 zusätzlich zur Sonntagsfrage, wie die Wahlberechtigten die Arbeit der Landesregierung bewerten: 58 Prozent zeigten sich kritisch, 38 Prozent zufrieden. Dieser Wert deutet darauf hin, dass die SPD-Verluste nicht allein auf eine generelle Rechtsbewegung zurückzuführen sind, sondern zumindest teilweise aus der Bewertung der laufenden Amtszeit gespeist werden. Wie groß dieser Anteil ist und welche Themen ihn treiben, lässt sich den vorliegenden Umfragedaten nicht entnehmen.

Für die Analyse der Wahl ist das insofern relevant, als ein Teil der SPD-Verluste möglicherweise durch ein anderes Wahlkampfprofil zurückholbar wäre — und ein anderer Teil strukturell verfestigt ist. Welchen Anteil welche der beiden Kategorien hat, zeigt sich erst im Ergebnis.

Was die Mandatsschwelle entscheidet

Die drei Parteien, die sich nahe der Fünf-Prozent-Marke bewegen — CDU (wenngleich mit Abstand), BSW und Grüne —, beeinflussen das Ergebnis nicht nur durch eigene Mandate, sondern auch durch den Effekt ihrer möglichen Nichtteilnahme. Je mehr Stimmen unterhalb der Hürde verbleiben, desto stärker verschieben sich die Proportionen unter den einziehenden Parteien — in der Regel zugunsten der größten.

Für die Koalitionsarithmetik bedeutet das: Ein Landtag mit sechs Fraktionen eröffnet andere Optionen als einer mit vier. Die Frage, ob BSW und Grüne einziehen, ist damit keine periphere Randgröße, sondern die rechnerische Schlüsselvariable der Regierungsbildung nach dem 20. September.

Ob sich daraus ein regierungsfähiges Bündnis ergibt und unter welcher Führung, lässt sich aus den Umfragedaten nicht ableiten. Was sich ablesen lässt: Die Mehrheit für eine Fortführung der bisherigen Koalition ist in den Daten nicht vorhanden. Mecklenburg-Vorpommern wird nach der Wahl eine neue Antwort auf eine bekannte Frage suchen müssen — wer kann ohne die stärkste Partei regieren?