Die Zahlen sind seit Jahrzehnten bekannt. Das Statistische Bundesamt weist den Gender Pension Gap für 2024 mit 36,9 Prozent aus, wenn man Hinterbliebenenrenten herausrechnet — ein Wert, der die eigenständige Alterssicherung von Frauen misst. Die Durchschnittsrente liegt für Frauen bei 908 Euro monatlich, für Männer bei 1.348 Euro. In Westdeutschland beträgt die Lücke 47 Prozent, in Ostdeutschland 21 Prozent — ein Reflex der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung nach 1945.
Ursachen sind belegt: der Gender Pay Gap von 16 Prozent, häufigere Teilzeitarbeit, Unterbrechungen durch Kindererziehung und Pflege, seltenere Führungspositionen. Die betriebliche Altersversorgung der Geburtsjahrgänge 1957–1961 weist laut WSI einen Geschlechtergap von 43 Prozentpunkten in Westdeutschland auf. Frauen leben zudem fünf bis sieben Jahre länger — die niedrigere Rente muss über einen längeren Zeitraum reichen.
Fünf Fraktionen, ein Sachthema. Das Raster prüft Programm, Geste, Spur.
CDU/CSU — Bestandsschutz mit Vereinbarkeitsvorbehalt
Programm. Die Union fordert im Wahlprogramm bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einen Anspruch auf befristete Teilzeit bei Erwerbsunterbrechungen und das Entgelttransparenzgesetz als Instrument gegen den Lohnabstand. Explizite Maßnahmen zur direkten Schließung des Rentengaps — etwa erhöhte Rentenäquivalente für Erziehungszeiten über das bestehende Niveau hinaus — finden sich nicht.
Geste. In der Koalitionsverhandlung 2025 verwies die Fraktion auf die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent als Leistung. Gesundheitsministerin Nina Warken stellte die GKV-Reform als Nachhaltigkeitspaket vor.
Spur. Im Koalitionsvertrag 2025 stehen „zaghafte Ansätze" (DGB-Formulierung) zur Anerkennung von Pflegezeiten. Konkrete Erhöhungen der Entgeltpunkte für Kindererziehungszeiten über das Rentenpaket I hinaus fehlen. Die GKV-Reform passierte mit Koalitionsmehrheit; eine Einkommensschutzklausel für Rentnerinnen unter einem bestimmten Schwellenwert wurde nicht eingebracht.
SPD — Grundrente als Deckung, Bürgerversicherung als Versprechen
Programm. Die SPD hat die Grundrente 2021 durchgesetzt — sie gleicht Rentenabstände für langjährig Versicherte mit niedrigen Entgeltpunkten aus und kommt überproportional Frauen zugute. Das Wahlprogramm 2025 enthält das Ziel einer Bürgerversicherung, die PKV-Versicherte einbezieht und die Beitragsbasis verbreitert.
Geste. Vizekanzler Lars Klingbeil betonte im Frühjahr 2026, die Koalition stehe für soziale Absicherung; die Grundrente sei eine SPD-Errungenschaft. Die Bürgerversicherung taucht in Talkshows auf.
Spur. Die Bürgerversicherung steht nicht im Koalitionsvertrag 2025 — CDU/CSU hat sie abgelehnt. Die Grundrente wirkt, schließt den Gap aber nicht strukturell: Wer weniger als fünf Jahre eingezahlt hat, geht leer aus, wer in Teilzeit arbeitete, erhält proportional weniger. Die GKV-Reform hat die SPD mitgetragen; Schutzmechanismen für einkommensschwache Rentnerinnen fehlen im beschlossenen Text.
Bündnis 90/Die Grünen — Programmatische Breite, Oppositionsposition
Programm. Die Grünen fordern eine Kindergrundsicherung, die mittelbar Erwerbsunterbrechungen reduzieren soll, sowie den Ausbau öffentlicher Kinderbetreuung. In früheren Legislaturperioden haben sie eine Bürgerversicherung gefordert. Das Rentenprogramm enthält Vorschläge zur Aufwertung von Care-Arbeit.
Geste. In Bundestagsdebatten zur GKV-Reform haben Grünen-Abgeordnete auf steigende Eigenanteile für einkommensschwache Gruppen hingewiesen.
Spur. Die Grünen sind seit Februar 2025 in der Opposition. Konkrete Anträge der 21. Wahlperiode zur Schließung des Gender Pension Gap lagen zum Redaktionsschluss nicht als Drucksachen vor; das Briefing verweist auf eine Recherche-Lücke. In der Abstimmung zur GKV-Reform votierte die Fraktion gegen das Gesetz — mit dem Argument fehlender sozialer Schutzklauseln. Der Bundestagspressedienst bestätigte die Oppositionshaltung.
AfD — Familiensplitting statt Lückenschluss
Programm. Die AfD lehnt eine Bürgerversicherung ab und setzt auf das Drei-Generationen-Modell: Rente soll stärker an Kinderzahl geknüpft werden — Mütterrente als Kerninstrument. Strukturelle Maßnahmen gegen den Lohnabstand, etwa Entgelttransparenz oder Aufwertung von Sorgearbeitszeiten in der Rentenformel, finden sich im Programm nicht.
Geste. Auf Parteitagen und in Talkshows wird der Gender Pension Gap selten als Systemproblem thematisiert; die Lücke wird auf individuelles Berufswahlverhalten zurückgeführt.
Spur. Anträge der AfD zur Rentenreform in der 21. Wahlperiode zielen nicht auf eine Schließung des Gaps durch strukturelle Lohngleichstellung oder erhöhte Sorgearbeitsäquivalente. Die GKV-Reform lehnte die Fraktion ab — aus anderen Gründen als der Oppositionsfraktion der Grünen, nämlich mit dem Argument zu hoher Staatsregulierung.
Die Linke — Maximalprogramm, Antragsaktivität
Programm. Die Linke fordert eine solidarische Mindestrente von 1.300 Euro, die Überführung aller Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung (einschließlich Beamte und Selbstständige) sowie eine Bürgerversicherung in der GKV. Sorgearbeit soll vollständig rentenrechtlich berücksichtigt werden.
Geste. Rentenarmut und Gender Pension Gap sind Kernthemen der Fraktion; ver.di und SoVD werden als Bündnispartner zitiert.
Spur. Die Linke hat in früheren Legislaturperioden Anträge zur Stärkung der GKV und zur Überführung von Privatversicherten eingebracht. In der 21. Wahlperiode liegen nach Briefing-Angaben Anträge zur Mindestrente und zur GKV-Reform vor — konkrete Drucksachennummern konnten aus dem vorliegenden Recherchematerial nicht gesichert zugeordnet werden. Die GKV-Reform lehnte die Fraktion geschlossen ab, mit explizitem Verweis auf Belastungen für Niedrigeinkommen.
Was das Raster ergibt
Die größte belegte Wort-Tat-Lücke liegt bei der SPD: Die Bürgerversicherung — seit mindestens 2013 programmatisch — hat die Fraktion in jeder Legislaturperiode, in der sie regierte, nicht durchgesetzt. Im Koalitionsvertrag 2025 fehlt sie.
Die GKV-Reform illustriert den Mechanismus doppelt. 63 Prozent der Bevölkerung halten die beschlossenen Maßnahmen laut ZDF-Politbarometer nicht für geeignet, die Probleme zu lösen. Rentnerinnen mit unter 1.000 Euro Monatsrente trifft die steigende Beitragsbemessungsgrenze — ab 2027 voraussichtlich 6.375 Euro — und der steigende Zusatzbeitrag gleichzeitig. Eine Einkommensschutzklausel: nicht im Gesetz.
Der Gender Pension Gap hat sich zwischen 1992 und 2023 von 69 auf 43 Prozent verringert — nicht wegen struktureller Rentenreform, sondern wegen veränderter Erwerbsmuster. Das Tempo reicht nicht: Bei aktuellem Rückgang dauert die Schließung Jahrzehnte.
