Wenn Politiker über die Zahl der Krankenkassen sprechen, klingt das nach Aufräumen. Über neunzig Kassen, sagt Carsten Linnemann, der neue Gesundheitsminister, „die in der Regel die gleichen Leistungen anbieten. Riesen Verwaltungsvolumen, da müssen wir ran. Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen."

Der Satz ist eingängig. Er ist auch nachrechenbar, und das haben wir getan.

Was am Ende bei Ihnen ankommt

Die Verwaltungskosten aller gesetzlichen Kassen zusammen betrugen 2025 netto 13,291 Milliarden Euro. Das klingt nach viel. Es sind 3,77 Prozent der Gesamtausgaben von 352,432 Milliarden. Die übrigen 96 Prozent gehen an Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Pflege.

Rechnen wir zugunsten der These: Eine Verwaltungskostensenkung um 15 Prozent — für Fusionen ein ehrgeiziger Wert — wären knapp zwei Milliarden Euro. Ein Beitragssatzpunkt ist rund 18 Milliarden wert. Macht 0,11 Prozentpunkte.

Diesen Punkt teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Auf Sie entfallen also 0,055 Prozent Ihres Bruttolohns. Bei 4.000 Euro im Monat sind das 2,20 Euro. Bei 3.000 Euro sind es 1,65 Euro.

Selbst die absolute Obergrenze ändert daran nichts: Würde die Verwaltung aller 73 kleineren Kassen restlos und spurlos verschwinden, wären es 0,118 Punkte.

Was dagegensteht

Der Einwand gegen unsere Rechnung ist ernstzunehmen: Über neunzig Körperschaften mit eigenem Vorstand, eigener IT und eigenem Marketing — dass darin kein Doppelaufwand steckt, glaubt niemand, der je eine Fusion gesehen hat. Und der Wettbewerb zwischen Kassen, mit dem die Vielfalt begründet wird, ist bei nahezu identischem Leistungskatalog schwer zu belegen.

Das Argument trägt. Es ändert nur die Größenordnung nicht. Wer den kleinen Teil der Ausgaben umrührt, kann dort keine großen Beträge finden — er kann sie dort nicht einmal suchen.

Der unbequeme Teil: die eigene Kommission

Am 30. März 2026 hat die FinanzKommission Gesundheit ihren ersten Bericht vorgelegt. Sie ist von der Bundesregierung eingesetzt, der Linnemann angehört. Darin steht, dass sich empirisch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Kassengröße und Verwaltungsausgaben je Versicherten zeigt.

Das ist keine Nebenbemerkung. Es ist die Prämisse, auf der die ganze Rechnung ruht.

Österreich ist der einzige Fall im deutschsprachigen Raum, in dem jemand nach einer Fusion nachgerechnet hat. Der Zusammenschluss von 2020 war mit einer Milliarde Euro Einsparung begründet worden. Der Rechnungshof bilanzierte 2023 einen Mehraufwand von 214,95 Millionen. Die Verwaltungsausgaben stiegen dort zwischen 2020 und 2024 um 39 Prozent — in der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung im selben Zeitraum um 7 Prozent.

Für Deutschland gibt es diese Rechnung nicht. Seit 1992 sind über 1.100 Kassenfusionen vollzogen worden. Für keine einzige liegt eine Auswertung mit Vergleichsgruppe vor. Das ist der eigentliche Befund dieser Recherche: Die Behauptung ist dreißig Jahre alt und nie gemessen worden.

Warum das mehr ist als eine Zahlenfrage

Der Beitragssatz steigt, und er steigt aus Gründen, die mit der Verwaltung nichts zu tun haben. Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag liegt 2026 bei 42,3 Prozent. Die Finanzierungslücke wächst auf über 15 Milliarden Euro im Jahr 2027 und über 40 Milliarden bis 2030. Der größte Treiber ist das Krankenhaus — allein 2025 mit einem Ausgabenplus von 9,7 Milliarden.

Wer als Beitragszahler wissen will, ob sein Beitrag sinkt, muss also nicht auf die Zahl der Kassen schauen, sondern auf die Klinikfinanzierung. Dort liegen die Milliarden, hier liegen die zwei Euro.

Das ist kein Vorwurf an den Mann, der das Amt übernimmt. Es ist die Antwort seiner eigenen Kommission, drei Monate vor seiner Ernennung — und der Grund, warum es sich lohnt, bei einem eingängigen Satz nachzurechnen.