Sein bester nächster Zug: eine ministerielle Weisung erlassen, die den Modular Open Systems Approach für alle Rüstungsbeschaffungen ab 25 Millionen Euro ressortübergreifend verbindlich macht.
Kernpunkte
- Die im Juli 2026 gegründete Zentralstelle MOSABw gilt bislang nur für Drohnensysteme; eine ressortweite Pflicht zu offenen Schnittstellen existiert nicht.
- Eine ministerielle Weisung liegt in der alleinigen Kompetenz des Verteidigungsministers und benötigt weder Bundesratsmehrheit noch Gesetzgebungsverfahren.
- Wissenschaftliche Dienste des Bundestages bestätigten im März 2026, dass Open-Source-Vorgaben in Ausschreibungen vergaberechtlich zulässig sind, wenn sachlich begründet.
- Der stärkste Einwand — Sicherheitsrisiken durch offene Quellcodes in militärischen Systemen — trifft für Schnittstellen-Standards weniger als für Kernsoftware; die USA haben MOSA seit 2019 gesetzlich verankert, ohne ihre Systemsicherheit zu kompromittieren.
- Pistorius sollte die Weisung bis zum 15. September 2026 erlassen; der Prüfstein ist ihre Veröffentlichung im Amtsblatt des BMVg.
Boris Pistorius erklärte im September 2025 vor dem Bundestag: „Die Beschaffung muss noch schneller und effizienter werden." Die Gründung der MOSABw im Juli 2026 ist der bisher sichtbarste Umsetzungsschritt — und zugleich die Grenze, an der die Reform bislang endet. Die Zentralstelle im BAAINBw entwickelt Regeln und Technologien für standardisierte Schnittstellen bei unbemannten Systemen. Für Fregatten, Kampffahrzeuge, Aufklärungssysteme und Logistikplattformen — allesamt Vorhaben, die die 25-Millionen-Euro-Schwelle spielend überschreiten — fehlt eine vergleichbare Pflicht.
Seit der Zeitenwende 2022 schloss der Bund nach eigenen Angaben 47.000 Beschaffungsverträge im Wert von 111 Milliarden Euro ab. Ein erheblicher Teil davon bindet die Bundeswehr an proprietäre Gesamtlösungen einzelner Hersteller: einmal verbaut, sind Komponenten weder austauschbar noch durch Dritte nachzurüsten, ohne erneut beim selben Anbieter zu kaufen. Jede Modernisierungsrunde wird zur Neuverhandlung, jede Neuverhandlung zum Nachforderungsrisiko. Pistorius hat diesen Mechanismus selbst beschrieben; die MOSABw ist seine Antwort — nur eben auf einem Teilgebiet.
Der empfohlene Zug. Das Haus hält eine ressortweite Erweiterung der ministeriellen Weisung für den besten verfügbaren nächsten Schritt. Das Instrument: eine Ergänzung der geltenden Rüstungsrichtlinie durch Erlass des Ministers, die MOSA-Grundsätze — offene Systemarchitektur, modularer Aufbau, standardisierte Schnittstellen, offene Industriestandards — für alle neuen Beschaffungsvorhaben ab 25 Millionen Euro verbindlich festsetzt. Parallel sollen Bestandsverträge auf Nachverhandlungsoptionen geprüft werden. Der erste Schritt ist administrative Arbeit, die innerhalb von Wochen beginnen kann: Entwurf der Weisung im BMVg, Abstimmung mit BAAINBw und Rechtsabteilung, Veröffentlichung im Amtsblatt.
Die Zielfunktion des Adressaten. Pistorius will schnellere Beschaffung, technologische Souveränität und Wettbewerb statt Monopol. Das Positionspapier der CDU/CSU-Fraktion von Januar 2025 nennt einheitliche Schnittstellen für Autonomie, Digitalisierung und KI als „elementare Notwendigkeit". Die Stoßrichtung ist parteiübergreifend konsensfähig. Der Rüstungsmarkt selbst signalisiert Offenheit: Vertreter der Industrie betonten im Frühjahr 2026, die Zeiten, in denen wenige große Plattformen den Markt bestimmten, seien vorbei.
Der Doppel-Test. Für den Adressaten: Die Weisung schließt die Lücke zwischen Reformrhetorik und Beschaffungsalltag, ohne parlamentarisches Verfahren zu benötigen. Sie ist der Zug, der die MOSABw-Logik von der Drohne auf die Fregatte überträgt. Für die drei Achsen — Demokratie, Ökologie, Effizienz: Die Demokratie-Achse ist unauffällig; offene Standards erhöhen Kontrollierbarkeit und reduzieren intransparente Monopolverhandlungen. Ökologie ist nicht der primäre Hebel, aber modulare Systeme verlängern Nutzungsdauern und vermeiden vollständige Neubeschaffungen. Der Effizienzgewinn ist der eigentliche Kern: Wettbewerb auf Komponentenebene, kürzere Modernisierungszyklen, weniger Nachforderungsrisiken.
Der stärkste Einwand. Rüstungsunternehmen und Teile des BAAINBw verweisen auf Sicherheitsrisiken durch offengelegte Quellcodes in militärischer Software sowie auf den Aufwand, komplexe Systemintegration über Herstellergrenzen hinweg zu gewährleisten. Das trifft einen realen Punkt — für Kern-Kampfsoftware, Kryptographieschichten, Führungsinformationssysteme. Für Schnittstellen-Standards trifft er weniger. MOSA schreibt nicht vor, dass der Quellcode aller Komponenten öffentlich sein muss; es schreibt vor, dass Schnittstellen nach offenen Industriestandards definiert sind, sodass Komponenten verschiedener Hersteller zusammenarbeiten. Die USA haben diesen Ansatz 2019 gesetzlich verankert — für Beschaffungsprogramme, die sicherheitskritischer kaum sein könnten — und seither keinen systemischen Rückgang ihrer Systemsicherheit dokumentiert. Ein Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages vom März 2026 bestätigte zudem, dass Open-Source-Vorgaben in Ausschreibungen vergaberechtlich zulässig sind, wenn sachlich begründet und verhältnismäßig. Beides trifft hier zu. Verbleibende Ausnahmen — etwa bei verschlüsselten Systemkern-Elementen — können in der Weisung explizit definiert werden.
Der Zug, den die MOSABw für Drohnen bereits geht, wartet bei jedem anderen Großprojekt auf seine Weisung. Die Zuständigkeit liegt beim Minister. Das Instrument liegt auf dem Schreibtisch.
Prüfstein
- Adressat: Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung
- Zug: Ministerielle Weisung erlassen, die MOSA-Grundsätze für alle Rüstungsbeschaffungen ab 25 Millionen Euro ressortübergreifend verbindlich festsetzt
- Frist: 15.09.2026
- Prüfstein: Veröffentlichung der erweiterten ministeriellen Weisung zur flächendeckenden Anwendung offener Systemarchitekturen im Amtsblatt des BMVg bis zum 15. September 2026 — ja oder nein
