Die CDU steht bei 24 Prozent. Die Linke bei 11 Prozent. Die SPD bei 8,4 Prozent. BSW, FDP und Grüne liegen jeweils bei 4 Prozent — unter der Sperrklausel.

Das ergibt, rechnerisch, einen Landtag mit drei Fraktionen. Und keine davon will mit einer anderen.

Sven Schulze hat erklärt, er schließe Koalitionen mit AfD und Linken aus. Er will die bisherige Dreierkoalition aus CDU, SPD und FDP fortsetzen — jenes Bündnis, das nach denselben Umfragen keine Mehrheit hätte, weil SPD und FDP die Fünf-Prozent-Hürde verfehlen könnten. Man muss das nicht als Sturheit lesen. Man kann es auch als Bekenntnis zur Arithmetik-Verleugnung lesen. Beides ist möglich.

Das stärkste Argument für Schulzes Kurs lautet: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Gerade FDP und SPD haben in Sachsen-Anhalt Erfahrung damit, Hürdenwarnungen in Parlamentssitze umzuwandeln. Sechs Wochen Wahlkampf mobilisieren Stammwähler. Die Initiative „Taktisch Wählen 2026", die seit Ende Juli für strategische Stimmen zu kleineren Parteien wirbt, adressiert genau dieses Potenzial. Und: Schulze führt das Land seit Januar 2026, nachdem Reiner Haseloff nach 15 Jahren Amtszeit seinen Rücktritt einreichte — die Regierungsbilanz, die er jetzt verteidigt, ist im Wesentlichen Haseloffs Erbe, das er als eigene Handlungsfähigkeit verbucht.

Aber der Einwand ist belastbar, nicht widerlegend.

Denn die strukturelle Asymmetrie dieser Wahl ist älter als die Juli-Umfrage. Die AfD Sachsen-Anhalt, vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft, führt in Umfragen seit Jahren. Ulrich Siegmund, ihr Spitzenkandidat, liegt bei der fiktiven Direktwahl des Ministerpräsidenten mit 32 Prozent vor Schulze mit 28 Prozent — ein Vorsprung, der weniger über Persönlichkeitswerte aussagt als darüber, dass 41 Prozent der Befragten bereit sind, das Amt in diese Richtung zu denken. Gleichzeitig wünschen sich nur 37 Prozent eine AfD-geführte Regierung — 4 Punkte weniger, als sie wählen würden. Der Abstand verrät, was die Umfragewerte nicht sagen: Wählen und Regieren sind für einen Teil der AfD-Wählerschaft getrennte Akte.

Siegmund nutzt diese Spannung. Sein Programm — Arbeitspflicht für Asylbewerber, mehr Abschiebungen, Deutschlandflagge in Schulen, Verbot der Regenbogenfahne, Abschaffung mindestens zweier Ministerien, die Kampagne „#deutschdenken" — ist nicht als Koalitionsdokument konzipiert. Es ist als Signal konzipiert. Weil Siegmund jede Koalition ausschließt, muss er nie erklären, welcher Koalitionspartner diese Punkte mittrüge. Das Programm ist unangreifbar, weil es nie geprüft werden soll.

Gemessen an der Demokratie-Achse ist das eine ernste Lage — nicht nur wegen der Inhalte, sondern wegen der Architektur: Ein Kandidat, der 41 Prozent der Stimmen anpeilt, hat kein Regierungskonzept, sondern ein Verweigerungskonzept. Er wäre bei einem solchen Ergebnis entweder zum Scheitern verurteilt oder auf eine politische Wende angewiesen, die er heute ausschließt.

Das schützt Schulze nicht. Es stellt ihn vor eine andere Aufgabe: Er muss nicht nur die CDU-Wähler halten, er muss die Landkarte der verbliebenen Koalitionsoptionen neu zeichnen. Die Linke, die bei 11 Prozent liegt, wäre rechnerisch verfügbar — und bleibt ausgeschlossen. Das BSW liegt knapp unter der Sperrklausel und ist koalitionspolitisch unberechenbar. Was übrig bleibt, ist ein CDU-Kandidat, der auf eine Koalition setzt, die nach aktueller Umfragelage nicht existiert.

Immerhin: Die Regierungsbilanz, die Schulze vorweist, ist nicht leer. 480 Millionen Euro aus dem Corona-Sondervermögen flossen in Krankenhäuser. Kita-Plätze für Geschwisterkinder wurden beitragsfrei gestellt. Die Polizei soll auf über 8.000 Beamte aufgestockt werden — ein Plan, kein Ergebnis. Die Staatskanzlei zählt Straßeninvestitionen, Wirtschaftsprojekte, Schulmodernisierungen. Schulze benutzt das Verb „vorangebracht", häufig und ohne konkrete Ziellinie.

2021 wurde die CDU in Sachsen-Anhalt mit 37,1 Prozent stärkste Kraft — und bildete die Regierung. 2026 könnte sie mit 24 Prozent stärkste Partei nach der AfD werden und keine Regierung bilden können.

Das ist der Kontrast-Satz dieser Wahl. Und er erklärt, warum „Sven Schulze regiert gegen die Uhr" keine Metapher ist, sondern eine Zustandsbeschreibung. Die Uhr läuft. Das Mehrheitsproblem läuft mit.