Es ist womöglich aber auch nicht genug.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob der Griff nach „Rienzi" mutig war. Sie lautet: Trägt die Aufarbeitung über diesen Jubiläumsabend hinaus?
Die Inszenierung funktioniert als Diagnose, wenn sie sich an ihrem eigenen Anspruch messen lassen muss – und das sollte sie.
Richard Wagners Oper „Rienzi, der letzte der Tribunen", die er mit 27 Jahren schrieb und nach ihrer Uraufführung 1842 nie grundlegend überarbeitete, wird 2026 erstmals im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt. Es ist das Werk, das Hitler nach eigenem Bekunden zur politischen Erkenntnis geführt haben soll. Er ließ die Ouvertüre auf Parteitagen spielen. Winifred Wagner, die Schwiegertochter des Komponisten und Förderin Hitlers, lieferte das Papier für „Mein Kampf". Die Festspiele selbst dienten als Kulisse der NS-Propaganda. Das ist die Ausgangslage, gegen die jede Inszenierung antritt, die dieses Haus in diesen Jahren auf die Bühne bringt.
Die Regisseurinnen Szemerédy und Parditka haben sich entschieden, den demagogischen Kern der Titelfigur nicht zu beschönigen. Rienzi – der Volkstribun, der zur Herrschaft aufsteigt und an seiner eigenen Hybris scheitert – wird nicht als tragischer Held geführt, sondern als politischer Verführer, der die Menge instrumentalisiert. Das ist die szenische Konsequenz, die der historischen Last des Werkes wenigstens entspricht. Wie weit sie reicht, lässt sich aus dem Abstand der Premiere noch nicht vollständig beurteilen; die ersten Kritiken sprechen von einem „geglückten Wagnis" mit sperrigem Ausgang.
Was sich sagen lässt: Die Aufarbeitung ist diesmal nicht allein symbolisch. Das Rahmenprogramm mit Friedman und den Gedenkveranstaltungen für verfolgte jüdische Musiker geht über die obligate Programmheft-Fußnote hinaus. Dass diese Veranstaltungen intern Widerstand erzeugten und erst nach Debatten stattfanden, macht sie nicht kleiner – aber es benennt, wie schwer der institutionelle Habitus des Hauses zu bewegen ist.
Hier liegt das eigentliche Argument, das die Debatte um „Rienzi" überlagert. Bayreuth hat ein strukturelles Problem mit seiner eigenen Geschichte – nicht trotz der Festspiele, sondern durch sie. Die enge Verflechtung der Familie Wagner mit dem NS-Regime war kein Ausreißer, sondern Jahrzehnte institutioneller Realität. Katharina Wagner, die seit 2008 die Leitung innehat, hat erkennbar eine andere Haltung als ihre Vorgänger. Aber Haltung und institutionelle Transformation sind verschiedene Dinge. Ein Jubiläumsprojekt, das die Geschichte einholt, ist noch kein Beleg dafür, dass die Erinnerungsarbeit zur Normalform des Betriebs wird.
Das ist der Maßstab, den Michel Friedman mit seiner Anwesenheit setzt, auch wenn er ihn vielleicht nicht in diesen Worten formuliert hat: Wer den Antisemitismus in Wagners Denken benennt – und er war programmatisch, nicht beiläufig –, muss die Konsequenz ziehen, dass diese Frage nicht mit einem Jubiläumsprojekt abgehandelt ist. Sie betrifft die Programmgestaltung der folgenden Jahre, die Auswahl der Regisseurinnen und Regisseure, die Bereitschaft, unbequeme Lesarten auch bei den Hauptwerken des Kanons zuzulassen.
Die Live-Übertragung in Kinos und über Streamingdienste tut das Ihre: Sie demokratisiert den Zugang zu einem Abend, der jahrzehntelang für Eingeweihte reserviert war, und macht die Auseinandersetzung sichtbar. Das ist kein marginaler Schritt.
Gut darin, die Lage zu benennen, und deutlich schwächer darin, die institutionellen Strukturen zu verändern – das war Bayreuths Bilanz der vergangenen Jahre. „Rienzi" kann der Anfang einer anderen Festspielkultur sein. Er kann auch der Schlusspunkt eines Jubiläumsgewissens sein. Das entscheidet sich nicht am 26. Juli 2026.
