Drei Sitzungswochen trennen Wadephul von der parlamentarischen Sommerpause. Die Schiffe sind abgezogen. Die Straße von Hormus ist für den europäischen Handel praktisch geschlossen.

Zum Hintergrund: Nachdem die USA und Israel Ende Februar 2026 Iran angriffen, blockierte Teheran die Straße von Hormus. Der Schiffsverkehr brach binnen Tagen ein — von über 90 Schiffen täglich auf zeitweise zwei. Im Juni 2026 unterzeichneten Washington und Teheran eine Absichtserklärung zur Beendigung des Kriegs, die Straße sollte wieder freigegeben werden. Mitte Juli 2026 kollabierte dieses Abkommen. Seitdem droht der Iran mit einer Ausweitung des Konflikts, die USA haben ihre Seeblockade verschärft. Der Schiffsverkehr ist nach Angaben von Marineforum und ZDF auf unter fünf Prozent des Normalwerts gefallen. Durch die Straße von Hormus fließen in normalen Zeiten rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls — eine Fläche, die sich im Engpass auf weniger als 50 Kilometer Breite verengt.

Am 24. Juli 2026 zog Deutschland seine beiden für eine mögliche Hormus-Mission vorbereiteten Schiffe — den Minenjäger „Fulda" und den Versorger „Mosel" — vom Golf von Aden ins östliche Mittelmeer ab. Begründung: Die Lage lasse keine hinreichend sichere Umgebung für einen Einsatz erwarten. Das ist eine realistische Lageeinschätzung. Es ist zugleich eine Entscheidung gegen den Moment.

Wadephul hat sich wiederholt für freie Seewege und eine gestärkte europäische Beteiligung an maritimen Operationen ausgesprochen. Er nannte die Straße von Hormus im Juni 2026 „unverzichtbar" für den Welthandel und schlug eine Ausweitung der EU-Mission Aspides vor. Was fehlt, ist der formale Schritt: ein Dringlichkeitsantrag im Politischen und Sicherheitspolitischen Komitee der EU, dem zentralen Gremium für die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik, das Krisenbewältigungseinsätze politisch steuert und dem Rat Empfehlungen gibt. Das PSK setzt sich aus Botschaftern der Mitgliedstaaten zusammen und tagt regelmäßig; ein Dringlichkeitsantrag eines Mitgliedstaats ist das vorgesehene Instrument, um die Mandatierungskette anzustoßen.

Der Vorschlag: Wadephul sollte binnen einer Woche einen formalen Dringlichkeitsantrag im PSK einbringen, der die Befassung des Rats mit einer eigenständigen europäischen maritimen Schutzmission für den Persischen Golf und die Straße von Hormus beantragt. Instrument: formeller nationaler Vorstoß über das Auswärtige Amt an das PSK-Sekretariat in Brüssel. Erster Schritt: Weisungen an die deutsche PSK-Botschafterin, den Antrag zur nächsten ordentlichen oder einer außerordentlichen Sitzung einzubringen. Größenordnung: Ein solches Mandat würde nach dem Vorbild der EU-Mission Aspides im Roten Meer operieren — die dort eingesetzten Fregatten und Begleitschiffe von neun beteiligten Nationen schützen seit Januar 2024 den Handelsverkehr; ein analoges Format für den Persischen Golf ist politisch und verfahrensrechtlich vorstellbar.

Das wäre aus Wadephuls eigener Zielfunktion heraus der konsequente Zug. Wer sagt, Europa müsse eigene diplomatische und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit beweisen — so die Linie, die durch seine Äußerungen seit Frühjahr 2026 zieht —, muss den Moment nutzen, in dem genau diese Handlungsfähigkeit auf dem Spiel steht. Ein verbaler Verweis auf Aspides ersetzt das nicht.

Doppel-Test. Für Wadephul ist es der Zug, der seine erklärte Zielfunktion mit einer konkreten Handlung unterlegt — anstatt die Position sprachlich zu halten und operativ zu warten. An den drei Achsen: Demokratie — ein PSK-Antrag ist der ordnungsgemäße Verfahrensweg, er stärkt die institutionelle GSVP-Architektur statt sie zu umgehen. Ökologie — eine Schutzmission reduziert das Risiko von Tankerunfällen in einer ökologisch hochsensiblen Meeresenge. Effizienz — die Mandatierungskette beginnt, sobald ein Mitgliedstaat den formalen Antrag stellt; die Hürde ist niedrig, der Hebel groß.

Der stärkste Einwand lautet: Eine GSVP-Mission erfordert Einstimmigkeit im Rat, und die ist nicht gesichert. Polen sieht seine Sicherheitsprioritäten anderswo; einige Ostmittelstaaten beobachten Hormus als fernes Theater. Das stimmt — und es ist kein Gegenargument gegen den Antrag, sondern ein Argument dafür, ihn früh einzubringen. Wer nicht fragt, bekommt kein Nein, aber auch kein Ja. Der Antrag zwingt die anderen zu einer Position; das Schweigen lässt die Koalitionsfrage ungeklärt. Frankreich führt bereits die Überwachungsmission EMASOH in der Straße von Hormus; Italien hat Minenräumboote in die Region verlegt und Bereitschaft signalisiert. Der Koalitionskern existiert. Ein formaler Antrag gibt ihm Struktur.

Wadephul hat bisher den omanischen Vermittlungsvorschlag in die EU-Außenministerrunde eingebracht — das ist ein diplomatischer Beitrag, kein operatives Mandat. Der Abstand zwischen beidem ist der Abstand zwischen Reden über Handlungsfähigkeit und ihrer Ausübung.

Prüfstein

  • Adressat: Johann Wadephul, Bundesminister des Auswärtigen
  • Zug: Einbringung eines formellen Dringlichkeitsantrags im PSK zur Mandatierung einer eigenständigen europäischen maritimen Schutzmission für den Persischen Golf und die Straße von Hormus
  • Frist: 14.08.2026
  • Prüfstein: Das Auswärtige Amt hat dem PSK einen formellen Antragsentwurf vorgelegt — nachweisbar durch eine PSK-Sitzungsankündigung, eine Drucksache des Rats oder eine offizielle Stellungnahme des Auswärtigen Amts (ja/nein).