Luiz Inácio Lula da Silva hat dieser Tage seinen bevorzugten Feind — und der sitzt im Weißen Haus. Am 1. Juni 2026 veröffentlichte der USTR das Ergebnis einer Section-301-Untersuchung, die im Juli 2025 eingeleitet worden war: 25 Prozent Zoll auf nahezu alle Waren brasilianischen Ursprungs, wirksam ab dem 22. Juli 2026. Als Begründung listet Washington einen ungewöhnlich breiten Katalog: angeblich unlautere Praktiken beim digitalen Handel und bei Zahlungsdiensten, Ethanolzölle, mangelnde Eigentumsrechte, Abholzung, Zwangsarbeit, präferenzielle Tarife. Kurz darauf kam ein weiterer Ankündigungszoll von 12,5 Prozent für Produkte, die mit Zwangsarbeit in Verbindung gebracht werden — kumuliert wären das 37,5 Prozent auf bestimmte Exportkategorien. Brasilien schätzt, dass 23,1 Prozent seiner gesamten Exporte betroffen sind; 16,5 Prozent könnten den vollen Satz tragen.

Lula trat ans Mikrofon. „Wir können nicht akzeptieren, wie die Vereinigten Staaten Brasilien diese Woche behandelt haben", sagte er am 4. Juni. Brasilien werde Gegenmaßnahmen nach dem nationalen Gegenseitigkeitsgesetz aktivieren, den Fall der WTO vorlegen, Beschränkungen für US-Medienkonzerne und eine Aussetzung bestimmter Pharma- und Agrarpatente prüfen. Die Maßnahme sei willkürlich und unbegründet. Dann passierte: wenig. Bis Ende Juli hatte die brasilianische Regierung offiziell keine konkreten Vergeltungszölle in Kraft gesetzt; stattdessen suchte Brasilia das Gespräch. Das Programm „Brasil Soberano" zur Unterstützung betroffener Exporteure wurde angekündigt, Details blieben vage.

Das ist eine Konstante im Wollen und Wirken Lulas: Die Ankündigung ist präzise, die Ausführung schleppt sich.

Was wirklich vorwärts gegangen ist

Beim Amazonasschutz zeigt die Messkurve tatsächlich nach unten. Im Juni 2026 meldete Brasilien einen Rückgang der Abholzungsrate gegenüber Mai 2025 um 61,4 Prozent. Al Jazeera berichtete Anfang Juli, der Amazonas verzeichne den niedrigsten Abholzungsstand seit einem Jahrzehnt. Das ist nicht bloß Zahlensymbolik: Unter Bolsonaros letztem Amtsjahr 2022 lag die jährlich vernichtete Fläche mehr als doppelt so hoch. Lulas Umweltministerium unter Marina Silva hat Überwachungskapazitäten ausgebaut und die Strafverfolgung gegen illegale Rodungen verschärft. Das geht in die Geschichte — und sollte, auch für eine kritische Redaktion, klar benannt werden.

Ebenso substanziell: die Steuerreform, die die Regierung trotz konservativer Mehrheit im Kongress durch demokratische Abstimmung durchgebracht hat. Sie vereinfacht ein pathologisch fragmentiertes Steuersystem und schafft erstmals einheitliche Konsumsteuern. Das war die wichtigste strukturelle Wirtschaftsreform seit Jahren; ihr parlamentarischer Weg war mühsam, das Ergebnis bleibt.

Was Betrieb war

Die Reisediplomatie der vergangenen Wochen — Auftritte Lulas als globaler Mediator, Gipfelgespräche am Rande des G7, Bekenntnisse zur multilateralen Ordnung — gehört in die Kategorie: notwendiger Betrieb ohne bleibende Spur. Lula ist ein erfahrener Protagonist auf der Weltbühne; das schafft Sichtbarkeit, aber keinen messbaren außenpolitischen Hebel, solange die Gegenmaßnahmen auf dem US-Handel warten.

Auch der Kongress-Alltag: Die Regierung zimmert Mehrheiten dort, wo sie sie braucht, zahlt in der informellen Währung brasilianischer Koalitionspolitik — Ressortposten, Haushaltsmittel, Duldung von Einzelinteressen. Das ist Handwerk, kein Beitrag.

Pose und Klamauk

2019 erklärte Lulas damaliger Amtsnachfolger den Ölsektor zur nationalen Priorität; 2026 schließt Lula selbst den Kreis. Im Mai 2026 kündigte er die Wiederaufnahme von Ölbohrungen im Amazonasbecken nach zehnjähriger Unterbrechung an. Gleichzeitig präsentiert sich Brasilien international als Klimavorreiter und Gastgeber der COP30 im November 2026 in Belém. Beides lässt sich nicht ohne Bruch zusammendenken — Lula hat den Bruch nie explizit benannt.

Noch konkreter: Ende Mai 2026 verabschiedete der Kongress zwei Gesetzespakete, die Umweltauflagen für extraktive Projekte lockern und Indigenenrechte schwächen. Lula legte sein Veto ein — gegen Teile. 56 von 63 Einzelvetos hob er selbst wieder auf. Was als Widerstand angekündigt war, endete als Abstimmungsarithmetik. Marina Silva hatte das Kerngesetz zuvor einen „Todesstoß" für den Umweltschutz genannt. Lulas Unterschrift steht trotzdem darunter — indirekt, durch das Zurückziehen seiner eigenen Einwände. Der Abstand zwischen dieser Geste und dem Abholzungsrekord, auf den er sich gleichzeitig beruft: Das ist der Kontrast, den dieser Monat produziert hat.

Die Zollrhetorik folgt demselben Muster. Lula nutzte die US-Zölle für einen Anlass, den er politisch braucht: Washington als Aggressor, Brasilien als souveräner Süden, er selbst als Verteidiger der nationalen Würde. Das funktioniert innenpolitisch. Die Exportunternehmen, die ab dem 22. Juli unter den 25-Prozent-Zöllen leiden, haben davon wenig.

Wohin läuft die Person?

Lula ist 80 Jahre alt und weiß das. Seine Trajektorie ist die eines Mannes, der Amtszeit und Vermächtnis gleichzeitig verwaltet — und dabei zunehmend zwischen beiden wählt. Wo das Vermächtnis Amazonasschutz verlangt, liefert er Messresultate. Wo der Betrieb des Amts Kompromisse verlangt — mit dem Kongress, mit Agrarpolitik, mit dem Ölsektor — unterschreibt er, ohne es laut zu sagen.

Die COP30 in Belém im November 2026 ist der nächste große Moment. Brasilien wird als Gastgeber sichtbar sein; Lula wird reden. Ob die Abholzungskurve bis dahin hält, ob das „Verwüstungsgesetz" durch parlamentarische Mehrheiten vollständig in Kraft tritt und ob die angekündigten WTO-Schritte gegen die US-Zölle je konkret werden: Das sind die drei messbaren Prüfsteine bis Jahresende.

Gut darin, die Lage zu benennen. Erkennbar schwächer darin, die eigenen Ankündigungen zu vollenden.