Die UEFA nannte das einen „schäbigen Deal" und drohte, keine einzige Nationalmannschaft mehr zu einem FIFA-Wettbewerb zu schicken. Dann zog Infantino den Plan zurück.

Infantinos Rückzug sieht nach einem Sieg der UEFA aus. Er ist einer — aber ein schmalerer, als die Pressemitteilungen suggerieren. Denn wer die Statuten, die Finanzströme und die Vertragsarchitektur liest, sieht: Die Drohung, mit der die UEFA diesen Sieg errungen hat, war von Anfang an nur begrenzt ausführbar.

Was die Statuten sagen — und was sie offenlassen

Die FIFA-Statuten verpflichten Mitgliedsverbände, an den von der FIFA organisierten Wettbewerben teilzunehmen. Sie verpflichten alle Organe, Statuten, Vorschriften und Entscheidungen der FIFA zu respektieren. Die Mitgliedschaft in einer Konföderation wie der UEFA ist Bedingung für die FIFA-Mitgliedschaft — und damit für die Teilnahme an allen internationalen Spielen überhaupt. Ein Boykott hätte daher nicht nur auf FIFA-Turniere gezielt, sondern die eigene Rechtsstellung der Verbände berührt.

Konkrete vertragliche Klauseln, die einen geordneten kollektiven Rückzug ermöglichen, sind in den öffentlich zugänglichen Dokumenten nicht ausgewiesen. Die FIFA verfügt nach Statut über das ausschließliche Recht, internationale Fußballspiele zu organisieren — und über die Möglichkeit, Mitgliedsverbände unter außergewöhnlichen Umständen zu suspendieren. Was genau einen solchen Umstand konstituiert, liegt im Ermessen der FIFA-Exekutive. Das ist kein kleines Detail.

Dazu kommt die TV-Schicht. Die WM 2022 in Katar generierte im vierjährigen Zyklus 2019–2022 Einnahmen von 6,3 Milliarden US-Dollar — 83 Prozent aller FIFA-Einnahmen in diesem Zeitraum. Für den aktuellen Zyklus 2023–2026 erwartet die FIFA mehr als 11 Milliarden US-Dollar. Der größte Einzelposten: TV-Rechte mit 44 Prozent. Diese Rechte sind an Sender weltweit verkauft, mit Verträgen, die keine Klausel für den Fall vorsehen, dass die 55 europäischen Verbände geschlossen absagen. Ein Boykott hätte Schadenersatzansprüche in unbekannter Höhe ausgelöst — gegen die UEFA, gegen die nationalen Verbände, möglicherweise gegen die Klubs, die ihre Spieler für Länderspiele abstellen.

Das Abhängigkeits-Geflecht

Die UEFA stellt 55 der 211 FIFA-Mitgliedsverbände. Sportlich ist Europa unverzichtbar: keine WM ohne deutsche, französische, spanische oder englische Nationalmannschaften ist marktfähig, schon gar nicht für die großen TV-Lizenznehmer in Europa und Nordamerika. In diesem Sinne hat die UEFA echten Hebel.

Zugleich ist die UEFA im gleichen kommerziellen System verankert, dessen Ausläufer sie jetzt als Bedrohung beschreibt. Champions League, Europa League, Nations League — alle diese Formate sind von der Logik abhängig, dass Nationalmannschaftsfußball und Klubfußball ineinandergreifen, und alle profitieren von dem globalen Aufmerksamkeits-Kapital, das die WM produziert. Čeferins UEFA hat in den vergangenen Jahren die Kommerzialisierung des Klubfußballs selbst vorangetrieben, die Champions-League-Reform verhandelt, Hospitality-Pakete und Sponsorendeal gestapelt.

Infantino seinerseits ist kein Outsider. Er war vor seiner FIFA-Präsidentschaft UEFA-Generalsekretär — er kennt das System von innen, er hat es mitgebaut. Den Plan einer „FIFA Forward Enterprise" als Bruch mit diesem System zu lesen wäre falsch: Er ist seine Verlängerung, mit verschobener Kontrolle.

Wer den Plänen zustimmte — und warum

Der CAF, der afrikanische Kontinentalverband, zeigte sich offen für das Investorenmodell. Das erklärt sich ohne moralisierenden Kommentar aus der Zahlen-Lage: Das FIFA-Forward-Programm schüttet unter Infantino bis zu acht Millionen US-Dollar pro Verband und Zyklus aus — doppelt so viel wie vor seiner Amtszeit. Für Verbände, die strukturell unterfinanziert sind, ist das kein abstraktes Angebot. Es ist eine konkrete Einnahmelinie.

Das ist die Sollbruchstelle im Bild des geschlossenen Widerstands. UEFA, CONCACAF und AFC repräsentieren zusammen 136 von 211 Verbänden — genug, um den Plan zu blockieren. Nicht genug, um zu behaupten, der Fußball spreche mit einer Stimme.

Was nach dem Rückzug bleibt

Infantino hat den Plan für die FIFA Forward Enterprise zurückgezogen, um — so sein Wortlaut — Spaltung zu vermeiden. Die UEFA begrüßte das als Erfolg und forderte gleichzeitig, alle relevanten Dokumente zu sichern und drohte mit einem Schiedsverfahren. Der Konflikt ist damit nicht beendet, er ist verschoben.

Die Grundfrage bleibt bestehen: Wie finanziert sich die FIFA langfristig, wenn die WM-Einnahmen zwar wachsen, aber der Apparat und die Ausschüttungsansprüche schneller wachsen als die Einnahmen? Eine Antwort lieferte weder der Plan noch sein Scheitern.

Ob die UEFA-Drohung beim nächsten Anlauf — einer reformierten Version desselben Plans, einem anderen Finanzierungsmodell, einer ruhigeren Legislaturperiode — noch dasselbe Gewicht hat, hängt davon ab, ob sie in der Zwischenzeit die strukturellen Fragen beantwortet, die sie diesmal umgangen hat. Woran man das in den nächsten zwölf Monaten erkennt: ob die UEFA ein eigenes Gegenmodell für die Finanzierung kleinerer Verbände vorlegt — oder ob die Blockade ihr letztes Instrument bleibt.