Was der Staatsvertrag als Auftrag zur angemessenen Berücksichtigung der vielfältigen Regionen formuliert, stößt auf eine Struktur, deren Tragfähigkeit für investigative Regionalberichterstattung sich zunehmend schwer belegen lässt.

Greifswald hat rund 60.000 Einwohner und ist Universitätsstadt, Hafenort, Grenzregion zu Polen. Das NDR-Vorpommernstudio dort beliefert das Landesfunkhaus Schwerin mit Material — Beiträge für das Nordmagazin, Zulieferungen für NDR 1 Radio MV, gelegentlich Beiträge für das Hamburger Zentralprogramm. Was aus diesem Studio kommt, wann, wie oft und in welchem Umfang: dazu veröffentlicht der NDR keine Standort-Aufschlüsselung.

Das ist keine Randnotiz. Es ist der Kern des Problems.

Was der Staatsvertrag regelt — und was nicht

Der NDR-Staatsvertrag formuliert den Grundauftrag so: Der Sender hat sein Programm grundsätzlich in allen vier Ländern seines Sendegebiets herzustellen und dabei die vielfältigen norddeutschen Regionen, ihre Kultur und Sprache angemessen zu berücksichtigen. Dieser Satz ist weit. Er sagt nicht, wie viele Studios es geben muss. Er sagt nicht, wie viele Stellen, welche Sendezeiten, welche Eigenproduktionsquote. Die Kündigung des Staatsvertrags ist frühestens zum 1. August 2031 möglich — bis dahin ist der Rahmen stabil, aber interpretationsoffen.

Was „angemessen" bedeutet, entscheidet der NDR in weitem Umfang selbst. Das Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin koordiniert die Berichterstattung für das Land; Greifswald und Rostock sind operative Satelliten. Wer in Greifswald aus dem Studio berichtet, wie viele Redakteure dort festangestellt sind, wie viel Sendezeit auf Beiträge aus Vorpommern entfällt — diese Zahlen erscheinen weder im NDR-Jahresbericht noch in den öffentlich zugänglichen Programmleistungserhebungen der Media Perspektiven, die ihrerseits nach Genre (Information, Unterhaltung, Sport) gliedern, nicht nach Produktionsstandort.

Die Volontariats-Rechnung

Was der NDR öffentlich kommuniziert, ist die Ausweitung der Regionalvolontariate: von vier auf acht Stellen, ein Schritt, den Intendant Joachim Knuth als Bekenntnis zur journalistischen Stärkung der Regionen verbucht. Die Verdoppelung ist real. Was sie bedeutet, ist weniger eindeutig.

Volontariate dauern in der Regel 18 bis 24 Monate. Sie sind Ausbildungsverhältnisse, keine Planstellen. Ob die acht Plätze einem Abbau von Festanstellungen an den Regionalstandorten gegenüberstehen, ob sie ihn kompensieren oder ob die Netto-Kapazität tatsächlich gewachsen ist — das lässt sich aus dem verfügbaren Material nicht ableiten. Ein Sender, der Volontariate verdoppelt und gleichzeitig keine Personalzahlen für seine Außenstudios ausweist, kommuniziert Bewegung ohne Richtung.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat sich positiv über die Rolle des NDR und die regionale Berichterstattung geäußert. Solche Statements sind eine Art politischer Quittung — und zugleich der schlechteste Indikator für journalistische Tiefe. Die Nähe zwischen Landespolitik und dem Sender, der über sie berichtet, ist strukturell angelegt: Die Länder sind Vertragsparteien, die Rundfunkräte sind politisch besetzt.

Was nicht gemessen wird, kann nicht fehlen

Dass regionale Eigenproduktionen aus Greifswald zugunsten zentraler Formate zurückgegangen sind, lässt sich weder belegen noch widerlegen — weil die Datenlage es nicht erlaubt. Programmleistungsdaten öffentlich-rechtlicher Sender werden in Deutschland nach Kategorien erhoben: Information, Unterhaltung, Kultur, Sport, Werbung. Eine Aufschlüsselung nach Produktionsstandort gibt es nicht. Das bedeutet: Ein Rückzug aus Greifswald wäre in den öffentlich zugänglichen Daten unsichtbar, solange das Nordmagazin insgesamt seine Sendezeit behält.

Diese Struktur ist kein Zufall. Sie ist ein Feature eines Systems, das Transparenz über den Gesamtauftrag herstellt, aber keine Transparenz über seine geographische Verteilung. Eine Studie der Universität Mainz im Auftrag der Stiftung Mercator hat öffentlich-rechtliche Nachrichtenformate auf Perspektivenvielfalt untersucht — primär thematisch und politisch, nicht regional. Auch diese Forschung kann keine Auskunft geben, wie Greifswald im Vergleich zu 2020 abschneidet.

Kontrollinstanz oder Verteilerstation — die Frage, die sich nicht beantworten lässt

Die redaktionelle Ausgangsfrage — ob Regionalstudios noch Kontrollinstanz oder längst Verteilerstationen sind — trifft auf ein Datenmaterial, das sie strukturell nicht auflöst. Was sich zeigen lässt: Der rechtliche Rahmen erlaubt Konsolidierung. Der NDR kommuniziert keine standortgenauen Kapazitätszahlen. Die politische Aufsicht ist institutionell nicht unabhängig. Und die einzige öffentlich kommunizierte Investition — die Volontariate — ist in ihrer Nettowirkung unklar.

Was investigative Regionalberichterstattung braucht, ist Zeit, Ortskenntnis und Kontinuität. Alle drei Faktoren hängen an Personalstellen, nicht an Ausbildungsplätzen. Ein Studio, das primär Beiträge für ein zentrales Landesprogramm zuliefert, ohne eigene Sendezeit mit nachweisbarem Umfang, ist strukturell ein Zuspielapparat — unabhängig davon, wie engagiert die dort arbeitenden Journalistinnen und Journalisten sind.

Ob das Vorpommernstudio Greifswald in diese Kategorie fällt, bleibt offen. Woran man in einem Jahr erkennen könnte, dass sich etwas geändert hat: wenn der NDR beginnt, standortgenaue Personalzahlen und Eigenproduktionsquoten zu veröffentlichen — und wenn diese Zahlen zeigen, dass in Greifswald Kapazität aufgebaut wurde, die über Ausbildungsverhältnisse hinausgeht. Solange das ausbleibt, ist Transparenz das eigentliche Messobjekt.