Vizekanzler Lars Klingbeil hat die Frühstartrente im August 2026 als Startkapital für eine Generation bezeichnet, die den Kapitalmarkt früh kennenlernen soll. Das Kabinett beschloss: zehn Euro pro Monat, ab dem sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr, in ein individuelles Altersvorsorgedepot. Wer kein eigenes Depot eröffnet, landet in der kollektiven Anlage der Deutschen Bundesbank.

Das klingt nach einer ordentlichen Idee. Wer früh anfängt, profitiert vom Zinseszins – das ist keine Meinung, das ist Mathematik. Der DAX hat seit 1970 im Schnitt knapp 6,93 Prozent pro Jahr geliefert, für Zehnjahreszeiträume nennt das Deutsche Aktieninstitut Werte zwischen fünf und fünfzehn Prozent, je nach Einstiegszeitpunkt. Wer rechnet, kann sich vorstellen, was aus zehn Euro monatlich über Jahrzehnte wird.

Klingbeil und die Bundesregierung rechnen es auch – und zwar öffentlich und großzügig. Bei 8,7 Prozent jährlicher Rendite sollen aus den staatlichen Einzahlungen bis zum Renteneintritt rund 151.000 Euro werden. Das ist die Schaufensterzahl. Sie steht auf den Infoseiten des Bundesfinanzministeriums und in den Erklärvideos der Sparkassen. Was dort seltener steht: Bei sechs Prozent Rendite – einem historisch durchaus realistischen Wert – schrumpft dieselbe Summe auf rund 36.322 Euro. Und das vor Gebühren.

Das Gebühren-Problem ist das ehrlichste am ganzen Modell. Eine Kostendeckelung von einem Prozent pro Jahr wird diskutiert. Ein Prozent klingt nach wenig. Über dreißig oder vierzig Jahre ist es ein erheblicher Teil des Endvermögens – und zwar jener Teil, den der Staat dem Kind versprochen hatte. Der Verbraucherzentrale Bundesverband kritisiert genau das: Die Deckelung könnte zu hoch sein, die kollektive Anlage durch die Bundesbank entzieht dem Kind zudem den pädagogischen Kern des Programms, weil keine Kursbewegung auf einem persönlichen Konto sichtbar ist. Wer die Börsenschwankungen nicht erlebt, lernt den Umgang mit ihnen nicht.

Das zweite Problem ist arithmetischer Natur. Die gestaffelte Einführung – beginnend mit dem Jahrgang 2020, jährlich ein weiterer Jahrgang, vollständig erst 2038 – bedeutet: Kinder, die heute zwölf Jahre alt sind, bekommen nichts. Kinder, die heute acht sind, bekommen von zwölf möglichen Förderjahren nur noch sechs. Der Zinseszins ist bekanntlich am mächtigsten am Anfang der Laufzeit, nicht am Ende. Wer die Förderung mit dem Argument einführt, Kinder sollen früh vom Kapitalmarkt profitieren, und dann für jüngere Jahrgänge zehn Jahre wartet, hat das Prinzip des Frühstartens nicht ganz durchdacht.

Nun das stärkste Argument der anderen Seite. Irgendwo muss angefangen werden. Ein gestaffelter Start ist administrativ beherrschbar, ein sofortiger Start für alle acht Millionen kindergeldberechtigten Kinder wäre logistisch und haushaltstechnisch eine andere Kategorie. Zehn Euro monatlich sind keine Rentengarantie, aber ein Symbol – und Symbole können Verhalten verändern. Wenn Eltern das Depot als Einladung begreifen, selbst aufzustocken (möglich bis zu 6.840 Euro jährlich), entsteht tatsächlich etwas. Das Programm ist dann nicht die Lösung, sondern der Anstoß. Das ist eine ehrliche Verteidigung.

Sie erklärt aber nicht, warum der Anstoß zehn Euro kostet und nicht fünfzig. Oder warum die Rentenstrukturprobleme, die eine staatliche Kapitalmarktförderung erst nötig machen, in der Pressemitteilung des Finanzministeriums nicht vorkommen. Das Umlagesystem der gesetzlichen Rente ist demografisch unter Druck – das ist kein Geheimnis, das ist der Bundesbank-Jahresbericht. Wer in dieser Lage zehn Euro monatlich in Aktien steckt, kauft sich keine kapitalgedeckte Ergänzung: Er kauft sich eine Geschichte darüber, etwas getan zu haben.

Gut darin, den Kapitalmarkt als kulturellen Wandel zu inszenieren. Deutlich schwächer darin, die institutionellen Grundlagen zu legen, die einen solchen Wandel tragen.

Die Frage, die im Parlamentarischen Raum niemand öffentlich stellt, lautet: Warum lagert der Staat das Kapitalmarktrisiko an Sechsjährige aus, statt die Systemfehler der Altersvorsorge anzugehen, für die er selbst zuständig ist? Das Rentenrecht liegt beim Bund. Die Beitragssätze liegen beim Bund. Die Rentenformel liegt beim Bund. Wer die Möglichkeit hat, das System zu verändern, und stattdessen zehn Euro monatlich verteilt, hat sich entschieden – er hat sich nur nicht getraut, es so zu sagen.

1.440 Euro staatliche Gesamteinzahlung pro Kind. 2038, wenn das Programm vollständig greift, gibt es eine Generation, die monatlich ihren Depotwert abrufen kann. Vielleicht lernen sie dabei etwas über Märkte. Sicher lernen sie etwas über den Staat: dass er Versprechen gern in kleiner Münze macht.