Zwischen Oktober 2025 und März 2026 stieg das Gesamtvolumen von 184,2 auf 199,1 Milliarden Euro — ein Zuwachs von rund 14,9 Milliarden Euro in fünf Monaten. Die Zahl der ausgeführten Sparpläne kletterte im selben Zeitraum von 5,41 auf 5,8 Millionen. Monatlich fließt jetzt etwa 1,05 Milliarden Euro allein über ETF-Sparpläne in den Markt; 2024 waren es über das Gesamtjahr 15,6 Milliarden Euro, 2025 lagen die kumulierten Sparplanflüsse bei 9,3 Milliarden Euro bis Oktober. Die durchschnittliche Sparrate ist von 177 Euro (2025) auf 181,5 Euro (März 2026) gestiegen — kleine Beträge, multipliziert mit 5,8 Millionen Plänen.
Diese Zahlen beschreiben eine Nachfrage, die bereits ohne staatliche Lenkung erheblich ist. Deutschland ist, gemessen an den rund 500 Milliarden Euro Gesamtvolumen Mitte 2025, bereits der größte ETF-Markt in Europa. Zwischen Mitte 2023 und Mitte 2025 flossen fast 90 Prozent aller neu in Publikumsfonds angelegten Gelder deutscher Anleger in ETFs. Der Strukturwandel weg von aktiv gemanagten Fonds ist also nicht Ankündigung, sondern Vollzug.
Das Altersvorsorgedepot soll diesen Trend formalisieren und beschleunigen. Das Altersvorsorgereformgesetz, Ende Mai 2026 in Kraft getreten, ermöglicht ab 1. Januar 2027 ein staatlich gefördertes Depot, das ETFs und Fonds zulässt. Die entscheidende Stellschraube ist die Kostenbegrenzung: Für Standarddepots gilt eine jährliche Effektivkostenobergrenze von 1,0 Prozent. Zum Vergleich: Ein breit gestreuter Welt-ETF kostet in der Regel 0,1 bis 0,2 Prozent jährlich. Zwischen ETF-Produktkosten und gesetzlichem Höchstsatz bleibt damit ein Spielraum von bis zu 0,8 Prozentpunkten — der bei Depotanbietern, Vertrieb und Verwaltung verbleibt.
Finanztip, die gemeinnützige Verbraucherorganisation, hat öffentlich eine Deckelung bei 0,5 Prozent gefordert. Der Neobroker Scalable Capital kündigte an, das Standarddepot gebührenfrei anzubieten; Sparer würden demnach nur die laufenden Produktkosten der ETFs tragen, also maximal 0,15 Prozent jährlich. Das ist das eine Ende der Spanne. Ob die etablierten Anbieter — Deka, DWS, Union Investment — sich dieser Preisspanne annähern oder den gesetzlichen Rahmen ausschöpfen, ist noch offen. Die Verbraucherzentrale stellt die Frage, die sich aus dieser Unsicherheit ergibt, offen: Rentenchance oder teure Verkaufsfalle?
Die Frage ist nicht rhetorisch. Historische Aktienrenditen des MSCI World lagen bei durchschnittlich 7 bis 8 Prozent jährlich, bei einer Anlagedauer von mindestens 15 Jahren gab es rückblickend keinen Verlust. Der Kostenvorteil von ETFs gegenüber klassischen Versicherungsprodukten — 0,1 bis 0,5 Prozent gegen 1,5 bis 3,0 Prozent — kann über 30 Jahre in der Größenordnung von 90.000 Euro Endvermögensunterschied ausschlagen. Das ist der Fall für den langfristigen Anleger mit Nerven für Schwankungen.
Ein Drittel der deutschen Sparer gehört aber nicht zu dieser Gruppe. Laut einer Erhebung bevorzugt dieser Anteil Anlagen mit garantiertem Auszahlungsbetrag. Das Altersvorsorgedepot trägt diesem Profil Rechnung, indem es Garantieprodukte mit Beitragserhaltung oder reduzierten Garantien von 80 Prozent zulässt — zu entsprechend anderen Konditionen. Eine automatische Passform für sicherheitsorientierte Sparer ist das neue System damit nicht. Die Verbraucherzentralen empfehlen, ETF-Anlagen ausschließlich entsprechend der eigenen Risikobereitschaft und mit langem Anlagehorizont zu wählen. Die institutionelle Herausforderung besteht darin, dass ein Förderrahmen, der ETFs begünstigt, implizit eine Risikotoleranz voraussetzt, die nicht universell vorhanden ist.
Hinter der Nachfrageseite liegt eine Angebotsstruktur, die bislang wenig Differenzierung zeigt. Die wachsende Masse an Sparplänen fließt überwiegend in eine handvoll globaler Standardindizes — MSCI World, FTSE All-World, S&P 500. Das ist für einzelne Anleger ökonomisch sinnvoll: breit gestreut, kostengünstig, liquide. Aggregiert ergibt es eine Konzentration von Geldströmen in Instrumente, die von wenigen großen Indexanbietern und Emittenten kontrolliert werden. BlackRock (iShares), Amundi und DWS dominieren die europäische ETF-Produktlandschaft; der Zufluss durch das Altersvorsorgedepot dürfte ihre Marktposition weiter festigen.
Für den Zyklen-Beobachter ist die Konstellation bekannt: Ein politischer Schub erhöht die Nachfrage nach einer bestimmten Anlageklasse, das Angebot reagiert zunächst in der Breite und standardisiert sich dann. Die interessante Frage für 2027 und die Folgejahre lautet, ob der gesetzliche Kostendruck — kombiniert mit dem Preiskampf, den Neobroker wie Scalable ankündigen — auch bei etablierten Anbietern zu strukturell niedrigeren Kosten führt, oder ob der Spielraum zwischen ETF-Produktkosten und Effektivkostenobergrenze als Gebührenreservoir genutzt wird.
Die erste Marktprobe kommt binnen 18 Monaten: Welche Anbieter gehen 2027 mit welchen Konditionen an den Start — und welcher Anteil der neuen Depots landet bei Produkten, die die 0,5-Prozent-Marke unterschreiten, die Verbraucherschützer als sachlich angemessen betrachten? Läge dieser Anteil unter 50 Prozent, wäre das ein Indiz dafür, dass die gesetzliche Obergrenze zu weit gezogen ist und der Markt die Fördermittel in Gebühren umverteilt statt in Rendite.
