Ein Briefkasten in Mariupol trägt immer noch den Namen der Familie, die darin wohnte. Die russische Armee hat das Haus abgerissen. Den Briefkasten haben sie stehen lassen.
Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem, was bleibt und was nicht, prägt auch die Bilanz der vergangenen dreißig Tage.
Die Angriffe
Im Juli 2026 feuerte Russland mindestens 376 Raketen auf ukrainisches Territorium, nach ukrainischen Angaben die höchste Monatszahl seit Kriegsbeginn. Etwa die Hälfte davon waren ballistische Raketen — jene Klasse, die auf flachen Trajektorien mit kurzen Vorwarnzeiten eintrifft und gegen die die ukrainische Luftverteidigung wenig ausrichten kann. Am 1. August erreichte eine Welle von 27 ballistischen Raketen die Ukraine; eine wurde abgefangen. Am 5. August folgten 28 Raketen und 115 Drohnen: 17 Menschen starben, keine einzige ballistische Rakete fiel vor ihrem Ziel.
Das ist kein taktisches Detail. Es ist der Kern von Putins gegenwärtiger Kriegsführung: Druck durch Masse und durch Unabfangbarkeit. Wer nicht abfangen kann, verliert — aber wer nur abfängt, gewinnt nicht. Die ukrainische Verteidigung hält; die russische Offensivkapazität wächst trotzdem, weil ballistische Raketen eine andere Kategorie sind als Marschflugkörper oder Shahed-Drohnen. Putin hat diese Lücke erkannt und nutzt sie systematisch.
Selenskyj diagnostiziert, Putin bereite neue Mobilisierungswellen und weitere Angriffe vor. Die russische Seite bestätigt das nicht, widerspricht aber auch nicht: Die Sollstärke der russischen Streitkräfte wurde auf über 2,4 Millionen Stellen erhöht, davon 1,5 Millionen Soldaten.
Die Kriegswirtschaft
Putin hat den russischen Staatshaushalt in einen Rüstungsbetrieb umgebaut. Die Militärausgaben stiegen im ersten Halbjahr 2026 um 30 Prozent auf 10,7 Billionen Rubel; bis Jahresende könnten sie neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen — ein Wert, den Russland in der postsowjetischen Geschichte nie gesehen hat. Knapp 40 Prozent des gesamten Staatshaushalts fließen in Verteidigung und Sicherheit.
Die Rechnung dafür zahlt der Staat aus schwindenden Reserven. Die liquiden Vermögenswerte des Nationalen Wohlfahrtsfonds sind von 6,5 Prozent des BIP zu Kriegsbeginn auf 1,8 Prozent im April 2026 gesunken. Das Haushaltsdefizit überschritt bereits im ersten Quartal 2026 das Regierungsziel für das Gesamtjahr. Die Öl- und Gaseinnahmen, traditionell das Rückgrat des russischen Staatshaushalts, brachen im ersten Quartal 2026 um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. Die Mehrwertsteuer stieg zum 1. Januar 2026 von 20 auf 22 Prozent, der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer auf 22 Prozent — vor Kriegsbeginn waren es 13 Prozent.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft analysiert die russische Wirtschaft als im „Endstadium" befindlich: aufgebrauchte fiskalische Reserven, wachsende Abhängigkeit von China, das mittlerweile etwa 35 Prozent des gesamten russischen Außenhandels abwickelt. Die EU-Ausfuhren nach Russland sind 2025 im Vergleich zu 2021 um 66 Prozent zurückgegangen, die Einfuhren aus Russland um 83 Prozent.
Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin warnte im August 2026 öffentlich davor, was eine vollständige Umstellung auf Kriegswirtschaft bedeuten würde: „Wir zerstören das ganze Land." Ein Duma-Abgeordneter des Verteidigungsausschusses, Andrej Kolesnik, fordert genau das. Sobjanin sitzt im innersten Machtzirkel; dass er sich öffentlich gegen eine Forderung aus der Staatsduma stellt, ist ein Signal — aber kein Gegengewicht. Putin entscheidet, und Putin hat bislang entschieden: weiter.
Das Innere
Im Juli 2026 erklärte der Kreml den Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin zum „ausländischen Agenten", ließ ihn verhaften und mit einer Ausreisesperre belegen. Nadeschdin gelang die Flucht nach Paris. Dort sagt er, Putins „Beliebtheitsformel funktioniert nicht mehr". Das Levada Center misst: Die Zustimmung zur russischen Armee in der Ukraine sank von 78 Prozent im Juli 2025 auf 66 Prozent im Juli 2026.
Parallel verabschiedete das russische Unterhaus ein Gesetz, das Kremlkritikern im Ausland konsularische Dienste entzieht, ihre Konten sperrt und den Verkauf von Immobilien in Russland verbietet. Ein Staat, der seine Kritiker in der Diaspora für staatenlos erklärt, schützt sich nicht vor Feinden — er zeigt, wen er für Feinde hält.
Nach ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Raffinerien und Logistikzentren im August 2026 unterzeichnete Putin per Dekret die Verstaatlichung von Unternehmen, die nicht ausreichend geschützt waren. Das ist kein wirtschaftspolitischer Reflex, sondern ein Herrschaftsinstrument: Wer nicht liefert, verliert.
Syrien und Nordkorea
Am 9. August 2026 einigten sich Syrien und Russland auf die Zukunft der Stützpunkte Hmeimim und Tartus — nach 18-monatigen Verhandlungen, die auf den Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 folgten. Die Stützpunkte werden künftig als „gemeinsame syrisch-russische Ausbildungs- und Kapazitätsaufbauzentren" geführt; zivile Infrastruktur soll innerhalb von drei Monaten an Syrien übergehen. Russland darf bleiben — aber als Gast, nicht als Hausherr. Die Ära russischer Machtprojektion über das Mittelmeer aus eigenen Basen ist damit, zumindest formal, beendet.
Am 15. August erklärte Putin, die Beziehungen zu Nordkorea hätten ein „beispielloses Niveau einer umfassenden strategischen Partnerschaft" erreicht. Nordkorea hat seit Kriegsbeginn bis zu 15.000 Soldaten nach Russland entsandt. Seit dem umfassenden strategischen Partnerschaftsvertrag vom Juni 2024 läuft die militärische, wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit auf Hochtouren. Was öffentlich bekannt ist, reicht für die Beschreibung einer funktionierenden Achse — was nicht bekannt ist, sind die genauen Details der militärischen Kooperationsvereinbarungen für die nächsten Jahre.
Bilanz
Wohin läuft die Person? Putin bewegt sich auf einem Kurs des kostspieligen Durchhaltens. Er intensiviert die Angriffe militärisch — mehr Raketen, schwerere Klassen, höhere Frequenz — und intensiviert den innenpolitischen Druck zugleich. Die Reserven schrumpfen, die Verbündeten werden ärmer oder abhängiger, die Zustimmung sinkt langsam. Die Trajektorie ist nach wie vor aufwärts gemessen in Gewalt, abwärts gemessen in fiskalischer Handlungsfähigkeit.
Echter Beitrag: Die Rüstungsproduktion läuft. Russland hat die ballistische Angriffskapazität auf einem Stand gehalten, der die ukrainische Luftverteidigung strukturell überfordert. Das ist militärisch real und strategisch wirksam — auch wenn es moralisch das Gegenteil von einem Beitrag ist.
Irrelevantes: Putins Rhetorik zur „dauerhaften Friedenslösung" und zur Bereitschaft zu Verhandlungen auf Basis der Alaska-Gespräche vom August 2025 ist Betrieb. Sie ändert nichts am Angriffsgeschehen und wird von keiner unabhängigen Quelle als substanzielle Initiative eingeordnet.
Pose & Klamauk: Die Erklärung, ein russischer Angriff auf ein NATO-Land sei „Unsinn" und „bewusste Provokation" — während die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa zeitgleich Großbritannien und Frankreich mit Angriffen auf Militärziele droht — ist kein Widerspruch aus Versehen. Es ist die übliche Doppelung: Putin moderiert, Sacharowa eskaliert, beide meinen dasselbe. Das Verstaatlichungsdekret nach Drohnenangriffen trägt denselben Doppelcharakter: Herrschaft als Krisenreaktion inszeniert, Enteignung als Sicherheitspolitik verkauft.
376 Raketen im Juli. Staatsfonds auf 1,8 Prozent des BIP. Hmeimim kein russischer Stützpunkt mehr. Nadeschdin in Paris. Und Putin kündigt an, den Krieg fortzusetzen.
