Bewertungskriterium: Der Kommentar misst die Reform an den Achsen Effizienz (löst die Maßnahme das Finanzierungsproblem tatsächlich oder verlagert sie es?) und Demokratie (trifft die Maßnahme alle Bürger gleich oder verschärft sie bestehende Ungleichheiten entlang von Einkommen, Bildung und Beruf?).
Die beste Version des Arguments für die Rente mit 70
Wer die Anhebung fordert, hat Zahlen auf seiner Seite. Die Rentenbezugsdauer hat sich von 9,9 Jahren (1960) auf 20,5 Jahre (2024) mehr als verdoppelt. 1962 finanzierten sechs Beitragszahler einen Rentner, 2023 waren es nur noch zwei. Prognosen gehen von 67 Rentnern pro 100 Beitragszahler im Jahr 2030 aus. Wer die Lebensarbeitszeit verlängert, verbreitert die Beitragsseite und verkürzt die Bezugsseite gleichzeitig — arithmetisch der effizienteste Hebel. Ökonomen wie der Sachverständigenratsmitglied Martin Werding schlagen eine regelgebundene Kopplung an die Lebenserwartung vor, wie sie Dänemark bereits praktiziert: Jedes Jahr gewonnener Lebenserwartung wird zu zwei Dritteln der Arbeitszeit und zu einem Drittel der Rentenzeit zugeschlagen. Das nimmt die Entscheidung aus dem politischen Tagesgeschäft und schafft Planungssicherheit für alle Generationen.
Dieses Argument verdient Respekt. Es ist demographisch fundiert und systemisch konsistent. Aber es hat drei blinde Flecken, die es als alleinige Lösung disqualifizieren.
Erster Befund: Die Lebenserwartung ist kein Durchschnittswert, der alle gleich trifft
Die Forderung nach der Rente mit 70 behandelt „den Deutschen" als statistisches Aggregat. Die Realität ist eine Klassengesellschaft der Lebensjahre. Die Lebenserwartung von Arbeitern liegt im Durchschnitt vier Jahre unter der von Beamten, die von ärmeren Rentnern fünf Jahre unter der von reicheren. Ein Dachdecker, der mit 18 anfängt und mit 70 aufhören soll, hat 52 Beitragsjahre hinter sich — und statistisch weniger Rentenjahre vor sich als ein Akademiker, der mit 27 ins Berufsleben eintritt und mit 70 aufhört.
Nur 17 Prozent der IG-Metall-Mitglieder glauben, unter den aktuellen Arbeitsbedingungen über 67 hinaus arbeiten zu können. Das durchschnittliche tatsächliche Renteneintrittsalter liegt bei 64,4 Jahren — bereits 2,6 Jahre unter der aktuellen Regelaltersgrenze. Wer die Grenze auf 70 verschiebt, ohne die Arbeitsbedingungen zu verändern, erhöht nicht die Erwerbsbeteiligung. Er erhöht die Abschläge für diejenigen, die vorher aussteigen müssen. Das ist keine Rentenreform. Das ist eine Rentenkürzung, die überwiegend Geringverdiener und körperlich Beschäftigte trifft — mit demokratischer Schlagseite.
Zweiter Befund: Die Pflegeversicherung zahlt die Zeche
Hier liegt die Cross-Topic-Verbindung, die in der Debatte systematisch fehlt. Studien belegen, dass ein höheres Renteneintrittsalter negative gesundheitliche Auswirkungen hat: Anstiege bei psychischen Erkrankungen, Übergewicht und Arthrose wurden beobachtet, wenn das Rentenalter angehoben wurde. Menschen, die drei Jahre länger in körperlich belastenden Berufen arbeiten, treten häufiger mit chronischen Erkrankungen in den Ruhestand ein.
Die Rechnung ist simpel und wird in der Rentendebatte unterschlagen: Was die Rentenversicherung an kürzerer Bezugsdauer einspart, gibt die Pflegeversicherung für kränkere Versicherte aus. Der Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung wurde zum 1. Januar 2025 bereits auf 3,6 Prozent angehoben, mit einem Zuschlag von 0,6 Prozent für Kinderlose. Das Pflegesystem steht bereits unter Druck durch den demografischen Wandel — denselben Wandel, den die Rente mit 70 lösen soll. Die Reform behandelt Renten- und Pflegeversicherung als getrennte Töpfe, obwohl sie kommunizierende Röhren sind. Ein Effizienzgewinn im einen System, der einen Effizienzverlust im anderen erzeugt, ist kein Gewinn. Er ist eine Umbuchung.
Dritter Befund: 81 Prozent der Bevölkerung lehnen die Reform ab — und haben dafür Gründe
Eine Maßnahme, die 81 Prozent der Bevölkerung ablehnen, lässt sich demokratisch durchsetzen — Regierungen treffen unpopuläre Entscheidungen. Aber die Ablehnung hat Substanz. Sie speist sich nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus der gelebten Erfahrung, dass die Kluft zwischen Regelaltersgrenze und tatsächlicher Arbeitsfähigkeit bereits bei 67 Jahren für viele Berufsgruppen unüberbrückbar ist.
Die Parteien spiegeln diese Spannung. Die CDU/CSU befürwortet eine schrittweise Anhebung auf 70 bis 2061 und plant eine „Aktivrente" zur Förderung freiwilligen Weiterarbeitens. Die SPD unter Bundestagspräsidentin Bärbel Bas lehnt jede Anhebung der Regelaltersgrenze ab und spricht von einer „Scheindebatte". Die Grünen wollen keine starre Anhebung, sondern flexible Übergänge und einen kapitalgedeckten „Bürgerfonds". Die FDP will das Rentenalter nicht pauschal anheben, sondern freiwilliges Arbeiten bis 70 oder 72 ermöglichen, kombiniert mit einer „Aktienrente".
Das ifo-Institut urteilt, keine der Parteien habe ein tragfähiges Finanzierungskonzept vorgelegt. Das ist der eigentliche Befund: Die Rente mit 70 wird als Lösung inszeniert, weil die tatsächlich wirksamen Hebel — Ausweitung der Beitragsbasis auf Beamte und Selbstständige, stärkere Kapitaldeckung, Zuwanderungssteuerung, Erhöhung der Frauenerwerbsquote durch Abbau der Teilzeitfalle — politisch teurer sind. Eine DGB-Umfrage zeigt, dass 63 Prozent der Befragten bereit wären, höhere Beiträge zu zahlen, wenn das Rentenniveau gehalten wird. Diese Bereitschaft wird politisch nicht abgerufen.
Urteil
Die Rente mit 70 ist ein Instrument, das auf dem Papier funktioniert und in der Realität scheitert. Sie behandelt die Lebenserwartung als demokratisch neutrale Größe, obwohl sie entlang von Einkommen, Bildung und Beruf massiv streut. Sie bilanziert Einsparungen in der Rentenversicherung, ohne die Mehrausgaben in der Pflegeversicherung gegenzurechnen. Und sie wird als alternativlos präsentiert, obwohl Alternativen existieren — sie sind nur politisch unbequemer.
Eine Reform, die das Finanzierungsproblem lösen will, muss die Einnahmeseite verbreitern (Beitragspflicht für Beamte und Selbstständige, Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte), die Erwerbsquote steigern (Frauen aus der Teilzeit, ältere Arbeitnehmer durch altersgerechte Arbeitsplätze statt durch Altersgrenzverschiebung) und einen Kapitalstock aufbauen, der die demografische Delle abfedert. Die Regelaltersgrenze pauschal zu verschieben, ohne diese Hebel zu bedienen, ist keine Effizienzmaßnahme. Es ist eine Verteilungsentscheidung zulasten derjenigen, die am wenigsten Optionen haben.
Demokratie: - — Verstärkt bestehende Ungleichheiten entlang von Einkommen und Beruf, da Geringverdiener und körperlich Beschäftigte überproportional durch Abschläge und geringere Lebenserwartung betroffen sind. Effizienz: 0 — Entlastet die Rentenversicherung rechnerisch, belastet aber die Pflegeversicherung durch kränkere Neurentner; Nettoeffekt über die Sozialsysteme hinweg unklar.
Hypothese: Der Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung wird bis Ende 2027 auf mindestens 4,0 Prozent steigen, unabhängig davon, ob das Renteneintrittsalter angehoben wird — getrieben durch die demografisch bedingte Zunahme Pflegebedürftiger. Quelle: Pflegeversicherungsbericht der Bundesregierung, aktueller Beitragssatz 3,6 % (Stand: Januar 2025). Auflösungsdatum: 31. Dezember 2027.
