Und doch diskutiert sie seit Monaten über eine Frage, die eigentlich erst nach einer Wahlniederlage brennt: Mit wem sonst?
Der Auslöser war klein, die Wirkung symptomatisch. Luigi Pantisano, Co-Chef der Linken, setzte die CDU in eine Reihe mit Faschisten. Merz lehnte jede Zusammenarbeit mit der Linken öffentlich ab – ein Satz, den er nicht hätte sagen müssen, wenn die Frage nicht längst im Raum stünde. Carsten Linnemann nannte Pantisanos Äußerungen „infam, geschichtsvergessen und niederträchtig“. Die Reaktionsschärfe verrät die Nervosität dahinter.
Der Korridor: was rechnerisch noch geht
Die Ausgangslage ist arithmetisch. Im 21. Bundestag sitzen CDU/CSU, AfD, SPD, Grüne und Linke. FDP und BSW haben die Fünfprozenthürde verfehlt und sind nicht vertreten. CDU/CSU kamen auf 28,6 Prozent, die AfD auf 20,8 und die SPD auf 16,4 Prozent (Bundeswahlleiter, Februar 2025).
Der doppelte Unvereinbarkeitsbeschluss – seit 2018 gilt er für AfD und Linke – schließt damit rechnerisch gut ein Fünftel des Bundestags auf der rechten Seite aus und die kleinste verbleibende Fraktion links. Was bleibt: CDU/CSU + SPD (die laufende Koalition), CDU/CSU + Grüne (rechnerisch knapp möglich, politisch nicht verhandelt), CDU/CSU + SPD + Grüne als Dreierbündnis.
Das ist der vollständige Korridor. Er ist nicht weit.
Schwarz-Grün: die gerechnete, aber nicht gewollte Option
Rechnerisch ergibt CDU/CSU plus Grüne eine Mehrheit – knapp. Politisch ist dieses Bündnis auf Bundesebene Neuland: Es hat es dort nie gegeben. Auf Länderebene koalierte die CDU mit den Grünen wiederholt, zuletzt in Baden-Württemberg als Juniorpartner. Das ist eine andere Situation.
Merz hat nach der Bundestagswahl zunächst mit FDP und Grünen sondiert. Zu einer Jamaika-Koalition – CDU/CSU, Grüne, FDP – kam es nicht, weil die FDP nicht mehr im Parlament sitzt. Eine Zweierkoalition mit den Grünen allein wurde nicht ernsthaft verhandelt; stattdessen entschied sich die Union für die SPD. Die Gründe dafür liegen weniger im Programmatischen als im Strategischen: Die Grünen-Basis hätte einen Koalitionsvertrag unter Merz kaum ratifiziert, und innerhalb der Unionsfraktion wäre der Widerstand erheblich gewesen.
Für die Zukunft bleibt Schwarz-Grün die einzige Zweieroption jenseits der SPD – aber sie ist an Bedingungen geknüpft, die 2025 nicht erfüllt waren und 2029 offen sind.
BSW: die Option, die nicht mehr existiert
Ein Kapitel, das die Debatte noch im Herbst 2024 beherrschte, hat sich erledigt: Das BSW ist nicht im Bundestag. Auf Bundesebene ist eine Koalition mit Wagenknecht damit gegenstandslos.
Auf Länderebene sah das kurzzeitig anders aus. In Sachsen und Thüringen wurden nach den Landtagswahlen 2024 Sondierungen geführt; in beiden Ländern entstanden schließlich Koalitionen unter CDU-Führung. Die Frage, welche programmatischen Schnittmengen CDU und BSW hätten, stellte sich dort praktisch: Im IW Köln (Institut der deutschen Wirtschaft) findet sich eine Analyse der Positionen beider Parteien, die erhebliche Hürden benennt – vor allem in der Außenpolitik, wo das BSW die Stationierung westlicher Waffensysteme ablehnt und den Ukraine-Krieg als Stellvertreterkonflikt rahmt, während die CDU eine klare transatlantische Linie hält.
Auf Bundesebene ist das eine theoretische Debatte – solange das BSW unter fünf Prozent bleibt.
Die AfD-Sperre: Brandmauer als Identitätsfrage
Die Ablehnung der AfD ist innerhalb der Union nicht strategisch, sondern existenziell begründet – zumindest in der offiziellen Lesart. Söder sprach von einer Brandmauer, die „härter denn je“ sei. Haseloff warnte vor einer AfD-Regierungsbeteiligung in Sachsen-Anhalt in Kategorien, die über Parteitaktik hinausgehen: Es gehe um „alles – das Land, die Demokratie“.
Der Beschluss hat einen konkreten Entstehungskontext: die Wahl Thomas Kemmerichs zum thüringischen Ministerpräsidenten im Februar 2020, möglich geworden durch AfD-Stimmen und CDU-Beteiligung. Was folgte, war eine parteipolitische Erschütterung. Die Union hat seitdem gelernt, wie teuer der Preis ist – nicht nur moralisch, sondern wahltaktisch.
Die AfD ihrerseits verfolgt erkennbar eine Gegenstrategie: Sie stellt die Union regelmäßig vor Situationen, in denen ein Nein zur Zusammenarbeit teuer wirkt. Im Bundestag haben AfD-Anträge in der jüngsten Vergangenheit CDU-Positionen aufgegriffen – Migrationspolitik, innere Sicherheit –, um die Koalitionsdisziplin unter Druck zu setzen. Die Gleichzeitigkeit von inhaltlicher Nähe in einzelnen Fragen und formaler Unvereinbarkeit ist der eigentliche Stressfaktor.
Die Linke: warum Pantisano der falsche Anlass war
Die Linke ist mit einigen Sitzen im Bundestag vertreten – zu wenigen, um eine Koalitionsrelevanz zu haben; genug, um in bestimmten Abstimmungskonstellationen rechnerisch aufzutauchen. Für die CDU stellt sich die Frage nach einer Kooperation mit ihr nicht als parlamentarische Realität, sondern als symbolische Grenzziehung.
Dass Merz auf Pantisanos Äußerungen so scharf reagierte, erklärt sich daraus: Jede Relativierung hätte im Osten als Signal gelesen werden können. Dort, wo CDU-Landesverbände seit Jahren in der Zwickmühle zwischen AfD-Dominanz und einer historisch verwurzelten Linken operieren, ist die Frage nach der Sperre keine akademische. Haseloff hat das mehrfach angedeutet: Der Unvereinbarkeitsbeschluss gegen beide Parteien gleichzeitig verengt Optionen in Bundesländern, in denen keine der möglichen Partner-Kombinationen ohne einen der Ausgeschlossenen funktioniert.
Auf Bundesebene hingegen ist die Linke mit ihrer aktuellen Mandatszahl kein arithmetischer Faktor für die Regierungsbildung.
Was bleibt: der strategische Engpass
Der Korridor ist damit benennbar. Auf Bundesebene hat die CDU mit der laufenden Koalition den einzig stabilen Weg genommen, der 2025 zur Verfügung stand. Schwarz-Grün wäre rechnerisch möglich, aber politisch nicht reif. Alle anderen Optionen – BSW, FDP, Linke – existieren im Bundestag nicht oder sind ausgeschlossen.
Das strukturelle Problem dahinter: Der doppelte Unvereinbarkeitsbeschluss ist eine richtige Antwort auf eine falsche Frage geworden. Er regelt die Partnerschaft, nicht die Fähigkeit zur Mehrheitsbildung. Solange AfD und Linke zusammen rund ein Viertel des Bundestags stellen, schrumpft der verbleibende Möglichkeitsraum bei jeder Wahl, bei der die Union nicht klar über 35 Prozent kommt.
Die entscheidende Variable für 2029 ist nicht, ob die CDU eine weitere Ausnahme definiert – das ist unwahrscheinlich –, sondern ob sie stark genug wird, um Schwarz-Grün ohne Grünen-Veto zu verhandeln, oder ob die SPD so weit schrumpft, dass selbst Schwarz-Rot keine Mehrheit mehr ergibt.
Letzteres ist das Szenario, das in der Union niemand laut ausspricht. Die Arithmetik tut es trotzdem.
