Die AfD kommt darin als Symptom vor — als Profiteur der Unzufriedenheit, dem man die Wähler abjagen wolle. Nicht als Gegner, dessen Abwehr die Existenz der neuen Partei begründet.
Das ist der Befund, an dem sich die Ausgangsfrage prüfen lässt. Und er fällt eindeutig aus: Das BSW wurde nicht gegen eine faschistische Bedrohung gegründet. Es wurde gegen die Linke, gegen die Ampel und um die Wähler der AfD gegründet — die letzte Stoßrichtung ist die, die heute, zweieinhalb Jahre später, die politische Praxis der Partei erklärt.
Was die Quellen über den Anlass hergeben
Sahra Wagenknecht hat den Verein „BSW – Für Vernunft und Gerechtigkeit" im Oktober 2023 vorgestellt, die Partei folgte am 8. Januar 2024. Der dokumentierte Gründungsgrund ist eine doppelte Abgrenzung — nach innen von der Linken, der Wagenknecht jahrelang Selbstbeschäftigung mit „Lifestyle"-Themen vorwarf, und nach außen von einer Regierungspolitik, die sie als Auslöser der wirtschaftlichen Lage beschrieb. Der Deutschlandfunk dokumentierte die Vorstellung im Oktober 2023; die AfD spielte darin die Rolle einer Konkurrenz, die man seriöser bedienen wolle.
Genau hier liegt die Pointe. Wagenknecht hat von Beginn an erklärt, ihre Partei könne „eine seriöse Adresse" für enttäuschte AfD-Wähler sein. Das ist das Gegenteil eines antifaschistischen Gründungsmotivs: Wer sich als seriöse Alternative für die Wählerschaft einer Partei anbietet, behandelt diese Wählerschaft als gewinnbare Klientel, nicht als Gefahr, vor der man das Land schützen müsse.
Den kausalen Zusammenhang zwischen AfD-Aufstieg und BSW-Gründung stellen vor allem externe Beobachter her — und auch sie deuten ihn als Konkurrenz, nicht als Abwehr. Die Politikwissenschaft liest das BSW als populistischen Mitbewerber im selben Resonanzraum. Der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne beschrieb gegenüber ZDFheute die inhaltlichen Schnittmengen, besonders bei Migration und Gesellschaftspolitik. Eine Analyse auf vorwärts.de konstatierte schon nach der Europawahl 2024, das BSW habe „dasselbe Problem wie die AfD" — den Kampf um dieselben ostdeutschen, anti-etablierten Wähler.
Die Spur in den Zahlen
Der Anlass einer Partei verrät sich in dem, was sie tut, wenn sie Macht erreichen könnte. Und die Spur ist hier deutlich.
Bei der Europawahl 2024 holte das BSW 6,2 Prozent. Im Herbst 2024 wurde es in Sachsen, Thüringen und Brandenburg drittstärkste Kraft. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 dann der Bruch: 4,97 Prozent — knapp gescheitert, zwei Direktmandate, keine Fraktion. Seither sitzt das BSW nicht mehr im Bundestag. Im bundesweiten Durchschnitt liegt es im Juni 2026 bei rund 3,5 Prozent, die Mitgliederzahl lag laut Parteiangaben im Dezember 2025 bei etwa 11.200, der Spiegel hatte zuvor eine Verdopplung gemeldet. Die AfD steht in Umfragen bei nahe 30 Prozent und wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführt — diese Einordnung ist in den Quellen nicht abschließend belegt und hier als Briefing-Stand übernommen.
Das Verhältnis dieser Kurven ist aufschlussreicher als jede programmatische Selbstauskunft. Eine Partei, die zur Abwehr der AfD angetreten wäre, müsste ihren Erfolg daran messen, ob die AfD schrumpft. Sie tut es nicht. Die AfD steht heute höher als bei der BSW-Gründung. Das BSW selbst ist seit dem Februar 2025 aus dem Bundestag verschwunden. Beide Kurven sind nicht antagonistisch — sie speisen sich aus derselben Unzufriedenheit. Wo das eine wächst, schrumpft nicht zwingend das andere.
Und nun handelt das BSW so, wie eine Partei handelt, die um eine Wählerschaft konkurriert — nicht wie eine, die einen Gegner stellt. Im Juni 2026 bot die Parteispitze der AfD eine „punktuelle Zusammenarbeit" nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. Sie schlug, dokumentiert bei WELT, gemeinsame Rededuelle zwischen Wagenknecht und Alice Weidel vor. Die BSW-Führung nennt die „Brandmauer" gegen die AfD „undemokratisch". Generalsekretär Christian Leye begründete die Abkehr vom prinzipiellen Dagegen-Stimmen damit, das Ausgrenzen habe die AfD nur stärker gemacht.
Diese Begründung ist die argumentative Brücke, die offenlegt, woher das BSW kommt. Wagenknecht sagt: Ausgrenzung radikalisiere, Regierungsaussicht zwinge zur Anpassung. Das ist kein Satz, den jemand formuliert, der die AfD für eine faschistische Bedrohung hält. Es ist der Satz von jemandem, der die AfD für einen normalisierbaren Wettbewerber hält — und der ihr Wählerreservoir teilen will.
Wo die Achse Demokratie die Sache schärft
Misst man beide Parteien an der Achse Demokratie, treten reale Unterschiede zutage — und sie laufen quer zur Gründungsfrage. Das BSW fordert eine höhere Besteuerung von Milliardären und großen Erbschaften, die AfD lehnt sie ab. Das BSW kritisiert Trump-Nähe, die AfD pflegt sie. Das sind handfeste programmatische Trennlinien, vor allem in der Wirtschafts- und Außenpolitik.
Aber an den Kernpunkten der Achse — Minderheitenschutz, Umgang mit der Migrationsdebatte, Verhältnis zu autoritären Regimen — verschwimmen die Linien. Das BSW stimmte gegen das Selbstbestimmungsgesetz, bedient die Begriffe „Asylmissbrauch" und „Parallelgesellschaften", fordert Migrationsbegrenzung und konsequente Abschiebung. Historiker sehen, so referiert es die Jüdische Allgemeine, bei beiden Parteien einen „Hang zum Autoritarismus" und eine Brücke über Wagenknechts Affinität zu Wladimir Putin.
Die Wahrnehmung der eigenen Anhänger bestätigt das. Eine in der Recherche referierte Umfrage zeigt: 72 Prozent der Gesamtbevölkerung sehen die AfD als Gefahr für die Demokratie — bei BSW-Anhängern sind es 50 Prozent. Eine Partei, deren Wählerschaft die AfD nur zur Hälfte für demokratiegefährdend hält, ist keine Partei, die aus der Abwehr dieser Gefahr entstanden sein kann. Sie ist eine Partei, die mit dieser Gefahr um dieselben Menschen ringt.
Daraus folgt eine Erwartung, an der sich die These prüfen lässt. Wenn das BSW im Kern ein Konkurrenzprojekt um AfD-affine Wähler ist und kein Abwehrprojekt, dann wird es seine Annäherung an die AfD weiter ausbauen, solange diese ihm den eigenen Wiedereinzug in Parlamente verspricht — und sie zurücknehmen, sobald die Nähe das BSW Stimmen kostet statt sie zu bringen. Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern 2026 werden zeigen, in welche Richtung der Hebel ausschlägt. Die Brandmauer-Rhetorik des BSW ist dabei kein Bekenntnis, sondern ein Instrument. Sie steht und fällt mit dem Wahlergebnis.
