Fünf Wochen zuvor hatte Donald Trump signalisiert, dass die USA an Iran-Gesprächen mehr Interesse zeigen als an einer Vermittlung im Ukraine-Krieg. Diese Absenz ist der eigentliche Antrieb hinter dem Londoner Treffen — nicht gemeinsame Stärke, sondern ein gemeinschaftlich empfundenes Vakuum.
Was London beschlossen hat — und was nicht
Die gemeinsame Erklärung der E3 plus Ukraine benennt fünf Bedingungen für Verhandlungen mit Russland. Sie fordert, dass Europa und die USA aktiv beteiligt werden — nicht erst als Garanten eines fertigen Deals, sondern als Akteure im Prozess. Selenskyj hatte direkte Gespräche mit Moskau vorgeschlagen; Putin lehnte ab. Die Erklärung antwortet darauf: Wer nicht reden will, erhöht den Druck.
Konkret beschlossen wurde, die Raketenabwehr der Ukraine zu stärken. Die Erklärung nennt die „dringende Notwendigkeit, die Produktion von Abfangraketen zu steigern und Anti-Ballistik-Raketen sowie Deep-Strike-Fähigkeiten zu entwickeln" — eine Formulierung, die den Rahmen weit aufspannt, ohne Stückzahlen oder Lieferdaten zu nennen. Das ist die Schwäche des Dokuments: Es beschreibt einen Anspruch, keinen Mechanismus.
Was ebenfalls offen blieb: die genaue Ausgestaltung von Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Frankreich und Großbritannien haben Bodentruppen für eine eventuelle Friedenssicherung in Aussicht gestellt. Deutschland nicht — Merz deutete an, Kräfte auf benachbartem NATO-Gebiet bereitzustellen, also nicht auf ukrainischem Territorium. Der Unterschied ist nicht semantisch.
Merz und die Frage der deutschen Handlungsfähigkeit
Außenminister Johann Wadephul hatte in den Wochen vor dem Treffen erklärt, Deutschland habe sich „zu lang zurückgelehnt". Der Satz ist eine Selbstkritik, die über den Amtsantritt der Vorgängerregierung hinausweist — er gilt der Bundesrepublik als außenpolitischer Gewohnheit.
Wie plausibel ist diese Diagnose? Die Belege sind eindeutig genug. Deutschland hat im Ukraine-Krieg seit 2022 wiederholt zögernd gehandelt: Helme vor Panzern, dann Panzer mit Bedingungen, dann Taurus-Debatte ohne Entscheidung. Die Ampel-Koalition zerbrach unter anderem an der Frage, wie viel Geld und wie viel Risiko Deutschland sich außenpolitisch leisten will.
Merz versucht den Bruch sichtbar zu machen. Er hat die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern befürwortet — allerdings nur in Absprache mit Washington. Er hat eine Kontaktgruppe aus Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien vorgeschlagen, um eine gemeinsame Haltung mit den USA zu entwickeln. Und er sitzt in London am Tisch, was keine Selbstverständlichkeit ist, wenn man bedenkt, dass Großbritannien kein EU-Mitglied mehr ist und das E3-Format damit eine eigene diplomatische Logik trägt: Pragmatismus über Institutionenlogik.
Der Steelman der Skepsis lautet: Proaktive Rhetorik ist kein Strategiewechsel. Deutschland hat die Taurus-Debatte nicht abgeschlossen. Es hat keine verbindlichen Bodentruppen-Zusagen gemacht. Und die Formulierung „in Absprache mit den USA" macht deutsche Handlungsfähigkeit von einem Partner abhängig, der sich gerade abwendet. Wadephuls Selbstkritik ist ehrlicher als die Lösung, die Berlin bislang bietet.
Was Washington fehlt — und was das für Europa bedeutet
Die USA unter Trump haben ihre Vermittlungsbereitschaft im Ukraine-Krieg erkennbar zurückgefahren. Das Interesse gilt anderen Brennpunkten. Für die E3 entsteht daraus eine strukturelle Zwickmühle: Mehr europäische Eigenständigkeit ist das erklärte Ziel — aber jede konkrete Maßnahme, von Waffenlieferungen bis zu Garantiezusagen, wird weiter an Washington rückgebunden.
Das ist kein Heuchelei-Vorwurf, sondern ein Kapazitätsproblem. Die europäische Rüstungsindustrie kann die Ukraine nicht so schnell versorgen, wie es der Frontverlauf verlangt. Die „Koalition der Willigen" zählt rund 35 Länder — aber die Summe ihrer Zusagen ist kleiner als die amerikanische Militärhilfe in Spitzenjahren. Und rechtlich bindende Sicherheitsgarantien, die ohne NATO-Artikel-5-Beistand Bestand haben, hat noch kein europäischer Staat der Ukraine gegeben.
Macron hat europäische Beteiligung an Friedensverhandlungen befürwortet und die Stärkung der europäischen Luftverteidigung unterstützt. Starmer betonte den Zusammenhalt. Merz formulierte den Anspruch. Was alle drei nicht geliefert haben, ist eine Antwort auf die Frage: Was genau passiert, wenn Moskau ablehnt und Washington schweigt?
Die Achse Demokratie — was auf dem Spiel steht
Das Treffen berührt die Demokratie-Achse auf zwei Ebenen. Erstens: Die gemeinsame Erklärung besteht darauf, dass europäische Sicherheitsinteressen in jeder Friedensregelung „geschützt werden müssen". Das ist die institutionelle Absicherung gegen einen Deal über Europa hinweg — gegen das Szenario, in dem Washington und Moskau eine Linie ziehen, ohne London, Paris und Berlin.
Zweitens: Selenskyjs Legitimität ist an Wahlen geknüpft, die der Kriegszustand verhindert. Die europäischen Partner stützen eine demokratisch gewählte Regierung unter Kriegsrecht — das ist der Kontext, in dem Sicherheitsgarantien ihre moralische Last tragen. Ein Deal, der die Ukraine in Abhängigkeit von externen Garantoren lässt, ohne ihr eigene Verteidigungsfähigkeit zu sichern, wäre nach diesem Maßstab kein stabiler Frieden.
Was als nächstes zu beobachten ist
Das Londoner Treffen ist ein Signal. Ob es ein Wendepunkt wird, zeigt sich an drei Indikatoren: ob die angekündigte Steigerung der Raketenabwehrproduktion messbar anläuft — mit konkreten Verträgen und Zeitplänen, nicht mit Absichtserklärungen; ob Deutschland Taurus ohne Washington-Vorbehalt liefert oder die Bedingung hält; und ob die USA auf die Fünf-Punkte-Erklärung antworten — durch Einbindung in den Prozess oder durch Schweigen, das seinerseits eine Antwort wäre.
Putin hat erklärt, baldige Verhandlungen seien sinnlos. Das Londoner Treffen kalkuliert diese Absage ein und setzt auf Druck. Ob Druck ohne amerikanischen Rückhalt reicht, ist die offene Frage — und sie wird sich nicht in London klären, sondern in den Wochen danach.
