Gleichzeitig ließ Donald Trump über Truth Social mitteilen, er wolle künftig eine Gebühr von 20 Prozent des Frachtwertes von jedem Schiff, das die Meerenge durchquert — als Beitrag zur Deckung der US-Sicherungskosten. Das klingt nach Ordnungspolitik. Es ist Schutzgeld.
Der institutionelle Skeptiker würde hier einwenden: Trump hat ein legitimes Problem. Die USA unterhalten die Naval Forces Central Command im Persischen Golf, halten Trägerkampfgruppen in der Region, schützen eine Passage, durch die ein Fünftel des weltweiten Öl- und LNG-Handels fließt — und niemand beteiligt sich an den Kosten. Das Argument hat Substanz. Wer von der Freiheit der Meere profitiert, könnte theoretisch an ihrer Sicherung beteiligt werden, so wie Brücken- oder Kanalgebühren legitim sind.
Der Unterschied ist: Brücken und Kanäle sind nationales Eigentum. Die Straße von Hormus ist keine. Sie ist eine internationale Wasserstraße, geregelt durch das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen — UNCLOS, Teil III, Artikel 37 ff. Das Recht der Durchfahrt in Meerengen, die dem internationalen Seeverkehr dienen, ist kodifiziert; kein Küstenstaat darf es einseitig einschränken oder von Gebühren abhängig machen. Der Verband Deutscher Reeder sagt das klar: Keine einzelne Nation sollte den Zugang zu internationalen Wasserstraßen einseitig von Abgaben abhängig machen. Das ist keine politische Haltung, das ist Rechtsauslegung.
Trump jedoch ist nicht Küstenstaat der Straße von Hormus. Er beansprucht das Recht eines Dritten, der Sicherheitsdienstleistungen anbietet — und dabei zufällig die stärkste Marine der Welt betreibt. Das Modell lautet: Wir schützen euch, ihr zahlt. Oder ihr zahlt nicht, und wir sehen, was passiert.
Was dann passiert, zeigt die Lage der vergangenen Wochen. Das US-Militär hat nach eigenen Angaben über 300 iranische Ziele angegriffen — Raketenstellungen, Drohnenbasen, Radaranlagen, Munitionsdepots. Der Iran hat in Bahrain, Jordanien, Kuwait und Katar zurückgeschlagen. 46 Handelsschiffe wurden in der Region seit Beginn des Konflikts angegriffen, laut UN-Angaben. Der Ölpreis stieg zeitweise um drei Prozent; das Institut der deutschen Wirtschaft warnte, bei einer vollständigen Blockade seien die Folgen "deutlich dramatischer". Die Meerenge wurde vom Iran wiederholt für geschlossen erklärt, von den USA für offen — beide Seiten widersprechen sich täglich.
In diesem Kontext kündigt Trump nun die Wiederaufnahme einer Seeblockade iranischer Häfen und zugleich eine Gebühr für Drittstaaten an. Das kombiniert zwei verschiedene Druckmittel, die sich gegenseitig untergraben: Wer die Meerenge blockiert, kann für ihre Durchfahrt keine Gebühren einziehen. Wer Gebühren einziehen will, muss Schifffahrt ermöglichen. Die Logik funktioniert nur als Drohkulisse — als Signal, dass Washington bereit ist, die kommerzielle Infrastruktur der Weltwirtschaft als Verhandlungsmasse zu behandeln.
Das ist der Kern des Problems. Trumps Ankündigung ist kein Sicherheitskonzept. Sie ist Verhandlungsdruck in einer Situation, in der die Verhandlungen schon längst eskaliert sind.
Die Bundesregierung hält sich bedeckt. Außenminister Johann Wadephul hat Bedingungen für einen deutschen Militäreinsatz in der Straße von Hormus genannt — und sie damit praktisch ausgeschlossen: erst nach einem Friedensschluss, rein defensiv, mandatgebunden. Die Bundesregierung betonte diplomatische Lösungen und die Bereitschaft, internationale Bemühungen zu unterstützen. Das ist die politische Sprache des Abwartens.
Zusammen mit Frankreich, Großbritannien und Italien hat Deutschland signalisiert, Iran-Sanktionen aufzuheben, wenn Teheran überprüfbare Schritte beim Atomprogramm unternimmt — die sogenannte E4-Position. Das ist ein ernstes Angebot. Es steht jedoch neben einer Gesamtlage, in der die USA eine Seeblockade reaktivieren, die EU-Unternehmen nach europäischem Recht amerikanische Sekundärsanktionen nicht befolgen dürfen und die Ölpreise volatil bleiben.
Die Reeder tragen das Risiko ohne strategischen Rückhalt. Der VDR fordert internationale Bemühungen zur Wiederherstellung von Sicherheit und Verlässlichkeit — konkret: eine multilaterale Sicherheitsmission. Der Reederverband hat das bereits im März 2026 formuliert. Die Bundesregierung erklärte sich zu einer Beteiligung daran bereit, unter Bedingungen, die absehbar nicht eintreten.
China hat sich als "neutral" positioniert — Trump dankte Präsident Xi und Wladimir Putin dafür öffentlich. Neutralität bedeutet hier: keine Unterstützung für Sanktionen, keine Beteiligung an Blockaden, aber auch kein Einlenken auf Iran. Peking ist der wichtigste Handelspartner Teherans; solange der Konflikt die USA bindet, hat China keinen Anreiz einzugreifen. Russland verurteilte die US-Angriffe und warnte vor atomarem Wettrüsten. Beide Großmächte spielen auf Zeit.
Das ist die eigentliche strategische Lage: Die USA eskalieren militärisch und ökonomisch, Europa laviert zwischen Sanktionsrecht und Deeskalationsrhetorik, China und Russland warten ab, und der globale Schiffsverkehr zahlt — durch erhöhte Versicherungsprämien, Umwege über das Kap der Guten Hoffnung oder schlicht durch Stillstand.
Der historische Vergleich drängt sich auf: Die "Operation Earnest Will" von 1987 zielte darauf ab, kuwaitische Tanker unter US-Flagge durch die Meerenge zu schützen — ein Sicherheitsangebot ohne Preisschild, das wenigstens den Anschein von internationalem Ordnungsrecht wahrte. Was Trump jetzt macht, geht weiter. Er stellt nicht Sicherheit bereit, er monetarisiert die Unsicherheit.
Eine Schutzgebühr, die erhoben wird, solange Krieg herrscht, ist keine Mautgebühr. Sie ist eine Kriegsdividende.
