2021 gewann die CDU die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 37,1 Prozent; die AfD kam auf 20,8 Prozent. Fünf Jahre später haben die Werte die Plätze gewechselt – und mit ihnen die Logik der Koalitionsbildung.

Der SachsenAnhaltTREND von Infratest dimap, erhoben Ende Juli 2026 für MDR und Mitteldeutsche Zeitung, sieht die AfD bei 41 Prozent. Die CDU unter Spitzenkandidat Sven Schulze liegt bei 24 bis 26 Prozent, die Linke bei rund 13 Prozent, die SPD bei etwa sieben Prozent. BSW, Grüne und FDP bewegen sich unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Das sind Momentaufnahmen, keine Prognosen – die Mobilisierung in den letzten Wochen vor dem 6. September 2026 kann die Sitzverteilung noch erheblich verschieben.

Was die Zahlen schon jetzt zeigen: Der Landtag, den Sachsen-Anhalt nach dieser Wahl bekäme, hätte eine Geometrie, für die es in der Bundesrepublik kein Vorbild gibt.

Das Rechenmodell

Der Landtag Sachsen-Anhalt hat mindestens 83 Sitze; durch Überhang- und Ausgleichsmandate können es bis zu 97 werden. Für eine absolute Mehrheit reichen bei 97 Sitzen 49 Stimmen. Legt man die aktuellen Umfragewerte grob auf Mandate um – ohne Mandate für Parteien unter fünf Prozent –, dann würde die AfD allein auf rund 39 bis 40 Sitze kommen, die CDU auf 22 bis 25, die Linke auf etwa zwölf und die SPD auf sechs bis sieben. Die Arithmetik lässt sich auf koalitions-rechner.de nachverfolgen; das Modell ist sensibel für kleine Verschiebungen, weil jede Partei, die knapp an der Hürde scheitert, ihre Stimmen der stärksten Partei überproportional zutreibt.

Entscheidend ist deshalb das Schicksal der kleinen Parteien. Schaffen Grüne und BSW jeweils die Fünf-Prozent-Hürde, verändert sich der Stimmenpool für Mehrheiten gegen die AfD. Scheitern sie, konzentriert sich das Parlament auf vier Fraktionen – und die AfD wächst, weil ihre Wähler alle gezählt werden, während Stimmen für Parteien unter fünf Prozent verfallen.

Die Brandmauer und ihre Kosten

Die CDU hat Koalitionen mit der AfD und der Linken ausgeschlossen. Die Linke ist nach der Wahlrechtsreform seit Februar 2025 nicht mehr im Bundestag vertreten, sitzt aber im Landtag Sachsen-Anhalt mit rund 13 Prozent – hier gilt das Landesparteisystem, nicht die Bundesschablone. Für die CDU bedeutet der doppelte Ausschluss: Sie kann nur mit SPD und FDP, Grünen, BSW und Linke koalieren, wenn diese Parteien die Fünf-Prozent-Hürde überspringen und die eigene Festlegung nicht bricht – oder sie sucht kleinere Partner, die erst noch in den Landtag einziehen müssen.

Eine Koalition aus CDU, SPD und Linke hätte bei aktuellen Umfragewerten knapp eine Mehrheit – je nach Mandatszahl wäre es eng. Politisch wäre ein solches Bündnis ohne deutschen Präzedenzfall auf Landesebene: CDU und PDS/Linke haben in drei Jahrzehnten gezielt nicht miteinander regiert. Das Argument, den Ausschluss der AfD von der Macht zu sichern, ließe sich ins Feld führen; das Argument, man beschädige die eigene Glaubwürdigkeit in der Migrationspolitik, genauso.

Die Hallervorden-Strategie und ihr strukturelles Problem

Sven Schulze, der als Ministerpräsident im Amt ist, setzt auf eine unkonventionelle Wahlkampfmethode: Kabarettist Dieter Hallervorden tritt unter dem Motto „Kultur braucht Freiheit" für Schulze auf – und kritisiert dabei Bundeskanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius in einem Maß, das die Bundes-CDU veranlasst hat, sich teils zu distanzieren. Hallervorden unterstützt Schulze persönlich, nicht die Partei; Schulze nimmt das in Kauf, grenzt sich bei einzelnen Themen wie dem Nahost-Konflikt von Hallervorden ab und behält dennoch die Bühne.

Die Strategie zielt auf ein strukturelles Problem: Sachsen-Anhalt hat eine der niedrigsten Wahlbeteiligungen unter den ostdeutschen Flächenländern; wer nicht wählt, wählt faktisch die stärkste Partei. Ob Hallervorden-Auftritte die richtigen Nichtwähler erreichen, lässt sich aus Umfragen nicht ablesen. Die CDU-Umfragewerte haben sich seit Mai 2026 laut Infratest dimap kaum bewegt.

Strukturthemen, die den Rahmen setzen

Sachsen-Anhalt trägt einen Schuldenstand von knapp 25 Milliarden Euro – rund 11.500 Euro pro Kopf, die höchste Pro-Kopf-Verschuldung unter den ostdeutschen Ländern. Das engt den Spielraum für jede künftige Regierung ein, unabhängig von ihrer Zusammensetzung.

Aktuell klafft im Ausbildungsmarkt eine messbare Lücke: 25.500 Jugendliche bekunden Interesse an betrieblicher Ausbildung; angebotene Lehrstellen gibt es laut Briefing rund 7.600. Die Zahl ist nicht mit einem Jahrgang zu verwechseln – aber die Größenordnung zeigt, wo die Wirtschaftsstruktur des Landes strapaziert ist. Abwanderung und Fachkräftemangel hängen an dieser Lücke; alle Parteien thematisieren sie, mit unterschiedlichen Instrumenten.

Die innere Sicherheit ist das zweite Strukturthema, das den Wahlkampf durchzieht. Die damalige Dreierkoalition aus CDU, SPD und FDP hat die Sollstärke der Landespolizei auf 6.400 Vollzugsbeamte festgesetzt. Ob dieser Stand erreicht wurde, ist aus den vorliegenden Quellen nicht belegt; das Ziel selbst ist dokumentiert.

Eine Parlamentsreform, die CDU, SPD, FDP, Linke und Grüne gemeinsam beschlossen haben, ändert unter anderem Regeln für die Wahl des Landtagspräsidenten und stärkt das Landesverfassungsgericht. Die AfD stimmte dagegen. Das Verfahren ist selbst Wahlkampfgegenstand geworden: Die AfD spricht von einem Versuch der anderen Parteien, ihre parlamentarische Stärke zu begrenzen; die übrigen Fraktionen sehen es als institutionelle Absicherung.

Was in sechs Wochen entscheidend ist

Drei Verschiebungen können die Koalitionsfrage noch öffnen oder schließen: ob BSW, Grüne und FDP die Fünf-Prozent-Hürde überspringen; wie stark die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2021 ausfällt und wen sie mobilisiert; und ob die CDU bis Anfang September eine inhaltliche Erzählung entwickelt, die über die Negativdefinition – nicht AfD, nicht Linke – hinausgeht.

Woran man in drei Monaten erkennt, ob die aktuelle Umfrage die Realität beschrieb: Eine AfD deutlich über 35 Prozent bei gleichzeitig knapp bestandener Fünf-Prozent-Hürde mehrerer kleiner Parteien würde den Koalitionsdruck auf CDU, SPD und Linke in einer Weise konzentrieren, die das Muster ostdeutscher Regierungsbildung grundlegend veränderte. Eine AfD unter 38 Prozent bei Einzug von BSW oder Grünen würde Optionen öffnen, die heute rechnerisch nicht existieren.