Chronologie
Am 25. Juli 2026 findet in Berlin der jährliche Christopher Street Day statt, an dem Hunderttausende Menschen teilnehmen. Die Veranstaltung trägt das Motto „Haltung ist hot"; der Umzug führt von der Leipziger Straße über den Potsdamer Platz und den Nollendorfplatz zur Siegessäule im Großen Tiergarten. Die Polizei ist mit 2.000 Beamten im Einsatz.
Gegen 22 Uhr steuert Abdul B., ein 21-jähriger Berliner mit libanesischen Wurzeln, einen weißen Kleinbus vom Typ Citroën Spacetourer vom Eingang neben dem Lessing-Denkmal kommend über den Baumschulenweg und den Ahornsteig in eine Menschenmenge. Das eigentliche Veranstaltungsgelände, etwa 400 Meter entfernt, erreicht er nicht. Das Fahrzeug kollidiert kurz vor der Bellevueallee mit einem Baum. Anschließend verlässt der Täter das Fahrzeug und greift Passanten mit einer Machete an. Die Veranstalter brechen den CSD um 22:15 Uhr offiziell ab.
Bei dem Anschlag wird eine 65-jährige Polin aus Warschau getötet, die mit ihrer Tochter zum CSD angereist war. 31 Personen werden verletzt, darunter drei lebensbedrohlich und sieben schwer. Zwei Tage nach der Tat befinden sich alle Verletzten außer Lebensgefahr. Noch in der Tatnacht durchsucht die Polizei zwei Wohnungen, die dem Täter und seiner Schwester zugeordnet werden. Ein zunächst festgenommener iranischer Staatsbürger, der im Verdacht stand, sich während der Tat im Fahrzeug befunden zu haben, wird am 26. Juli 2026 wieder freigelassen, nachdem sich der Tatverdacht nicht bestätigt.
Am 26. Juli 2026 flieht Abdul B. über die Straße des 17. Juni, den Platz des 18. März und den Friedrich-Ebert-Platz bis zum Bahnhof Friedrichstraße und von dort nach Berlin-Spandau. Gegen 18 Uhr desselben Tages kommt es in einer Gartenkolonie in Spandau zu einem Spezialeinsatzkommando-Einsatz; Abdul B. läuft laut Behördenangaben mit einer Stichwaffe auf die Beamten zu und wird angeschossen. Er stirbt trotz Reanimationsversuchen noch vor Ort. Auf einem im Tatfahrzeug zurückgelassenen Handy wird ein Video entdeckt, das einen Treueschwur zum Islamischen Staat sowie ein Bekenntnis zum Anschlag enthält; die Behörden gehen davon aus, dass der vermummte Sprecher Abdul B. ist. DNA-Spuren von B. werden im Tatfahrzeug gesichert.
Am 27. Juli 2026 leitet die Warschauer Staatsanwaltschaft eigene Ermittlungen ein, da die getötete Frau polnische Staatsbürgerin war. Am 26. Juli übernimmt die Bundesanwaltschaft die weiteren Ermittlungen. Am 27. Juli findet am Pariser Platz eine Trauerveranstaltung mit rund 5.000 Menschen statt; um 17:30 Uhr zieht ein Trauermarsch von der Marienkirche zum Brandenburger Tor. Am 30. Juli 2026 sagen die Veranstalter der für den 29. August geplanten Berliner Technoparade „Zug der Liebe" als Folge des Anschlags und der damit verbundenen Auflagen und veränderten gesellschaftlichen Stimmung ab. Der Berliner CSD-Verein kündigt am 30. Juli an, am 1. August am Hamburger CSD teilzunehmen.
Täter: Biografie und Radikalisierung
Abdul B., mit vollständigem Nachnamen Ballout, wird nach Behördenangaben 2005 in Berlin geboren, besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und hat libanesische Wurzeln. Er wächst im Ortsteil Tiergarten auf. Zwei Cousins, Söhne der Schwester seines Vaters, kämpfen für den Islamischen Staat und kommen 2015 in Syrien beziehungsweise im Irak ums Leben. Die Tante ist mit dem islamistischen Ideologen Omar Bakri Mohammed verheiratet, der als einer der bekanntesten Hassprediger Großbritanniens gilt.
Als Sechsjähriger fällt Abdul B. bereits durch aggressives Verhalten in der Grundschule auf; seine Eltern verweigern die Zusammenarbeit mit den Behörden. Nach mehrfachem Schulwechsel bricht er die Schule 2022 ohne Abschluss ab. Nach der Trennung seiner Eltern 2020 lebt er mit seiner Mutter und drei Schwestern in Berlin-Schöneberg. Er arbeitet zeitweise im Sicherheitsgewerbe, bis ihm die Sicherheits-ID nicht verlängert wird, und lebt danach von Sozialleistungen. Sein Vater wird in Medienberichten als homosexuell beschrieben und lebt mit einem Partner in Berlin; hierin wird ein mögliches persönliches Tatmotiv für den Angriff auf den CSD vermutet.
Seit seinem 16. Lebensjahr ist Abdul B. dem Verfassungsschutz als Islamist bekannt. Ab 2020 radikalisiert er sich im Umfeld des deutsch-ägyptischen Predigers Amir Abo A., der der Muslimbruderschaft nahestehenden Deutsch-Muslimischen Gemeinschaft angehört. 2021 konvertiert B. vom schiitischen zum sunnitischen Islam. Er wird der Jugendgruppierung „Siraatul Haqq" im Umfeld einer Neuköllner Moschee zugerechnet und beteiligt sich ab 2021 an salafistischen Missionierungsaktionen. Auf Telegram betreibt er einen Kanal mit rund 600 Abonnenten. Als maßgeblichen Faktor bei seiner Radikalisierung bewerten Behörden den Einfluss des salafistischen Predigers Ibrahim El-Azzazi, der auf TikTok rund 100.000 Follower hat. In der Islamistenszene ist B. unter den Pseudonymen „Abu Muawiyah" und „Abu Ibrahim al-Qahtani" bekannt.
Im Frühjahr 2025 versucht B., nach Mauretanien auszureisen, um dort Koranschulen radikaler Geistlicher aufzusuchen; er wird am Flughafen festgenommen und muss nach Deutschland zurückkehren. Im Juli 2025 reist er über die Türkei in den Libanon, um von dort nach Syrien einzureisen und Kontakt zum IS aufzunehmen. Der libanesische Militärgeheimdienst beschlagnahmt sein Mobiltelefon, auf dem IS-Propaganda und verdächtige Kommunikation gefunden werden. Ein libanesisches Militärgericht verurteilt ihn zu drei Monaten Haft. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird er im November 2025 am Berliner Flughafen festgenommen und wegen Vorbereitung einer terroristischen Straftat in Untersuchungshaft genommen.
Behördliche Vorgeschichte und Versagen
Ab dem 12. Januar 2026 stuft die Berliner Polizei Abdul B. formal als Gefährder ein. Das Bundeskriminalamt bewertet ihn mit dem Prognosetool Radar-iTE in die Kategorie „Rot", die ein hohes Risikopotenzial anzeigt. Im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum wird Anfang Mai 2026, noch vor seiner Haftentlassung, ein erhebliches Risiko erneuter Ausreise oder eines Anschlags festgestellt.
Am 12. Mai 2026 verurteilt das Amtsgericht Tiergarten Abdul B. nach Jugendstrafrecht zu einem Jahr und zehn Monaten Jugendstrafe wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat sowie Zuwiderhandlung gegen das Vereinsgesetz. Das Gericht stellt die Entscheidung über eine Bewährungsaussetzung für sechs Monate zurück und entlässt ihn anschließend auf Vorprobation. Auflagen umfassen die Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm und die Betreuung durch einen Bewährungshelfer. Die Generalstaatsanwaltschaft legt Berufung ein; das Urteil ist zum Tatzeitpunkt nicht rechtskräftig. Während seiner Untersuchungshaft versucht B., auf Mithäftlinge radikalisierend einzuwirken.
Nach der Haftentlassung wird B. vom 12. bis 22. Mai 2026 durch das Mobile Einsatzkommando intensiv observiert; anschließend wird die Überwachung wegen begrenzter Kapazitäten und fehlender Hinweise auf „aktionsorientiertes Verhalten" auf sporadische Einsätze reduziert. Das letzte MEK-Einsatz findet am 23. Juli 2026 statt, zwei Tage vor dem Anschlag. Anfang Juli 2026 durchsucht die Polizei B.s Wohnung wegen des Verdachts auf Waffenbesitz; gefunden wird nur eine Spielzeugpistole, Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag ergeben sich nicht. Zwei Gespräche im Rahmen des gerichtlich angeordneten Deradikalisierungsprogramms beim Violence Prevention Network scheitern: Der Programmleiter stellt fest, dass B. keine Zugänge zeige und nicht für das Programm geeignet sei. Justiz und Polizei weisen nach dem Anschlag Kritik mit dem Hinweis zurück, die Gerichtsentscheidung sei auf Grundlage geltenden Rechts getroffen worden und eine Fußfessel oder Präventivhaft seien mangels konkreter Anzeichen nicht gerechtfertigt gewesen.
Politische Reaktionen und Streitpunkte
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnet den Anschlag als „abscheuliche Tat" und spricht sich für den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft bei Gefährdern mit mehreren Staatsangehörigkeiten aus. Innenminister Alexander Dobrindt stuft die Tat als „islamistischen Terroranschlag" ein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärt, die Tat sei „ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft". Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner kündigt konsequente Ermittlungen an und nennt Berlin „die Stadt der Freiheit". Familienministerin Karin Prien spricht von einem Angriff auf die Demokratie.
Die Tat löst eine breite Debatte über strafrechtliche Konsequenzen aus. Johannes Winkel, Bundesvorsitzender der Jungen Union, schlägt vor, alle Gefährder nach Erwachsenenstrafrecht zu behandeln. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder bringt ebenfalls die frühere Anwendung des Erwachsenenstrafrechts sowie den Entzug des Führerscheins bei Gefährdern ins Gespräch. Das Bundesjustizministerium warnt vor übereilten gesetzgeberischen Reaktionen. Die Linken-Fraktion beantragt im Bundestag eine Sondersitzung des Innenausschusses zur Aufarbeitung des Behördenhandelns. Der Co-Vorsitzende der Linkspartei, Luigi Pantisano, fordert, den Schutz queeren Lebens im Grundgesetz zu verankern; eine gleichlautende Forderung erheben kurz darauf die SPD-Vorsitzenden und der SPD-Generalsekretär.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir kritisiert die Reaktionen islamischer Dachverbände als unzureichend: Sie hätten weder den queer- und schwulenfeindlichen Charakter der Tat benannt noch den explizit islamistischen Hintergrund angesprochen. Vertreter der queeren Community mahnen, aus dem Anschlag keinen Generalverdacht gegen Muslime abzuleiten, und fordern von der Politik statt symbolischer Gesten konkrete Gleichstellungsmaßnahmen. Der Politikwissenschaftler Hendrik Hansen erklärt, der Islamismus sei für queere Menschen in Deutschland die größte Gefahr und werde systematisch unterschätzt.
Reaktionen islamischer Verbände und religiöser Akteure
Mehrere islamische Verbände verurteilen den Anschlag in Pressemitteilungen. Die DITIB erklärt am 26. Juli 2026, Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer Identität, Überzeugungen oder Lebensführung stehe in unvereinbarem Widerspruch zu islamischen Grundwerten. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die unter Beobachtung des Bundesamts für Verfassungsschutz steht, verurteilt den Angriff ebenfalls am 26. Juli. Der Zentralrat der Muslime folgt am 27. Juli 2026 mit einer Erklärung, wonach eine extremistische Ideologie religiöse Bezüge missbrauche, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen. Der Rat der Berliner Imame verurteilt „jegliche verbale, physische und psychische Gewalt gegen queere Personen" und bezeichnet religiös begründeten Extremismus als reale Gefahr.
Seyran Ateş, Gründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, beurteilt die Stellungnahmen der Verbände als unzureichend und fordert innermuslimische Debatten. Cem Özdemir kritisiert öffentlich, dass die Verbände den islamistischen Bezug und die Queerfeindlichkeit als Tatmotiv nicht explizit benennen.
In der salafistischen Szene und in sozialen Netzwerken wird Abdul B. nach seinem Tod als Held dargestellt und auf TikTok ikonisiert. Der Salafist Pierre Vogel behauptet, man müsse sich nicht wundern, „dass es knallt", wenn bestimmte Prediger nicht mehr in Moscheen auftreten dürften. Die Salafistin Hanna Hansen bezeichnet die Tat als möglichen „Inside Job" und behauptet in einem weiteren Beitrag, Israel trage die Verantwortung; beide Behauptungen stehen im Widerspruch zu den Ermittlungsergebnissen.
Folgen für Veranstaltungen und gesellschaftliches Klima
Unmittelbar nach dem Anschlag sagen die Veranstalter das für den Folgetag geplante CSD-Frühstück ab. Die für den 29. August 2026 geplante Berliner Technoparade „Zug der Liebe" wird am 30. Juli abgesagt: Die Veranstalter begründen dies mit dem veränderten gesellschaftlichen Klima und zu erwartenden restriktiven Sicherheitsauflagen, die dem Grundgedanken der Veranstaltung widersprächen. Der Berliner CSD-Verein kündigt hingegen an, am 1. August am Hamburger CSD mit einem eigenen Wagen teilzunehmen, um ein Zeichen für Zusammenhalt und Sichtbarkeit zu setzen. CSDs in Brandenburg, darunter Veranstaltungen in Königs Wusterhausen und Ludwigsfelde, sollen nach Angaben des Dachverbands „Andersartig e.V." planmäßig stattfinden.
Die Debatte über Zufahrtsschutz bei Großveranstaltungen gewinnt nach dem Anschlag an Gewicht. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sowie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt stehen unter politischem Druck, verbindliche Sicherheitskonzepte für Versammlungen im öffentlichen Raum zu entwickeln. Der Weiße Ring kündigt unmittelbare Soforthilfe und psychische Unterstützung für die Opfer an. In sozialen Netzwerken wird ein zunächst fälschlich verdächtigter Unbeteiligter namens Abdul Malik mit dem Täter verwechselt und beschuldigt; der Fall löst eine Debatte über Falschinformationen in Krisensituationen aus.