85 Prozent der Berliner wohnen zur Miete. Diese eine Zahl erklärt, warum keine Partei die Abgeordnetenhauswahl führt, ohne ein Wohnungsversprechen zu machen. 17 Parteien sind zur Wahl am 20. September 2026 zugelassen — nachdem der Landeswahlausschuss unter Landeswahlleiter Stephan Bröchler 12 Landeslisten bestätigt hat, darunter CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD, FDP, BSW und Volt. Gegenüber der Wiederholungswahl 2023 mit 33 kandidierenden Parteien hat sich das Feld damit fast halbiert. Und die Stimmzettel werden übersichtlicher: Erst- und Zweitstimme landen auf einem Blatt.
Was die Parteien darauf schreiben, ist weniger einheitlich.
CDU — „Einfach mal bauen"
Programm: Die CDU setzt auf Beschleunigung durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und die Aktivierung von Flächen. Private Investoren sollen eine stärkere Rolle beim Neubau spielen; das Schlagwort ist „Einfach mal bauen". Verwaltungsreform bedeutet für die CDU: klarere Zuständigkeiten zwischen Senat und Bezirken, weniger „Behörden-Pingpong".
Geste: Im Wahlkampf positioniert sich die CDU als Partei der Ordnung und Sauberkeit, mit Sicherheit als zweitem Leitthema neben dem Wohnungsbau.
Spur: Die CDU hat die Verwaltungsreform mitgetragen, die das Abgeordnetenhaus mit breiter Mehrheit beschlossen hat und das Landesorganisationsgesetz novelliert. Beim Wohnungsbau fehlt ein beschlossener Finanzierungsrahmen für die genannten Neubauziele — der Antrag, Planungsverfahren konkret zu verkürzen, blieb auf dem Niveau von Forderungen ohne Umsetzungsbeschluss.
SPD — 100.000 Wohnungen bis 2031
Programm: 100.000 neue Wohnungen bis 2031, davon mehr als die Hälfte durch landeseigene Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und gemeinwohlorientierte Träger. Die Mietpreisprüfstelle soll gestärkt werden. ÖPNV-Ausbau mit 10-Minuten-Takt, 60 Kilometer neue Radwege pro Jahr.
Geste: Die SPD betont den sozialen Wohnungsbau und die Stärkung kommunaler Strukturen — und grenzt sich damit explizit von einer stärker marktorientierten CDU ab.
Spur: Die SPD trägt die Verwaltungsreform mit. Das 100.000-Wohnungen-Ziel stammt aus dem laufenden Programm — einen Beschluss, der den Finanzierungspfad verbindlich festlegt, hat das Abgeordnetenhaus in der laufenden Periode nicht gefasst. Dass die Zahl bisher weit verfehlt wird, ist belegt; die Ursachen — hohe Baukosten, teure Finanzierung, Flächenknappheit — werden im Programm benannt, aber nicht systematisch gegengerechnet.
Bündnis 90/Die Grünen — Kataster und Kontrolle
Programm: Die Grünen verbinden Wohnungsbau mit ökologischen und sozialen Bedingungen. Zentrales Instrument: ein Wohnungs- und Mietenkataster als Datengrundlage. Eigenbedarfskündigungen sollen behördlich kontrolliert werden, Umwandlungen in Eigentum gestoppt. Die Mietpreisprüfstelle soll als eigenständige Anstalt ausgebaut werden.
Geste: Verkehrspolitik ist das zweite Hauptthema — Parkraumbewirtschaftung zur Reduzierung von Autoverkehr, Ausbau des Radnetzes, bessere ÖPNV-Vernetzung.
Spur: Das Mietenkataster ist ein Antrag, kein Beschluss. Die Grünen haben die Verwaltungsreform mitgetragen. Abstimmungen zu konkreten Enteignungsverfahren oder Eigenbedarfsregelungen im Abgeordnetenhaus zeigen keine Mehrheit, die über Forderungen hinausgeht — das Wahlprogramm formuliert Ziele, für die in der laufenden Periode keine Mehrheit organisiert wurde.
Die Linke — Quoten und kommunaler Vorrang
Programm: Die Linke setzt am stärksten auf kommunalen Wohnungsbau. Mindestens zwei Drittel der Wohnfläche in Neubauprojekten soll preis- und belegungsgebunden entstehen. Höhere Quoten für die Vermietung an Wohnberechtigte. Im Verkehr: 90 Prozent der Wege im Umweltverbund bis 2035.
Geste: Die Linke profiliert sich als schärfste Anwältin kommunaler Steuerung — mit einer Rhetorik, die private Investoren als Teil des Problems, nicht der Lösung sieht.
Spur: Die Zwei-Drittel-Quote ist eine Programmforderung, die in der Kooperativen Baulandentwicklung keine bindende Rechtsgrundlage gefunden hat. Die Linke war in der vorherigen Wahlperiode Koalitionspartner der SPD; Drucksachen zu verschärften Quoten lagen vor, erreichten keine Mehrheit. Auf dem Weg zur Wahl 2026 sitzt sie in der Opposition.
AfD — Einheimische zuerst
Programm: Die AfD fordert, dass landeseigene Wohnungsgesellschaften bei der Vergabe Einheimische bevorzugen. Ein „Amt für Remigration" und mehr Polizisten sind die zweiten Standbeine. Beim Wohnungsbau setzt die AfD auf Deregulierung und privaten Neubau.
Geste: Innere Sicherheit und Migration dominieren den Wahlkampfauftritt; Wohnungspolitik wird über den Verteilungskonflikt — wer bekommt die knappe Ressource — geführt, nicht über Neubauziele.
Spur: Die AfD ist in Berlin Oppositionspartei. Anträge, die eine Bevorzugung nach Herkunft bei der Wohnungsvergabe festschreiben, sind rechtlich strittig und haben im Abgeordnetenhaus keine Mehrheit gefunden. Abstimmungen zu Verwaltungsreform und Wohnungsbauprogrammen hat die AfD überwiegend abgelehnt.
FDP — Beschleunigung und Eigentumsbildung
Programm: Die FDP sieht landeseigene Wohnungsunternehmen in der Pflicht für bezahlbaren Wohnraum, fordert aber zugleich eine Mieterprivatisierungspflicht für diese Unternehmen. Bauen beschleunigen, öffentliche Räume pflegen — wirtschaftliche Stärke als Rahmenbedingung.
Geste: Die FDP betont Ordnung und Eigentumsbildung, grenzt sich von regulatorischen Ansätzen ab.
Spur: Die FDP ist im Abgeordnetenhaus, ihre Fraktionsstärke ist gering. Die Mieterprivatisierungspflicht ist im aktuellen Wahlprogramm eine Forderung; ein Antrag dazu hat keine Mehrheit erreicht. Die FDP liegt in Umfragen von Forsa und INSA bei drei Prozent — knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde.
Das Raster in einem Satz: Alle sechs Parteien nennen Neubauzahlen oder Instrumente zur Wohnraumversorgung. Keiner hat in der laufenden Wahlperiode einen verbindlichen Finanzierungsrahmen dafür beschlossen. Anspruch und Spur klaffen bei allen gleich weit auseinander — das ist der Befund, den der Wahlkampf überdeckt.
