Seit 2015 werden Deutschlands Wasserspeicher systematisch kleiner. Im Juni 2026 registrierte das Helmholtz-Zentrum für Geoforschung (GFZ) in Potsdam ein Defizit von rund 25 Gigatonnen gegenüber dem langjährigen Mittel – eine Wassermasse, die ungefähr dem Inhalt des Bodensees entspricht. Die Satellitenmission GRACE-Follow-On, die das GFZ gemeinsam mit der NASA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreibt, misst Veränderungen im Schwerefeld der Erde und kann daraus ableiten, wo Wasser zu- oder abnimmt. Der Befund für 2026: Die Lage hat sich gegenüber 2025 nicht entspannt.
Was auf den ersten Blick nach einer Niederschlagsfrage aussieht, ist es nicht. Prof. Annette Eicker, Leiterin der GFZ-Sektion Globales Geomonitoring und Schwerefeld, hebt hervor, dass es keinen langfristig negativen Trend bei den Niederschlagsmengen gibt. Der Treiber ist ein anderer: steigende Lufttemperaturen erhöhen die potenzielle Verdunstung, und das Wasser, das verdunstet, steht der Grundwasserneubildung nicht zur Verfügung. Andreas Güntner, der die GFZ-Arbeitsgruppe Hydrologie leitet, ordnet ein, dass Grundwasserverluste den größten Teil des langfristigen Rückgangs der Gesamtwasserspeicherung erklären.
Das ist analytisch bedeutsam: Ein Niederschlagsdefizit ließe sich kurzfristig durch einen nassen Herbst teilweise ausgleichen. Ein Verdunstungsüberschuss, der durch höhere Temperaturen getrieben wird, ist robuster gegenüber einzelnen Feuchtejahren. 2024 war überdurchschnittlich feucht – und brachte tatsächlich eine vorübergehende Erholung. Doch die Erholung hielt nicht: Seit Jahresbeginn 2026 sinken die Speicher erneut, und Eva Börgens aus der GFZ-Sektion Erdsystemmodellierung verweist darauf, dass der Sommer 2025 besonders starke Rückgänge gebracht hatte. Der Sommer 2026 – mit seinen Hitzewellen – ist in den Daten bis Juni noch nicht abgebildet.
Die strukturelle Lücke im Boden
Das KIT hat in einer Studie vom Juli 2026 die bundesweite Entwicklung der Grundwasserstände seit 1991 untersucht. An 43 Prozent der ausgewerteten 5.844 Messstellen zeigen sich signifikante Trends – überwiegend fallend, mit einem Medianrückgang von 0,9 Zentimetern pro Jahr. In den Dürrejahren zwischen 2018 und 2021 fiel das Grundwasser an fast der Hälfte aller untersuchten Messorte auf den tiefsten Stand seit 1990. Eine gemeinsame Studie des GFZ, der Universität Bonn und des Forschungszentrums Jülich beziffert den durchschnittlichen jährlichen Wasserverlust Deutschlands zwischen 2002 und 2022 auf 760 Millionen Tonnen.
Die regionale Verteilung ist ungleich. CORRECTIV hat für seinen Grundwasser-Atlas ausgewertet, dass Ost- und Norddeutschland sowie Teile des Südwestens besonders betroffen sind. In Brandenburg sind die Grundwasserstände in den vergangenen 25 Jahren an manchen Orten um bis zu zwei Meter gesunken; 15 der 18 Landkreise weisen Grundwasserstress auf. Rheinland-Pfalz verzeichnet seit 2003 eine um 25 Prozent geringere Grundwasserneubildungsrate gegenüber den Jahrzehnten zuvor, in der Südpfalz sind es bis zu 50 Prozent. Baden-Württemberg prognostiziert, dass bis 2050 mehr als die Hälfte seiner Kommunen den Trinkwasser-Spitzenbedarf unter heutigen Bedingungen nicht mehr decken können.
Rund 70 Prozent des deutschen Trinkwassers stammen aus Grundwasser. Der BUND hat ausgewertet, dass in 201 von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten mehr Grundwasser entnommen wird, als durch Niederschläge neu gebildet werden kann – in 94 davon ist der Stress nach dieser Einschätzung akut. Der DVGW widerspricht hier teilweise und verweist darauf, dass behördliche Genehmigungen eine systematische Übernutzung verhinderten; die Debatte über die tatsächliche Entnahmetiefe auf lokaler Ebene ist damit nicht abgeschlossen.
Sektoren unter Druck
Die Konsequenzen verteilen sich über mehrere Sektoren, die sich gegenseitig belasten. Die Landwirtschaft entnimmt laut Statistischem Bundesamt rund 68 Prozent des gesamten Wasserbedarfs in Deutschland. Sinkende Grundwasserspiegel erhöhen den Bewässerungsaufwand, während gleichzeitig weniger Grundwasser zur Verfügung steht – eine Spirale, die in Trockenjahren keine Selbstkorrektur kennt. Hinzu kommt die Gefahr der Qualitätsverschlechterung: Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, kann belastetes Oberflächenwasser in den Grundwasserkörper eindringen, mit Pestizidrückständen, Medikamentenresten und anderen Schadstoffen.
Die Energiewirtschaft und energieintensive Industrie nutzen Grundwasser zur Kühlung. Dessen gleichbleibend niedrige Temperatur macht es für Kühlzwecke attraktiv – entnehmen es aber genau dann besonders stark, wenn die Temperaturen hoch sind und der Grundwasserspiegel ohnehin unter Druck steht. In der Folge sinken Grundwasserspiegel lokal schneller, was Einzugsgebiete austrocknen kann. Bodensenkungen durch sinkende Grundwasserspiegel sind eine weitere physische Konsequenz, die Infrastruktur beschädigen kann – Straßen, Leitungen, Gebäude.
Was die Politik versprochen hat – und was steht
Das Bundeskabinett verabschiedete die Nationale Wasserstrategie am 15. März 2023. Sie ist auf den Zeitraum bis 2050 ausgelegt und umfasst ein Aktionsprogramm mit 78 Maßnahmen, die schrittweise bis 2030 umgesetzt werden sollen. Zentrale Instrumente für den Grundwasserschutz sind darin benannt: ein Echtzeit-Entnahmemonitoring, ein Wasserregister mit Dokumentationspflicht für Entnahmen und der Abbau von Ausnahmen von der Erlaubnispflicht.
Keines dieser Instrumente ist bislang bundesweit operativ. Das Monitoring, das die Strategie verspricht, fehlt bis heute – eine interministerielle Arbeitsgruppe soll erst ab 2029 alle sechs Jahre einen Monitoringbericht vorlegen. Das ist kein Druckfehler: sechs Jahre Berichtszyklus für eine Ressource, die in Echtzeit schwindet. Zugleich verfehlen laut UBA aktuell über 90 Prozent der Oberflächengewässer und 100 Prozent der Grundwasserkörper die Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat hierzu keine detaillierte öffentliche Stellungnahme speziell zur NWS-Umsetzung im Grundwasserbereich vorgelegt, die durch die vorliegende Recherche belegt wäre.
Auf Länderebene gibt es erkennbare Bewegung. Sachsen beschloss im Januar 2024 das Handlungsprogramm „Zukunft Wasser für Sachsen" mit zehn Handlungsfeldern. Baden-Württemberg hat einen Masterplan Wasserversorgung entwickelt. In Brandenburg gelten seit Sommer 2026 verschiedene Allgemeinverfügungen, die Entnahmen aus Oberflächengewässern einschränken oder verbieten und Bewässerungen zeitlich limitieren. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat seit 2020 knapp 60 Millionen Euro zur Härtung der Trinkwasserinfrastruktur bereitgestellt. Wie effektiv diese Einzelmaßnahmen in der Summe wirken, lässt sich mangels bundesweitem konsolidiertem Monitoring nicht belegen.
Was die nächsten Monate zeigen werden
Die GFZ-Daten bis Juni 2026 bilden die Hitzewellen des laufenden Sommers nicht ab. Wenn die Satellitenauswertungen für August und September vorliegen, wird sichtbar, ob die Kurve des Defizits weiter nach unten zeigt. Ankündigungen überdurchschnittlicher Herbstniederschläge, die das Defizit ausgleichen könnten, gelten nach GFZ-Einschätzung als wenig wahrscheinlich, auch weil erhöhte Temperaturen einen Teil des Regens direkt wieder verdunsten lassen.
An diesem Punkt entscheidet sich, ob die Analyse der vergangenen Monate trägt: Zeigen die Herbstdaten eine messbare Erholung, wäre das ein Hinweis, dass einzelne Feuchtejahre noch ausreichen, um das Defizit zu dämpfen. Zeigen sie eine weitere Verschärfung, wäre das strukturelle Bild bestätigt – und die Instrumente der Nationalen Wasserstrategie stünden unter dem Druck, schneller operativ zu werden als ihr eigener Zeitplan vorsieht.
