Der Irak auch. Und die Golfstaaten spielen beide Seiten — nicht aus Feigheit, sondern aus Kalkül.
Scott Bessent, US-Finanzminister, verspricht wöchentliche Bankensanktionen gegen jedes Institut, das iranische Gelder bewegt. Am 7. August 2026 traf es Shahr Bank, dann die zwei Dubaier Wechselstuben Titan Exchange und Alps International, dann VAE-Niederlassungen der Banque Misr — mutmaßliche Schattenfinanzierungen in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar, nach US-Angaben. Am 8. September 2026 folgten 27 iranische Fluggesellschaften. Insgesamt stehen knapp 60 Entitäten auf der Liste. Das klingt nach Zermürbung. Es ist, vorerst, Beschriftung.
Das Modell dahinter ist erprobt: Sekundärsanktionen bestrafen nicht den Feind direkt, sondern jeden Dritten, der mit ihm Geschäfte macht. Die Logik ist extraterritorial — New Yorker Recht dehnt sich bis Dubai, bis Singapur, bis Hongkong. Soweit das Dollarclearing reicht, reicht der Arm des US-Finanzministeriums. Das ist keine Fiktion; es hat in der Vergangenheit funktioniert, gegen Nordkorea, gegen Russland, in Teilen auch gegen den Iran selbst.
Aber die Straße von Hormus ist kein Clearinghaus.
Das Gegenargument in seiner stärksten Form: Wer Teherans Währungsreserven, seine Ölerlöse und seinen Zugang zu Devisenmärkten abschneidet, zwingt ein Regime zur Wahl zwischen Eskalation und Konzession. Dieser Druck hat 2015 funktioniert — das JCPOA war das Ergebnis. Auch heute ist Teheran nicht immun gegen wirtschaftliche Erschöpfung; Shahr Bank war kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Kanal iranischer Auslandsfinanzen. Außenminister Abbas Araghchi nennt die Sanktionen „mehr Sanktionen nach dem Scheitern von Krieg und Verhandlungen" — das klingt nach Selbstberuhigung, nicht nach Stärke.
Trotzdem greift das Modell hier anders. Der Unterschied ist geografisch.
Die Straße von Hormus ist 33 Kilometer schmal an ihrer engsten Stelle, mit iranischem und omanischem Hoheitsgebiet auf beiden Seiten. Knapp ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gastransports passiert sie täglich. Oman, das souverän über seinen Teil der Meerenge verfügt, hat nicht die geringste Absicht, sich zum Werkzeug amerikanischer Containment-Politik machen zu lassen. Maskat unterhält seit Jahrzehnten vertrauliche Kanäle nach Teheran — es war omanisches Vermittlungsgeschick, das 2013 den Geheimkanal für die Atomgespräche öffnete. Jetzt lässt Oman Tanker durch, weil sein eigener Haushalt davon abhängt.
Der Irak ist komplizierter, das Ergebnis dasselbe. Bagdad ist militärisch von Washington abhängig, wirtschaftlich von Teheran. Iran-nahe Milizen haben eine irakische Pipeline nach einer Drohnenattacke kurz außer Betrieb gesetzt — dieselbe Pipeline, über die Saudi-Arabien täglich bis zu fünf Millionen Barrel Öl transportierte, bevor Riad sie vorsorglich abschaltete. Die irakische Regierung verhandelt mit beiden Seiten gleichzeitig, weil sie es muss.
Mohsen Resai, Irans Sicherheitsratschef, hat den Golfstaaten unmissverständlich mitgeteilt: Wer sich dem Sanktionsregime anschließt, gilt als Feind. Kein Tropfen Öl werde dann noch die Straße von Hormus verlassen. Das ist, auf dem Papier, eine Drohung von erheblicher Fallhöhe. In der Praxis ist es ein Angebot: Bleibt neutral, und die Drohung gilt nicht. Saudi-Arabien, die VAE, Katar, Oman — sie alle haben direkte Gesprächskanäle nach Teheran geöffnet oder gehalten. Gleichzeitig halten sie die amerikanischen Sicherheitsgarantien, kaufen US-Waffen, lassen US-Basen auf ihrem Territorium. Sie wählen nicht zwischen Washington und Teheran; sie rechnen beide Positionen gegeneinander aus und maximieren ihren eigenen Spielraum.
Das ist der Effekt, den Washington erzeugt: keine Isolation des Iran, sondern eine Proliferation von Grauzonen.
Gut darin, iranische Banken zu benennen und zu sperren — weniger gut darin, die Routen zu kontrollieren, über die iranisches Öl trotzdem fließt. Die Schattenflotte wächst: Tanker ohne erkennbare Eigentümer, mit mehrfach umgeflaggten Registrierungen, die in einem einzigen Transithafen ihre Ladung auf andere Schiffe umladen und damit die Herkunft verschleiern. Das ist nicht Irans Erfindung; Russland hat dieses Modell seit 2022 perfektioniert, und die Entwertung westlicher Sanktionspolitik seitdem ist messbar. Iranische Schattenflotten kopieren ein erprobtes System.
Die Banque-Misr-Sanktion illustriert das Muster: 1,8 Milliarden Dollar, nach US-Angaben, über VAE-Niederlassungen geflossen — entdeckt, gelistet, gesperrt. Wie viele weitere Kanäle bisher nicht entdeckt wurden, bleibt offen. Das Finanzministerium räumt ein, dass die Zielauswahl „fortlaufend" sei, die Liste also unvollständig ist. Sekundärsanktionen sind ein Werkzeug mit Lerneffekt: Je mehr sie treffen, desto professioneller wird die Umgehung — weil der Preis der Umgehung jetzt endlich bezifferbar ist.
Der strukturelle Irrtum der Kampagne ist nicht moralischer, sondern epistemischer Natur. Washington glaubt, juristische Exterritorialität erzeuge physische Kontrolle. Das tut sie nicht. Das Dollarclearing kontrolliert Transaktionen; es kontrolliert keine Meerengen, keine Ladeluken, keine omanischen Hoheitsgewässer. Solange Teheran einen Käufer findet — China hat seine Einkäufe iranischen Öls seit 2022 deutlich ausgebaut, Peking zahlt auf Wegen, die am Dollar vorbeigehen —, ist die Sanktionswirkung eine Preisfrage, keine Existenzfrage.
Der Preis dafür ist real, und er trifft den Iran. Aber er trifft auch jeden Händler, der jetzt über einen Mittelmann arbeiten muss, wo er früher direkt gehandelt hat. Dieser Aufwand verteilt sich auf die gesamte Region. Die Effizienz der westlichen Handelspolitik sinkt dabei nicht auf null; sie sinkt auf den Punkt, an dem die Kosten der Umgehung niedriger sind als die Kosten des Nachgebens. Bisher hat Teheran keinen Grund geliefert zu glauben, dieser Punkt sei erreicht.
Kriegskosten: 37,5 Milliarden Dollar, nach Schätzungen für die US-Seite. Patriot-Abfangraketen: Bestände unter 1.000 nach Verbrauch von mindestens 1.500 seit Kriegsbeginn. Das Finanzministerium sanktioniert wöchentlich. Das Pentagon bestellt nach. Und durch die Straße von Hormus fahren Tanker.
