Drei Wochen nach dem Anschlag auf den CSD, einem Todesopfer und 31 Verletzten, liegt die relevante Frage nicht bei Werner Graf oder Stefan Evers. Sie liegt bei den konkreten Mechanismen, die eine 3,8-Millionen-Stadt vor einem Mann mit Messer schützen – oder nicht schützen. Berlin diskutiert stattdessen Koalitionstopologie.
Das ist kein Zufall. Es ist Methode.
Der Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf hat den Ausschluss einer CDU-Koalition zu seiner Markenbotschaft gemacht: Rot-Rot-Grün soll her, weil eine progressive Regierung andere Mietenpolitik und mehr öffentlichen Raum ermöglicht. Das sind legitime Ziele. Aber als Antwort auf einen islamistischen Anschlag, der 38 Prozent der Berliner nach einer Civey-Umfrage verunsichert hat, wirkt dieser Reflex wie ein Taschenspielertrick: Wer über Koalitionsgeometrie redet, muss nicht über Sicherheitsarchitektur reden.
Die CDU macht es umgekehrt, aber nicht besser. Stefan Evers' Partei widmet 18 Prozent ihres Wahlprogramms dem Thema Sicherheit – mehr als jede andere Partei außer der AfD. Bodycams, Taser, erweiterte Videoüberwachung: Das Programm liest sich als Hardware-Katalog einer handlungsfähigen Polizei, die Berlin seit Jahren nicht vollständig aufbauen konnte. Die Frage, wer das finanziert und wie Prävention, Intervention und Strafverfolgung operational verzahnt werden, bleibt offen – im Wahlprogramm wie im Koalitionsvertrag von 2023.
Hier liegt das ehrlichere Gegenargument zu Grafs Kurs: Die CDU hat immerhin eine quantifizierbare Priorisierung des Themas. 18 Prozent Programmgewicht sind kein Sicherheitskonzept, aber sie sind mehr als das, was die Grünen an Konkretem auf den Tisch legen. Graf setzt auf Ursachenbekämpfung – Armut, Perspektivlosigkeit, Hasskriminalität –, und das ist kein schlechter Ansatz. Aber ein islamistischer Täter, der einen Messerangriff auf eine Queer-Veranstaltung begeht, ist kein Symptom von Perspektivlosigkeit, das sich durch bessere Sozialarbeit in drei Jahren auflöst. Die Komplexität der Bedrohung verträgt sich schlecht mit der programmatischen Schlichtheit der Reaktion.
Die SPD unter Steffen Krach verspricht Solidarität und Vielfalt und will Sicherheit durch Abbau sozialer Ungleichheit schaffen. Das ist richtig und reicht nicht. Volt bietet evidenzbasierte Prävention. Auch richtig, auch unvollständig. Keine Partei legt ein städtebauliches oder operatives Konzept vor, das den Schutz des öffentlichen Raums bei Großveranstaltungen dauerhaft verändert – Absperrkonzepte, Frühwarnsysteme, Zusammenarbeit zwischen Verfassungsschutz und Berliner Behörden, die das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum nach dem Anschlag achtmal beraten haben, ohne die Öffentlichkeit über Erkenntnisse zu informieren.
Inzwischen fordern AfD und CDU Präventivhaft für Gefährder vor Großereignissen. Der Grundrechtseingriff ist erheblich, der Nachweis der Wirksamkeit ausstehend, die Debatte darüber dennoch legitim – und auch sie bleibt im Wahlkampf eine Geste. Weder ist die Rechtsgrundlage auf Landesebene gesichert, noch sind die operativen Kapazitäten da. Die Polizeigewerkschaft fordert KI-gestützte Gesichtserkennung; das Datenschutzrecht steht dagegen. Beides ist wahr, keines wird in einem Wahlprogramm gelöst.
Was Werner Graf von der CDU trennt, ist real: Verkehrspolitik, Mietrecht, Haushaltsdisziplin – das sind echte inhaltliche Differenzen. Graf wirft der laufenden CDU-SPD-Koalition Chaos in der Haushaltspolitik vor, und der Vorwurf hat Substanz. Aber das sind Argumente für oder gegen Koalitionspartner in der Stadtentwicklung, nicht in der Sicherheitspolitik. Wer beides vermengt, macht aus einer politischen Präferenz ein sicherheitspolitisches Argument – und hofft, dass niemand genau hinschaut.
In Berlin stiegen Schusswaffendelikte von 2024 auf 2025 um 68 Prozent. Der CSD-Anschlag sitzt. Rund 2,49 Millionen Wahlberechtigte stimmen am 20. September 2026 ab, darunter erstmals 16- und 17-Jährige.
Ihnen schulden die Parteien eine Antwort auf die Frage, welche konkreten Strukturen Berlin sicherer machen. Graf schuldet eine Antwort, warum Rot-Rot-Grün diese Strukturen besser aufbaut als jede andere Konstellation. Die Antwort ist noch nicht gegeben. Der Koalitionsausschluss schon.
