Im Morgengrauen des 24. Januar 2023 tötete Lindsay Clancy in Duxbury, Massachusetts ihre Kinder Cora (5 Jahre), Dawson (3 Jahre) und Callan (8 Monate). Anschließend sprang sie aus einem Fenster. Sie überlebte, ist seitdem querschnittsgelähmt. Was in jenen Stunden in ihr vorging — und ob das Recht eine Antwort darauf haben kann —, ist die eigentliche Frage des Verfahrens.
Die Frage nach dem Ob der Tat stellte sich im Gerichtssaal von Plymouth County nicht. Clancy bestritt die Tötungen nicht. Ihr Anwalt Kevin Reddington führte stattdessen die Unzurechnungsfähigkeit seiner Mandantin ins Feld: Clancy habe Stimmen gehört, die ihr befahlen, die Kinder zu töten. Sie habe das Unrecht ihrer Handlungen nicht erkennen können. Sie habe an einer bipolaren Störung mit schwerer postpartaler Psychose gelitten.
Auf der anderen Seite: die Staatsanwaltschaft, die von einer geplanten, vorsätzlichen Tat ausging.
Am 4. September 2026 erklärte Richter William Sullivan das Verfahren für gescheitert. Die Geschworenen hatten 38 Stunden beraten — ohne Ergebnis.
Zwei Gutachter, zwei Wirklichkeiten
Der Kern des Verfahrens war eine psychiatrische Streitfrage, über die sich zwei Sachverständige nicht einigen konnten. Eine Psychologin der Verteidigung sagte aus, Clancy habe an einer bipolaren Störung mit postpartaler Psychose gelitten und sei nicht in der Lage gewesen, die Falschheit ihrer Handlungen zu erkennen. Die Befehlshalluzinationen — Stimmen, die den Tod der Kinder forderten — seien keine metaphorische Beschreibung, sondern ein dokumentiertes psychiatrisches Symptom gewesen.
Der Gegengutachter der Anklage kam zu einem anderen Befund: Er attestierte Clancy eine schwere depressive Episode, aber keine Psychose. Damit entfiel in seiner Lesart die psychiatrische Grundlage für die Schuldunfähigkeit.
Beide Sachverständige hatten dieselbe Aktenlage — und zogen gegensätzliche Schlüsse. Das ist kein Betrieb, sondern ein strukturelles Problem: Die Diagnose einer Psychose im Nachhinein, Monate oder Jahre nach der Tat, stützt sich auf Rekonstruktion. Bildgebende Verfahren zum Tatzeitpunkt existieren nicht; Zeugnis und Dokumentation sind das einzige Material. Die Gutachterkonkurrenz ist damit unvermeidlich, sobald beide Seiten sachverständige Zeugen stellen dürfen.
Hinzu kommt: Clancy hatte vor der Tat mehrfach psychiatrische Hilfe gesucht. Ihr wurden Medikamente verschrieben. Sie hat inzwischen Klage gegen acht Gesundheitseinrichtungen eingereicht, denen sie Fehldiagnose und mangelhafte Behandlung vorwirft. Ob eine frühere, präzisere Diagnose die Tat verhindert hätte, ist eine Frage, die das Strafgericht nicht beantworten kann — und auch nicht muss. Sie bleibt dennoch im Raum.
Die M'Naghten-Regel und ihre Grenzen
Wie Massachusetts definiert, wann jemand nicht schuldfähig ist, geht auf eine Entscheidung des britischen House of Lords aus dem Jahr 1843 zurück. Die M'Naghten-Regel stellt auf Wissensunfähigkeit ab: Eine Person ist schuldunfähig, wenn sie infolge einer Geisteskrankheit entweder nicht wusste, was sie tat, oder nicht wusste, dass es falsch war.
Diese Definition setzt voraus, dass Kognition und Handlung zusammenhängen: Wer die Norm kennt, kann sich nach ihr richten. Die postpartale Psychose fordert diese Annahme heraus. Befehlshalluzinationen — imperative Stimmen, die eine Handlung fordern — können bei erhaltenem Wissen um die Norm auftreten. Eine Mutter kann wissen, dass das Töten von Kindern falsch ist, und gleichzeitig von einem Wahnerleben überwältigt sein, das ihr genau diese Handlung als notwendig erscheinen lässt. Das M'Naghten-Kriterium fragt: Wusste sie es? Nicht: Konnte sie anders handeln?
Einige US-Bundesstaaten haben das ergänzt. Der Model Penal Code (ALI-Standard), der in mehreren Staaten Anwendung findet, schließt auch den Kontrollverlust ein: Schuldunfähigkeit liegt demnach auch dann vor, wenn eine Person infolge einer psychischen Erkrankung nicht in der Lage war, ihr Verhalten an die Norm anzupassen, auch wenn sie diese kannte. Massachusetts folgt einem gemischten Standard, der näher an M'Naghten liegt. Die Geschworenen mussten also in einem Rahmen urteilen, der Handlungskontrolle als Frage gar nicht explizit stellt.
Eine vergleichbare Frage — ob ein Vater aufgrund hormonell bedingter Psychose für den Mord an seinen Kindern für unzurechnungsfähig erklärt worden wäre — ist aus der US-Rechtsprechung nicht bekannt. Die postpartale Psychose ist anatomisch eine Erkrankung, die Mütter betrifft. Ihre rechtliche Sonderstellung ist nicht kodiert.
Was das Scheitern der Jury zeigt
Jurorenmitglieder gaben nach dem Mistrial Einblicke in die Beratungen: Die Uneinigkeit drehte sich um die zentrale psychiatrische Frage, nicht um die Faktenlage. Der Befund, dass Clancy die Tötungen vorgenommen hatte, war unstreitig. Strittig blieb, ob der Zustand, in dem sie sich befand, die rechtliche Schwelle der Unzurechnungsfähigkeit erreichte.
Psychiatrische Diagnosen in Strafprozessen folgen einer anderen Logik als klinische Diagnosen. Eine klinische Diagnose stützt sich auf gegenwärtige Beobachtung, Verlauf und Testverfahren. Eine forensische Diagnose muss auf einen vergangenen Zeitpunkt rückschließen. Diese Rekonstruktion ist keine Schwäche des einzelnen Gutachters — sie ist die Aufgabe, wie das Verfahren sie stellt. Dass zwei seriöse Sachverständige zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen, ist das erwartbare Ergebnis eines adversarialen Systems, das Wahrheit durch Widerspruch erzeugen will.
Das Dilemma, das der Fall Clancy sichtbar macht, ist nicht neu — aber er verschärft es. Wenn ein neurobiologischer Zustand Handlungen erzwingen kann, bei denen kognitives Wissen um die Norm erhalten ist, fehlt dem klassischen Strafrecht die Kategorie. Es kann Böswillen von Krankheit trennen. Es kann schwer unterscheiden zwischen: „Sie wusste es und hat es dennoch getan" und „Sie wusste es — und konnte dennoch nicht anders."
Ob die Staatsanwaltschaft einen neuen Prozess anstreben wird, war zum Zeitpunkt des Mistrial offen. Eine erneute Hauptverhandlung würde dieselben Sachverständigen, dieselben Zeugen und dasselbe Rechtssystem zusammenbringen — mit ungewissem Ausgang.
Woran man in den kommenden Monaten erkennt, ob der Fall mehr als einen Einzelprozess bewegt: ob der Massachusetts-Gesetzgeber den Insanity-Defense-Standard um eine Kontrollverlust-Komponente ergänzt, und ob die psychiatrischen Fachgesellschaften standardisierte forensische Protokolle für die retrospektive Diagnose postpartaler Psychosen entwickeln. Beides ist diskutiert; beides ist offen.
