Drei historische El-Niño-Winter in Mitteleuropa liefen überdurchschnittlich warm: 1982/83 lagen die Temperaturen 1,4 Grad über dem Mittel der Periode 1961 bis 1990, 1997/98 waren es 2,7 Grad, 2015/16 sogar 3,4 Grad. Wer daraus schließt, der kommende Winter werde erneut mild und die Gasspeicher-Lücke sei irrelevant, übersieht den Mechanismus, der die Ausnahmen erzeugt.

Die Polarwirbel-Variable

El Niño erwärmt den tropischen Pazifik — das ist der Ausgangspunkt. Den Rest erledigen atmosphärische Wellenmuster, die sich über Monate verschieben. Daniela Domeisen vom Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich und Timothy Palmer (Oxford) gehören zu den Forschern, die zeigen, wie ein starkes El-Niño-Signal stratosphärische Strömungen beeinflusst und den Polarwirbel destabilisieren kann. Ein schwacher oder zerrissener Polarwirbel lässt arktische Kaltluft nach Süden ausbrechen — genau das, was im Februar 2021 über Texas und im Februar 2018 über Mitteleuropa passierte. Die University of Reading zeigt in einer Studie von 2024, dass starke El-Niño-Ereignisse die Vorhersagbarkeit europäischer Wintermuster über mehrere Monate verbessern — was bedeutet, dass das Signal real ist, nicht dass es eindeutig wäre.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) formuliert das mit der nötigen Vorsicht: Für Europa sei der Zusammenhang weniger direkt als für andere Regionen, weitere atmosphärische Muster wie die Nordatlantische Oszillation überlagern das Signal. Wahrscheinlicher ist ein insgesamt milder Winter, mit der nicht ignorierbaren Ausnahme eines Kälteeinbruchs im Spätwinter. Für die Energieplanung ist genau diese Ausnahme entscheidend.

53,4 Prozent und ein Kaltwinter-Szenario

Die deutschen Gasspeicher standen am 1. September 2026 bei 53,4 Prozent — der Vorjahreswert lag zu diesem Zeitpunkt bei 71 Prozent. EU-weit waren es Anfang August 57,1 Prozent. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) sieht laut eigener Pressemitteilung „deutliche Fortschritte bei der Sicherstellung der Gasversorgung" und beschreibt die Lage gleichzeitig als „anspruchsvoll". Einsparungen seien weiterhin notwendig.

Der Verband der Gasspeicherbetreiber INES hat Szenarien durchgerechnet: Bei einem Kaltwinter entsprechend dem Referenzjahr 2010 sind Unterdeckungen im Januar und Februar 2027 möglich, wenn der Füllstand zum 1. November nicht mindestens 77 Prozent erreicht. Zum 1. September 2026 fehlten dafür noch fast 24 Prozentpunkte. Das ist innerhalb von zwei Monaten erreichbar, sofern die Einspeicherung zügig läuft — und sofern ein milder Herbst den Verbrauch niedrig hält.

Die Importabhängigkeit verschärft die Rechnung. Im Jahr 2025 stammten nur 34 Terawattstunden Gas aus eigener Förderung; importiert wurden 1.031 Terawattstunden. Lieferausfälle oder Preisspitzen auf dem LNG-Markt treffen Deutschland damit unmittelbar. Die staatliche Befüllung einer nationalen Erdgasreserve ist laut BMWE-Planung erst für Frühjahr 2027 vorgesehen — nach dem kritischen Quartal.

Was in Asien brennt oder versiegt, fehlt in Duisburg

El Niño verschiebt nicht nur europäische Wettermuster. In Teilen Asiens und Australiens bringt das Phänomen historisch Dürren; in anderen Regionen Überschwemmungen. Beides trifft Produktionsketten, die Deutschland direkt versorgen.

Der Panamakanal ist auf Niederschläge aus dem Einzugsgebiet angewiesen — in einem starken El-Niño-Jahr können diese ausbleiben, der Wasserstand sinkt, Schiffe müssen Ladung reduzieren oder Umwege fahren. Das verlängert Transportzeiten und erhöht Frachtkosten. Energieintensive Vorprodukte wie Aluminium, Stahl und Chemiegrundlagen werden zu erheblichen Teilen aus Regionen importiert, die von El-Niño-Extremwetter betroffen sein können. Laut einer Analyse des Risikomanagement-Unternehmens Sphera berichten 67 Prozent der Unternehmen von Ressourcenknappheit durch klimabedingte Lieferengpässe.

Das ist kein neues Risiko — aber es überlagert sich diesmal mit dem Energieproblem. Ein Industriebetrieb, der wegen hoher Energiepreise bereits am Limit produziert, hat weniger Puffer, wenn gleichzeitig Vorprodukte knapp oder teuer werden. PreventionWeb, die Informationsplattform des UN-Büros für Katastrophenrisikominderung (UNDRR), warnt in einer Analyse der aktuellen El-Niño-Entwicklung ausdrücklich vor genau dieser Kopplung.

Woran es sich entscheiden wird

Der Niño3.4-Index nähert sich nach NOAA-Daten seinem Höhepunkt im November 2026. Die entscheidende atmosphärische Weichenstellung für Europa fällt danach — im Dezember und Januar, wenn stratosphärische Erwärmungsereignisse entweder auftreten oder ausbleiben. Das Wetterfenster, das die Gasspeicher schließen müssten, schließt sich parallel.

Drei Indikatoren zeigen bis Ende Januar 2027, ob das Stressszenario eintritt: erstens der Gasspeicherfüllstand zum 1. November (Zielmarke 77 Prozent für Versorgungssicherheit im Kaltwinter-Szenario), zweitens das Auftreten einer stratosphärischen Erwärmung als Vorläufer eines Polarwirbel-Einbruchs, drittens die Frachtkosten auf den Hauptrouten des LNG-Handels als Frühindikator für Angebotsdruck. Bleiben alle drei im grünen Bereich, läuft der Winter statistisch wahrscheinlich mild ab. Kippen zwei davon, ist das Risiko kumulativ — nicht bloß additiv.