Das Sachthema lautet: innere Sicherheit und Polizeistärke in Thüringen — ein Feld, auf dem alle im Parlament vertretenen Kräfte Ansprüche formulieren. Das Raster prüft Programm, Geste und Spur. Die Reihenfolge folgt der aktuellen Fraktionsgröße.
AfD
Im Wahlprogramm zur Landtagswahl September 2026 fordert die AfD Thüringen mindestens 300 Neueinstellungen bei der Landespolizei pro Jahr sowie eine Aufwertung des Polizeiberufs durch bessere Bezahlung und Ausstattung. Darüber hinaus verlangt sie ein klares Instrumentarium gegen grenzüberschreitende Kriminalität und lehnt eine Verschärfung des Waffenrechts ab. Auf der Gestenebene: Umfragestärke (40 Prozent, INSA, 2. Juli 2026) wird zur Legitimationserzählung — wer so viele Wähler repräsentiert, braucht kein Argument, nur eine Zahl. Die Umsetzungsspur: Die AfD sitzt in Thüringen in der Opposition; Anträge im Landtag, die über Anfragen hinausgehen, sind in den zugänglichen Quellen nicht belegt. Der Forderungskatalog bleibt Programm.
CDU
Die CDU Thüringen hat im Februar 2026 eine Novellierung des Thüringer Polizeiaufgabengesetzes angekündigt — mit rechtssicheren Regelungen zu häuslicher Gewalt, Meldeauflagen und Opferschutz. Im August 2026 hob die Partei öffentlich hervor, dass rund 360 neue Polizeianwärterinnen und -anwärter eingestellt wurden. Auf der Gestenebene: Facebook-Videos mit Polizistinnen in Ausbildungsuniform, Schlagzeile „Wir halten, was wir versprechen". Die Umsetzungsspur: Die CDU ist seit der Thüringen-Wahl 2024 Regierungspartei. Die angekündigte Polizeirechtsreform hat bis zum Redaktionsschluss keine beschlussreife Landtags-Drucksache erzeugt. 360 neue Anwärter: das sind Ausbildungsplätze, keine einsatzbereiten Beamten. Anspruch und Spur: nicht identisch.
SPD
Im Programm bekennt sich die SPD Thüringen zu Polizeipersonal und Prävention. Konkrete Personalzahlen oder Gesetzgebungsvorhaben mit Terminbindung finden sich in den zugänglichen Quellen nicht. Auf der Gestenebene: Die SPD liegt in Umfragen bei rund 6 Prozent — die Geste ist entsprechend gedämpft, die Koalitionsarithmetik drückt stärker als das Programm. Die Umsetzungsspur: Die SPD ist Juniorpartnerin in der Thüringer Regierung. Eigenständige sicherheitspolitische Initiativen mit parlamentarischem Niederschlag sind nicht belegt.
Bündnis 90/Die Grünen
Die Grünen Thüringen liegen in Umfragen bei rund 4 Prozent und müssen den Wiedereinzug in den Landtag erkämpfen. Im Programm setzen sie auf evidenzbasierte Kriminalprävention und lehnen reine Personalaufstockung ohne Strukturreform ab. Auf der Gestenebene: Die Partei ist mit dem Thema innere Sicherheit nicht profiliert — ihre Kommunikation gilt stärker dem Klimaschutz und dem Erhalt demokratischer Institutionen. Die Umsetzungsspur: keine belegten eigenen Anträge zur Polizeistärke im laufenden Landtagsjahr.
Die Linke
Die Linke gewinnt in aktuellen Umfragen leicht hinzu und liegt bei rund 16 Prozent. Im Programm verbindet sie Sicherheitspolitik mit sozialpolitischen Ursachen: Armut als Kriminalitätstreiber, Prävention vor Repression. Zur Fachkräftesicherung in der Landesverwaltung hat die Linksfraktion ein Positionspapier vorgelegt, das Ausbildungsoffensiven und bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst fordert. Auf der Gestenebene: Die Linke ist die Partei der bisherigen Ministerpräsidentschaft — bis 2024 unter Ramelow. Die Umsetzungsspur: Das Positionspapier zum Fachkräftemangel ist belegt; Anträge zur inneren Sicherheit im engeren Sinne sind in den zugänglichen Quellen nicht nachgewiesen.
Der Befund des Rasters
Alle fünf Fraktionen fordern mehr Polizei. Keine hat eine Finanzierungsplanung vorgelegt, die über Haushaltsjahre trägt. Die CDU hat die größte Wort-Tat-Lücke, weil sie regiert: Das Polizeiaufgabengesetz ist angekündigt, die Drucksache fehlt. Die AfD hat die größte Programm-Praxis-Lücke, weil sie in der Opposition keine Mehrheit organisieren kann und ihre Forderungen folglich auf dem Papier bleiben.
Für Sachsen-Anhalt — wo die AfD am 6. September 2026 über 43 Prozent der Stimmen erhielt — gilt ein ergänzender Befund: Gemeinsame parlamentarische Initiativen der demokratischen Fraktionen zur inneren Sicherheit sind in keiner der zugänglichen Quellen dokumentiert. Der Verfassungsschutz des Landes stuft rund die Hälfte des rechtsextremistischen Personenpotenzials als gewaltbereit ein. Das eine ist ein Datenpunkt, das andere ist das Schweigen des Drucksachen-Trails.
