Markus Krampe hat in dieser Woche demonstriert, was es bedeutet, wenn Veranstalter Grundrechte nicht brechen, sondern umbiegen: freundlich, besorgt, im besten Willen, einfach keine Szenen auf der Bühne.
Die Begründung lautete, das Glücksgefühle-Festival sei „komplett unpolitisch". Das ist kein Konzept, das ist eine Wunschproduktion. Andreas Gabalier stand noch im Line-up, als Alphaville schon draußen war — ein Mann, dessen Bühnenauftritte regelmäßig als kulturpolitische Statements gelesen werden, nur eben in die andere Richtung. Was Krampe „unpolitisch" nannte, war eine Auswahl. Nur keine, die er so nennen wollte.
Das stärkste Argument der Gegenseite verdient Gewicht: Private Veranstalter tragen das wirtschaftliche Risiko einer Großveranstaltung allein. 250.000 Besucher, drei Bühnen, Sponsoren, Haftung — wer den Vertrag mit dem Hockenheimring hält, trägt auch die Konsequenzen, wenn der Abend eskaliert. Das Hausrecht ist kein Phantomrecht. Konzertverträge regeln üblicherweise Technik, Gage und Auftrittsbedingungen; eine Klausel, die politische Äußerungen explizit verbietet, ist in der Branche ungewöhnlich und rechtlich angreifbar — aber ein Veranstalter darf Bedingungen stellen, und Künstler müssen sie nicht akzeptieren. So weit, so vertragsrechtlich klar.
Nur folgt daraus nicht, was Krampe daraus folgen ließ.
Wer ein Festival in dieser Größenordnung betreibt, handelt nicht im rechtsfreien Raum privater Beliebigkeit. Die Bühne des Glücksgefühle-Festivals ist kein Wohnzimmer. Sie ist eine der größten kulturellen Infrastrukturen des deutschen Festivalsommers. Wer diesen Raum bespielt, übernimmt eine Verantwortung, die über die Ticketeinnahmen hinausgeht — die Verantwortung für das, was dort stattfindet, und für das, was dort verhindert wird. Und was hier verhindert werden sollte, waren demokratiepolitische Äußerungen einer Band, die sich seit Jahren klar gegen Rechtsextremismus positioniert.
Das ist nicht Neutralität. Das ist Schweigen als Programm.
Alphaville-Sänger Marian Gold stellte keine Bedingungen; er weigerte sich nur, eine zu akzeptieren — nämlich den Verzicht auf das, was er für wesentlich hält. Das Hausrecht endet dort, wo es verlangt, dass ein Künstler auf der Bühne nicht er selbst sein darf. Campino hat das auf den Punkt gebracht: Wer jemanden ausschließt, der sich für Demokratie einsetzt, überschreitet eine Grenze.
Was folgte, war aufschlussreicher als der Fehler selbst. Nach öffentlichem Druck entschuldigte sich Krampe, erklärte die Ausladung zum Irrtum und lud die Band wieder ein. Das belegt zweierlei. Erstens: Die ursprüngliche Entscheidung hatte keine inhaltliche Grundlage, die der Veranstalter zu verteidigen bereit war — also hatte sie keine. Zweitens: Was wie eine Überzeugung aussah, war Panik. Nicht vor Alphaville, nicht vor dem Publikum — vor dem, was Sponsoren, Partner und Medien denken könnten, wenn von der Bühne etwas Unbequemes kommt.
BILD war Medienpartner des Festivals. Welchen Einfluss das auf die Programmgestaltung hatte, ist nicht belegt. Dass der Reflex, bloß keine Schlagzeilen zu produzieren, die Entscheidung begleitete, ist mit dem dokumentierten Ablauf vereinbar: Ausladung, Widerstand, Rückzug. Die Dramaturgie des vorauseilenden Gehorsams hat genau diese Struktur.
Alphaville lehnte ab. Jannek Schmitt sagte seinen Auftritt ab. Jenny Elvers zog sich zurück. Die Gage geht an eine gemeinnützige Organisation. Was das Festival mit seiner Entscheidung gewonnen hat: den Beweis, dass seine Risikoabwägung bis zuletzt falsch lag. Die öffentliche Debatte, die es verhindern wollte, hat es selbst erzeugt — lauter, länger, mit mehr Fallhöhe.
Das ist die eigentliche Bilanz dieser Woche: ein Festival, das sich selbst als Schutzbedürftiges inszeniert hat und dabei vorgeführt hat, was es schützt. Nicht die Kunst. Nicht das Publikum. Die Ruhe.
