AVROTROS hat seine Erklärung zum ESC-Boykott 2027 in einem Satz zusammengefasst, der präzise ist, weil er so unspezifisch klingt: Der Wettbewerb sei „nicht mehr neutral". Der Sender meint damit Israels Teilnahme während des Gazakriegs, das „schwere menschliche Leid" und Einschränkungen der Pressefreiheit. Die EBU hat neue Regeln eingeführt. AVROTROS hat sie gelesen und ist trotzdem gegangen. Das sagt mehr über die Regeln als über den Sender.
Die EBU-Reformen, im August 2026 angekündigt, sind handwerklich nicht unklug. Länder in einem bewaffneten Konflikt oder einer „sensiblen geopolitischen Situation" dürfen den ESC künftig nicht ausrichten. Das Mindestalter für Interpreten steigt auf 18 Jahre. Politische oder ideologische Botschaften in Liedtexten, Reden und Gesten bleiben verboten. Das ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Die Frage lautet: Darf Israel teilnehmen, solange der Krieg läuft? Die EBU beantwortet sie nicht. Sie regelt stattdessen, wo der Wettbewerb stattfindet.
Das stärkste Argument für diese Zurückhaltung ist kein schwaches. Die EBU vertritt 56 Mitgliedssender aus Ländern mit sehr unterschiedlichen Regierungen, Allianzen und Interessen. Wer beginnt, Teilnahmerechte an Kriegsbeteiligung zu knüpfen, öffnet eine Tür, durch die alle gehen müssen: Russland wurde 2022 ausgeschlossen, nachdem es die Ukraine überfallen hatte – mit Unterstützung der Mitglieder. Israel kämpft in Gaza; die Bewertung dieses Kriegs ist unter den ESC-Mitgliedsländern tief umstritten. Ein Ausschluss würde eine Wertung voraussetzen, zu der die EBU institutionell weder befugt noch gerüstet ist. Das ist ein echtes Problem.
Aber es löst das andere nicht. Die Formel „wir sind unpolitisch" funktioniert nur, solange alle mitspielen. Spanien, Irland, Island, Slowenien und die Niederlande taten es 2026 nicht. Die Quoten brachen um 35 Millionen Zuschauer ein. AVROTROS hat seine Verantwortung inzwischen an den Dachverband NPO weitergegeben; ob die Niederlande 2027 überhaupt vertreten sein werden, ist offen. Der Schaden ist nicht hypothetisch.
Die eigentliche Erosion liegt tiefer. Der ESC war nie wirklich unpolitisch. Er entstand 1956 als europäisches Integrationsprojekt, getragen von öffentlich-rechtlichen Sendern, die in den Statuten der EBU verankert sind. Die Abstimmungsmuster folgten immer regionalen Loyalitäten, Diaspora-Netzwerken, bilateralen Freundschaften. Die Fiktion der reinen Kulturveranstaltung war ein Konsens, kein Faktum – und Konsense halten nur, wenn die Spannung klein genug ist, um sie zu ignorieren.
Der Gazakrieg ist nicht klein. AVROTROS beschreibt den ESC als „Plattform der Spaltung" – und hat damit recht, aber nicht in dem Sinn, den der Sender meint. Der Wettbewerb spaltet nicht, weil er politisch geworden ist. Er spaltet, weil er so tut, als wäre er es nicht. Wer auf einem öffentlich-rechtlichen Mandat sitzt und Steuergelder für eine Unterhaltungssendung ausgibt, muss seiner Öffentlichkeit erklären, warum diese Sendung mit einem laufenden Krieg vereinbar ist. AVROTROS hat entschieden, dass es das nicht kann. Das ist eine politische Haltung. Die EBU hat entschieden, keine zu haben. Das auch.
Neutralität im Kulturraum ist kein Naturzustand, den man durch Regelwerke sichert. Sie ist ein Einverständnis, das täglich erneuert werden muss – von allen Beteiligten. Bricht es an einer Stelle, verändert sich das Gefüge. Die EBU kann Israel nicht ausschließen, ohne eine Wertungskompetenz in Anspruch zu nehmen, die ihr niemand übertragen hat. Sie kann Israel auch nicht schweigend dabeihaben lassen, ohne denselben Anspruch stillschweigend für sich zu reklamieren. Beides ist eine Entscheidung. Eine davon kostet Teilnehmer. Die andere kostet Glaubwürdigkeit.
AVROTROS hat 2026 boykottiert. Und 2027. Die EBU hat die Regeln angepasst. Fünf Länder fehlten trotzdem. Das Modell der unpolitischen Kulturveranstaltung funktioniert so lange, wie die Politik mitmacht. Sie macht es nicht mehr.
