In der Woche, in der RTL die Einstellung von „Unter uns“ bekanntgab, lag der Marktanteil der Serie in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen unter zehn Prozent. Zum Vergleich: „Immer wieder sonntags“ verzeichnete kurz vor seiner Absetzung einen Rekordwert von 22 Prozent bei eben dieser Gruppe. Die eine Serie stirbt, weil die Zahlen schlecht sind. Die andere stirbt, obwohl sie gut sind. Dass beide dasselbe Schicksal teilen, erklärt sich nicht aus den Quoten — sondern aus der Kostenstruktur des linearen Fernsehens.
Der Fall „Unter uns“: eine Erschöpfungsrechnung
RTL produziert täglich neue Folgen einer Serie, deren Jahresschnitt 2022 bei knapp einer Million Zuschauern lag und bis zur Absetzungsentscheidung auf rund 600.000 gesunken ist — ein Rückgang von etwa 40 Prozent. Der Sender hat die Produktionskosten nicht öffentlich gemacht, doch die Logik täglicher Fiktionsformate ist bekannt: Fünf Folgen pro Woche bedeuten Studioinfrastruktur, feste Ensembles und kontinuierliche Postproduktion, unabhängig davon, wie viele Menschen einschalten.
Was früher durch Werbeblöcke finanziert wurde, trägt sich heute schlechter: Der Werbemarkt verschiebt sich strukturell in Richtung digitaler Plattformen. Das Fachportal DWDL dokumentiert, dass RTL+ — also der Streaming-Arm des Senders — bei „Unter uns“ deutlich schwächere Abrufzahlen verzeichnet als bei den Konkurrenzformaten „GZSZ“ und „Alles was zählt“. Die Mediathek-Performance wäre das zweite Bein, auf dem sich eine teure Tagesproduktion noch tragen ließe. Bei „Unter uns“ fehlt dieses Bein.
Dass RTL gleichzeitig GZSZ und „Alles was zählt“ weiterführt, ist kein Widerspruch, sondern die Bestätigung der Logik: Die Entscheidung fällt nicht nach Sentiment, sondern nach Reichweite und Streaming-Tauglichkeit. „Unter uns“ schnitt in beiden Dimensionen schlechter ab.
Der Fall „Immer wieder sonntags“: eine andere Rechnung, dasselbe Ergebnis
Beim SWR greift ein anderer Mechanismus. „Immer wieder sonntags“ läuft im öffentlich-rechtlichen System, finanziert durch Rundfunkbeiträge — Werbeumsätze spielen als direkte Refinanzierungsgröße keine vergleichbare Rolle. Trotzdem fiel die Entscheidung.
Der SWR begründete die Absetzung mit dem Sparzwang und der Notwendigkeit, Mittel in neue digitale Formate umzulenken. Das bedeutet strukturell: Auch im beitragsfinanzierten System ist die Parallelvorhaltung linearer Großproduktionen und digitaler Angebote nicht mehr vollständig gegenfinanziert. Der Rundfunkbeitrag, seit 2021 bei 18,36 Euro im Monat, soll künftig erhöht werden — doch die Anstalten können nicht auf eine Beitragserhöhung warten, um laufende Entscheidungen zu treffen.
Dass die Sendung mit Rekordquoten endet, macht die Entscheidung politisch angreifbar — 80 Musikschaffende haben in einem offenen Brief protestiert, der SWR-Intendant Kai Gniffke verteidigte die Absetzung trotzdem. Der Sender argumentiert, dass Produktionskosten und Ressourcen an anderer Stelle mehr bewirken. Welche Kosten konkret gemeint sind, blieb intern — der SWR hat auf Anfrage keine Zahlen genannt. Die Sendung „Immer wieder sonntags“ kostet vermutlich mehr als ein Sommerstudio: Außenproduktion in Rust, festes Moderationsgespann, wöchentliche Live-Übertragung über den Sommer. Das Gegenmodell — Streaming-native Schlagerformate, niedrigere Produktionsstandards — ist billiger, auch wenn die Reichweite kleiner ist.
Die strukturelle Verschiebung im Werbemarkt
Für die Privatsendegruppen ist die Budgetverschiebung der Werbetreibenden der eigentliche Treiber. Digitale Werbekanäle — Streaming-Dienste, Social-Media-Plattformen, Programmatic Advertising — nehmen wachsende Anteile der Brutto-Werbeinvestitionen. Das Branchenportal 4kfilme dokumentiert, dass sich der Wettbewerb um Werbeumsätze zwischen klassischem Fernsehen und Streaming-Diensten seit 2022 deutlich verschärft hat.
Lineare Tagesformate wie Daily Soaps sind in diesem Markt strukturell benachteiligt: Sie erreichen kleiner werdende Audiences zu festen Zeiten, bieten wenig Targeting-Präzision und konkurrieren um Werbeminuten, für die Streaming-Plattformen inzwischen ebenfalls zahlen. Ein Werbekunde, der früher den Nachmittagsblock bei RTL belegt hätte, kann heute über RTL+ oder konkurrierende Dienste mit ähnlichen Zielgruppen und messbaren Klick-Raten werben.
Was folgt
Für den Markt der täglichen Fiktionsformate lautet die Frage nicht, ob weitere Einstellungen folgen — sie lautet, welche Formate den kombinierten Test aus linearer Reichweite und Mediathek-Performance bestehen. RTL hält GZSZ und „Alles was zählt“ vorerst, weil beide Serien auf RTL+ deutlich stärker laufen. Das ist die Messlatte.
Ob die UFA die Marke „Unter uns“ auf einer anderen Plattform weiterführt, ist noch offen. Für „Immer wieder sonntags“ verweist der SWR auf Schlager-Alternativen im Ersten. Ob diese Alternativen dieselbe Bindungswirkung entfalten, ist in drei Jahren messbar — an den Quoten der Sendungen, die den Sendeplatz erben.
