Der Film war anfänglich der einzige Wettbewerbsbeitrag einer Frau unter 21 Filmen. „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor basiert auf dreijährigen Geheiminterviews mit 24 israelischen Militär- und Geheimdienstangehörigen und erhielt den Spezialpreis der Jury sowie eine 25-minütige stehende Ovation. Kulturminister Miki Zohar forderte daraufhin den Entzug der israelischen Staatsbürgerschaft für beide Regisseure und begründete dies mit Verrat am Staat. Beide Auszeichnungen zusammen markieren eine Verschiebung: Venedig 2026 prämierte keine Werke der Eskapismus-Ästhetik, sondern Filme, die dokumentieren, was institutionell beschwiegen wird.

Der Wettbewerb startete mit 21 Filmen. Nur einer stammte von einer Regisseurin: May el-Toukhys dänisches Nachkriegsdrama „Woman Unknown“. Jury-Präsidentin Maggie Gyllenhaal nannte diesen Befund offen ein „systemisches Problem“. Ihre Jury zeichnete am Ende genau diesen Film aus. Gleichzeitig hob Mathilde Arcel, Hauptdarstellerin des Films, den Preis als beste Schauspielerin entgegen. El-Toukhy sprach in ihrer Dankesrede über das Vorgelagerte: wie schwer es ist, als Regisseurin überhaupt Finanzierung zu erhalten.

Der Film selbst handelt von Frauen im Dänemark kurz nach 1945, die als „horizontale Kollaborateurinnen“ galten – Frauen, die Beziehungen mit deutschen Besatzungssoldaten hatten und gesellschaftlich geächtet wurden. Das Szenario ist historisch; die Mechanismen, die el-Toukhy beschreibt, sind es nicht. Der Kritiker-Konsens bezeichnete das Werk als „formal diszipliniert und inhaltlich unnachgiebig“. Konkrete Jury-Begründungen wurden nicht publiziert; was bekannt ist: Die Jury war sich einig und hatte vier Kandidaten zur Auswahl.

Noch während die Debatte um „Woman Unknown“ lief, traf eine andere Entscheidung das Festival wuchtiger. „Naza“ – der Titel ist ein hebräisches Militärkürzel für „Kollateralschaden“, verwendet wenn israelische Militärplaner die erwartete Zahl ziviler Todesopfer eines Angriffs schätzen – wurde erst nachträglich ins Programm aufgenommen. Die Biennale bestätigte die kurzfristige Hinzufügung.

Der Film basiert auf dreijährigen, nächtlichen Interviews mit 24 anonymisierten israelischen Militär- und Geheimdienstangehörigen. Gedreht wurde auf Dächern in Tel Aviv. Die Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor – beide bereits für den Oscar-prämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ (2024) bekannt – haben damit ein Material verdichtet, das teils bereits vom Magazin +972, von Local Call und dem Guardian vorveröffentlicht worden war. Der Film stellt nicht das Faktum der zivilen Opfer in Gaza dar, er beschreibt die institutionellen Prozesse dahinter: wer entscheidet, nach welchen Algorithmen, unter welcher Kenntnis.

Die israelische Armee wies die im Film erhobenen Vorwürfe zurück und erklärte, sie bemühe sich, zivile Opfer zu minimieren. Wie genau, bleibt Gegenstand des Disputs. Der Generalstabschef wies den Militärstaatsanwalt an, rechtliche Schritte zu prüfen – insbesondere mit Blick auf die anonymen Quellen.

Kulturminister Miki Zohar griff härter an. Er bezeichnete den Film als „niederträchtig“ und als „Verrat“, kündigte an, Schritte zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft beider Regisseure einzuleiten, und begründete das mit dem Vorwurf, Abraham und Szor schadeten ihrem Heimatland, um bei Antisemiten Beifall zu ernten. Avigdor Lieberman bezeichnete die Regisseure als „Hasser Israels“. Der Film erhielt 25 Minuten stehende Ovation und den Spezialpreis der Jury. Auf Metacritic erreichte er 96 von 100 Punkten; auf Rotten Tomatoes fielen sämtliche Kritiken positiv aus.

Die zwei Fälle lassen sich unabhängig voneinander lesen. Zusammen zeigen sie etwas über den Zustand des Festivals.

Venedig ist seit Jahren ein prestigeträchtiges Filmfestival Europas – und war zuletzt oft vor allem das: eine Bühne für Glamour und Awards-Kampagnen, deren Vorentscheidungen in Cannes oder Sundance fielen. George Clooney erhielt in diesem Jahr den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Er ist der größte Star, den das Festival aufbieten konnte, und er ist seit Jahrzehnten nicht mehr vorrangig als Filmemacher relevant. Das ist die eine Seite des Festivals.

Die andere: Eine Jury unter Gyllenhaal, besetzt mit Filmemacherinnen aus Tunesien und Afghanistan, vergab den wichtigsten Preis an ein Werk, das von Finanzierungsbarrieren handelt, während es selbst eine davon überwunden hatte. Und eine andere Jury entschied, einen Film über staatlich organisierte Tötungsprozesse mit einem Sonderpreis zu versehen – einen Film, dessen Aufnahme ins Programm selbst eine Entscheidung war, da er erst kurzfristig hinzugefügt wurde.

Was Dokfilm wie „Naza“ von früheren Verarbeitungen des Nahost-Konflikts strukturell unterscheidet: Keine Außenperspektive, kein Kriegsberichterstatter, keine Satellitenbilder. Die Kamera bleibt in Tel Aviv, auf Dächern, in der Nacht. Die Zeugen sind keine Opfer und keine Gegner, sondern Angehörige des Systems, das sie beschreiben. Die Ästhetik ist die der Stille, nicht der Konfrontation – was die politische Zumutung für die Regierung umso größer macht. Wenn das Material schon bekannt war, fragt man sich, warum der Film trotzdem so heftig getroffen hat. Die Antwort liegt wohl im Unterschied zwischen Text und Gesicht: Abraham und Szor haben Soldaten sprechen lassen, nicht Papier.

El-Toukhy wiederum wählte eine andere Strategie der Distanz. Ihr Film spielt 1945. Der Abstand erlaubt Klarheit, die das Gegenwärtige vermeidet – und erzielt sie trotzdem. Gesellschaftliche Ächtung von Frauen, deren Körper als Kollaborationsakte gedeutet werden, ist kein geschlossenes Kapitel.

Was an Venedig 2026 messbar bleibt: Zwei Filme ohne Starbesetzung, mit schwieriger Finanzierungsgeschichte und politisch beladenem Stoff erhielten die zentralen Auszeichnungen des Hauptwettbewerbs. Ob das eine kuratierte Entscheidung war oder das Ergebnis einer ungewöhnlich zusammengesetzten Jury, lässt sich nicht trennen. Beides trifft zu. In drei Monaten wird erkennbar sein, ob „Naza“ den internationalen Verleih findet, den seine Auszeichnung nahelegt – oder ob die Gerichtsdrohungen aus Tel Aviv das Vertriebskalkül verschieben.