Beiden Städten fehlt dasselbe: eine verbindliche Obergrenze für das, was am Ende die öffentliche Hand zahlt.
Sechs Millionen Euro für Berlin, sechs bis sieben Millionen für München – und dahinter eine Zahl, die niemand nennt: was die Spiele selbst kosten würden, wenn einer der Bewerber den Zuschlag des IOC erhält. Der DOSB soll im Herbst 2026 entscheiden, welches deutsche Konzept international angemeldet wird. Bis dahin konkurrieren drei Regionen mit Budgets, die nur die Werbephase beziffern, und mit Versprechen, die die Finanzierungslücke für die Durchführung systematisch offen lassen.
Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter hat mit dem Leichtathletik-WM-Zuschlag für 2031 ein starkes Argument in die Hand bekommen. Das Olympiastadion bleibt im Gespräch, die Infrastruktur wird für eine weitere internationale Großveranstaltung ertüchtigt, und die Stadt kann auf die European Championships 2022 verweisen – ein Mehrsparten-Ereignis, das im Olympiapark ohne Neubau auskam. Das ist die beste Erzählung, die eine Bewerbungsstadt haben kann: bewährte Anlage, funktionierendes Zusammenspiel zwischen Stadt und Verbänden, internationaler Referenzpunkt.
Die Münchner Linke im Stadtrat hält dagegen: Die offiziell kommunizierten sechs bis sieben Millionen Euro Bewerbungskosten lassen Personalkosten der Stadtverwaltung und Ausgaben der Olympiapark GmbH außen vor. Realistisch seien bis zu 17 Millionen Euro – mehr als das Doppelte. Nicht belegt durch eine unabhängige Prüfung, aber auch nicht widerlegt durch eine offene Buchführung.
Berlin läuft in dieselbe Transparenzfalle. Der Senat unter Regierendem Bürgermeister Kai Wegner plant sechs Millionen Euro für die Haushaltsjahre 2025 bis 2027, eine Steuerungseinheit mit neun bis zwölf Vollzeitstellen – unterstellt dem Regierenden Bürgermeister – und einen Olympia-Beauftragten in Person von Kaweh Niroomand. Das Konzept setzt auf 97 Prozent bestehende Infrastruktur, was die IOC-Anforderungen an Nachhaltigkeit und Nachnutzung formal erfüllt. Konkrete CO₂-Prognosen für die Gesamtbilanz der Spiele veröffentlicht der Senat bislang nicht – ein Punkt, den die Initiative NOlympia Berlin als Greenwashing-Potenzial markiert.
Aufschlussreicher als die Bewerbungsbudgets ist die Kalkulation für den Ernstfall. Berlin rechnet intern mit Organisationskosten von 4,82 Milliarden Euro und erwartet Einnahmen von 5,24 Milliarden Euro – ein prognostizierter Überschuss von 420 Millionen Euro. Diese Rechnung enthält nicht die öffentlichen Kosten für Verkehr, Sicherheit und langfristige Infrastrukturprojekte. Das ist keine Berliner Eigenheit, sondern das strukturelle Muster aller Olympia-Kalkulationen der letzten Jahrzehnte: Was in den offiziellen Budgets nicht auftaucht, taucht später in den Schlussberechnungen auf.
Paris 2024 sollte die CO₂-Bilanz im Vergleich zu London 2012 und Rio 2016 halbieren, und setzte tatsächlich nur zwei Neubauten ein. Den französischen Rechnungshof hat das nicht beruhigt: Er bewertete die wirtschaftlichen Auswirkungen als „bescheiden" und „kurzfristig relativ begrenzt". Der Bundesrechnungshof hat sich zu den laufenden deutschen Bewerbungen noch nicht spezifisch geäußert; bei Hamburgs Bewerbung 2015 hatte er auf fehlende verbindliche Finanzierungskonzepte und unklare Nachnutzungspläne hingewiesen. Das Hamburger Referendum scheiterte – nicht zuletzt wegen dieser offenen Fragen.
Was Wirtschaftsforschungsinstitute über Olympische Sommerspiele sagen, ist konsistent: Kurzfristige regionale BIP-Effekte von rund drei bis vier Prozentpunkten im Veranstaltungsjahr und im Jahr davor sind messbar. Langfristige Effekte sind statistisch nicht robust. Bei Winterspielen sind selbst kurzfristige Impulse nicht nachweisbar. Das Ifo-Institut, das DIW und das IWH teilen diese Einschätzung im Grundsatz – Olympia ist kein Wachstumsprogramm, sondern ein Imageinvestment mit offenem Renditeversprechen.
Das ist der eigentliche Streitgegenstand hinter den Bewerbungsbudgets: Nicht ob sechs oder siebzehn Millionen Euro für die Werbephase ausgegeben werden, sondern ob öffentliche Infrastrukturfinanzierung, die durch Großveranstaltungen ausgelöst wird, als Stadtentwicklungsinvestition oder als Eventsubvention zu buchen ist. Diese Unterscheidung ist politisch, nicht buchhalterisch – und sie ist in keinem der drei deutschen Bewerbungskonzepte bislang verbindlich getroffen.
World Athletics verlangt ab 2024 beziehungsweise 2026 den „Athletics for a Better World Standard" als verpflichtenden Rahmen für lizenzierte Veranstaltungen, mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2030. Wie diese Anforderungen auf das Münchner Stadion und seine geplante Nachnutzung nach 2031 konkret angewendet werden, ist aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen nicht zu entnehmen. Das IOC formuliert in seinen Host City Contract Operational Requirements Nachhaltigkeitsvorgaben in fünf Kernbereichen – Infrastruktur, Beschaffung, Mobilität, Personal und Klima –, hält sie aber auf einem Allgemeinheitsniveau, das Nachnutzungskonzepte beschreibt, nicht erzwingt.
Der Herbst 2026 wird zeigen, ob der DOSB ein Konzept weitergibt, das diese Lücken schließt – oder eines, das sie durch Bewerbungsrhetorik überbrückt. Maßstab wäre, was Hamburg 2015 verpasst hat: ein öffentlich einsehbares Finanzierungskonzept, das Organisationskosten, Infrastrukturaufwand und öffentliche Sicherheitskosten in einer Zahl zusammenführt, bevor abgestimmt wird.
