Seit dem 17. September 2026 läuft am Berliner Ensemble, was Castorf selten gelingt: ein Stück, das dem Publikum keine Erleichterung gönnt. Sechseinhalb Stunden, eine Pause, und am Ende kein Schuldiger, der nicht im Saal sitzt.

Klaus Manns Roman „Mephisto" erschien 1936 im Exil und wurde sofort verboten — weil er den Schauspieler Gustaf Gründgens als Hendrik Höfgen zeigte, der sich ins NS-Regime akkommodiert, Karriere macht, Freunde fallen lässt. Die Standardlektüre dieses Stoffs ist die moralische Entlastung: Gründgens war der Verräter, wir wären es nicht gewesen. Castorf lässt diese Lektüre nicht zu.

Was ihn dabei von sich selbst unterscheidet: Er inszeniert leise. Kein Megafon-Lärm, kein Körpertheater als Ablenkungsmanöver. Harzer, beschrieben als Gegentyp zum üblichen Castorf-Darsteller — sensibel, nach innen gerichtet, mit absoluter Furchtlosigkeit —, durchleidet Höfgen, treibt ihn in die Farce, und zieht kein Urteil. Das Stück integriert neben Mann auch einen Heiner-Müller-Text, Klaus Mann tritt als Bühnenfigur auf, befragt sich selbst. Der Verräter zweifelt an seiner Verurteilung des Verräters. Wer das als Schwäche liest, hat das Argument verfehlt.


Die stärkste Gegenposition verdient ihre faire Ausführung: Man kann sagen, Castorf überfordere das Publikum mit Länge und Querverweis, kaufe sich mit Komplexität aus der politischen Verantwortung heraus und liefere am Ende Feuilleton-Futter für jene, die ohnehin schon überzeugt sind. Ein sechseinhalb Stunden langer Theaterabend mit einem Ensemble, das aus Steuergeldern finanziert wird und 98 Prozent Auslastung meldet, ist kein Akt des Widerstands — er ist ein Angebot an das gebildete Bürgertum, sich kollektiv gut zu fühlen. Wer ins Berliner Ensemble geht, gehört nicht zu denen, die gemeint sind.

Das ist das Argument. Es trifft — und es trifft genau das, was das Stück zeigt.

Denn Castorf macht aus Klaus Manns Vorlage keinen Anklagespiegel, der auf die 1930er zeigt. Er hält ihn horizontal: in den Saal, ins Heute, in die Institution, die den Abend veranstaltet. Das Berliner Ensemble ist eine staatlich geförderte Kulturinstitution in einer Stadt, die gerade eine neue Finanzierungsvereinbarung mit dem Bund über bis zu 2,9 Milliarden Euro für Kultureinrichtungen abschließt. Es spielt Mephisto. Gut darin, den Opportunismus zu benennen — und strukturell eingebettet in genau jene Loyalitätsketten, die Höfgen zum Verhängnis wurden.

Das ist keine Anklage gegen das Berliner Ensemble. Es ist die Pointe des Abends.


Demokratisch verfasste Gesellschaften lagern einen Teil ihrer kulturellen Selbstverständigung an Institutionen aus, die sie mit öffentlichem Geld ausstatten. Der Gedanke dahinter ist nicht verkehrt: Kunstfreiheit braucht Schutz vor Marktlogik. Die Gegenleistung ist unausgesprochen, aber real: Man bleibt im Diskursraum des Vertretbaren. Nicht aus Feigheit, sondern aus eingeschliffener Gewohnheit, aus Gremienlogik, aus dem Wissen, dass die nächste Förderentscheidung vor der Haustür steht. Hendrik Höfgen hat das nicht anders gemacht. Er hat sich eingerichtet, und das Einrichten hatte Charme.

Was Castorf zeigt — in dem Maß, in dem man einem Regisseur überhaupt etwas „zeigen" zuschreibt —, ist nicht das Monster, das ein anderes Jahrhundert hervorbrachte. Es ist der ganz normale Kompromiss: die Selbstzensur, die sich als Stilfrage verkleidet, der Rückzug aus dem Konflikt, der als Professionalität gilt, der Applaus als Bestätigung, dass man den Raum richtig eingeschätzt hat. Das Berliner Ensemble feiert Klaus Mann. Klaus Mann hätte dazu etwas zu sagen gehabt.

Harzer macht das spürbar, ohne es zu erklären. Wenn er Höfgen spielt, sieht man nicht einen Schwachen, der dem Bösen nachgibt. Man sieht einen Klugen, der jeden Raum auslotet — und der dabei identisch ist mit dem Zuschauer, der gerade überprüft, wie weit er selbst gehen würde.


Die Frage, die das Stück stellt, ist nicht historisch. Sie ist gegenwärtig und sie ist institutionell: Wie schnell ändert eine Kultureinrichtung ihre Programmatik, wenn die Mehrheitsverhältnisse kippen? Wie viel Haltung hat eine Institution, die ihre Haltung aus öffentlicher Zustimmung bezieht?

Das Theater antwortet nicht. Das ist seine Antwort.

Castorf hat zum Schluss gelernt, leiser zu inszenieren. Das Ergebnis ist lauter als alles, was er je geschrien hat.