Tom Tykwer, Achim von Borries und Henrik Handloegten haben neun Jahre lang ein Monument gebaut. „Babylon Berlin" ist die teuerste deutsche Serienproduktion, die es je gab; die fünfte Staffel kostet allein 34,2 Millionen Euro, rund 95.000 Euro pro Minute. Das Geld sieht man. Man sieht es in den Kostümen, in den Kulissen, in den Tanzszenen, in der Kamerabewegung. Was man weniger sieht — und was mich nach fünf Staffeln beschäftigt —, ist die Weimarer Republik.
Gemeint ist: die wirkliche.
Staffel fünf spielt im Januar 1933. Hitler wird Reichskanzler, die SA marschiert, Inspektor Rath ermittelt in einer Mordserie, die Verbindungen in den Ersten Weltkrieg hat. Die Epoche ist Tatort, Kulisse, Atmosphäre. Sie liefert die Kostüme und das Jazz-Repertoire, den Expressionismus und die Dekadenz, die moralische Fallhöhe und das Drama des nahenden Endes. Was sie nicht liefert — konsequent nicht —, sind die institutionellen und ökonomischen Mechanismen, durch die eine Demokratie sich selbst abschafft.
Das ist ein Versäumnis, das durch handwerkliche Brillanz nicht wegpoliert wird.
Das stärkste Argument für die Serie lautet so: „Babylon Berlin" erreicht Millionen Menschen mit einem Stoff, den der Schulunterricht nicht mehr transportiert. Sie macht 1933 sinnlich erfahrbar, emotional besetzbar, moralisch dringlich. Haben wir den Anspruch auf historische Wissenschaft, wenn er Leute kostet, die sonst gar nicht hinschauen? Das ist kein Strohmann. Es ist der Hauptgrund, warum die Serie zu Recht gelobt wird.
Aber er trägt nicht so weit, wie seine Vertreter glauben.
Der Historiker Hanno Hochmuth hat es in einem Vortrag für Deutschlandfunk Nova auf den Punkt gebracht: „Babylon Berlin verrät mehr über die Gegenwart als über die 20er Jahre." Gemeint ist das nicht als Lob. Die Serie spiegelt zurück, was die Gegenwart gern über sich selbst glauben möchte: dass Demokratien an monströsen Figuren scheitern, an erkennbaren Bösewichtern, an einer dramaturgisch befriedigenden Handlung, in der Gut und Böse noch zu trennen sind. Inspektor Rath weiß, wo die Gefahr steht. Der Zuschauer auch. Das ist die Grundbedingung jedes Krimis — und die Grundfälschung jeder historischen Aufarbeitung, die als Krimi auftritt.
Volker Kutscher, der Autor der Romanvorlagen, hat der Jüdischen Allgemeinen gesagt, er halte bestimmte Darstellungen der Serie für „gefährlich" — namentlich den Umgang mit Hitlers mutmaßlicher Krankenakte und die Darstellung des Reichstagsbrands. Sein Einwand ist nicht nur quellenpositivistisch. Er zielt auf das Grundproblem: Wer historische Unsicherheiten als narrative Fakten behandelt, baut Fiktion auf Fiktion und nennt es Geschichte. Dass die ARD-Begleitformate diese Spannung kaum thematisieren, ist bezeichnend. Sie betonen die Relevanz für heute, ohne zu fragen, ob das Bild, das die Serie von damals zeichnet, die Übertragung überhaupt trägt.
Und das ist die Stelle, an der die politische Gegenwart ins Spiel kommt — nicht als billiger Vergleich, sondern als Prüffrage.
Die AfD erhielt bei der Bundestagswahl 2025 20,8 Prozent. In Sachsen-Anhalt wurde sie im September 2026 mit 43,8 Prozent stärkste Kraft. Das DIW hat nachgewiesen, dass die Hochburgen der Partei jene Regionen sind, die unter ihrer eigenen Politik am stärksten leiden würden. Wenn eine Demokratie heute unter Druck steht, dann nicht durch einen Reichstagsbrand, nicht durch SA-Kolonnen, nicht durch eine einzige dramatische Nacht. Sie steht unter Druck durch Verfahren: durch Wahlrechtsänderungen, durch die Nutzung öffentlich-rechtlicher Institutionen, durch die Normalisierung bestimmter Aussagen über bestimmte Gruppen, durch die schleichende Verschiebung dessen, was sagbar ist.
Genau diese institutionellen Prozesse zeigt „Babylon Berlin" nicht. Sie zeigt das Ende, wenn es bereits erkennbar monstruös ist. Das ist nicht falsch. Aber es ist, als würde man eine Seuche damit erklären, dass Menschen daran sterben.
Was die Serie in ihrer besten Stunde kann — und das sollte nicht unterschlagen werden —, ist Empathie. Die Nebenfiguren, die 1933 zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort leben: Kommunisten, Juden, Homosexuelle, einfache Polizisten. Darin liegt eine echte moralische Leistung. Die Epoche wird nicht zur romantisierten Revue; die Konsequenzen des Scheiterns sind körperlich und real.
Aber Empathie ist kein Erklärangebot. Sie ist die Voraussetzung, nicht das Ziel.
Was bleibt nach fünf Staffeln? Ein Monument, das zeigt, wie Demokratien untergehen, ohne zu erklären, warum. Eine ästhetisch außergewöhnliche Arbeit, die die Weimarer Republik in Amber gießt — schön, bewegend, und bewohnbar nur als Vergangenheit. Der implizite Trost lautet: Damals war es so schlimm, dass man es sehen konnte. Heute sehen wir andere Dinge. Der Unterschied interessiert die Serie nicht.
Kutscher hat acht Jahre lang Bücher geschrieben, damit Leser verstehen, wie es dazu kommen konnte. Tykwer, Borries und Handloegten haben neun Jahre lang Bilder gemacht, damit Zuschauer verstehen, dass es schlimm war. Beides ist wahr. Nur das erste ist nützlich.
