Madrid hat im September 2026 seinen Formel-1-Auftritt bekommen. Isabel Díaz Ayuso, Regionalpräsidentin der Comunidad de Madrid, stand auf der Tribüne. Die Kameras auch. Was fehlte, war die Frage, die danach kommt: Wer zahlt, und wofür genau?
Die Antwort ist komplizierter als der Kommunikationsapparat der Region glauben lässt. IFEMA, der halbstaatliche Messebetreiber, an dem Region und Stadt Madrid gemeinsam beteiligt sind, hat die 83,2 Millionen Euro Baukosten für den Madring-Circuit als private Investition deklariert. Keine öffentlichen Subventionen für den Bau, heißt es offiziell. Gleichzeitig fließen aus Stadthaushalt und Regionalkasse je 1,9 Millionen Euro in ein „Destination Promotion"-Paket — Teil eines Gesamtpakets, das die Oppositionspartei Más Madrid über zehn Jahre auf 481,5 Millionen Euro hochrechnet. Was genau zu diesem Betrag gehört und was nicht, darüber schweigt die Regionalregierung.
Das ist kein Zufall, es ist Methode.
Die stärkste Version des Gegenarguments verdient hier Raum: Großveranstaltungen können echte Wertschöpfung erzeugen. Eine PwC-Studie, die IFEMA selbst in Auftrag gegeben hat, rechnet für das erste Rennen mit 467 Millionen Euro Gesamteffekt, einem Multiplikator von 3,90 Euro pro direktem Euro und 83 Millionen an Steuereinnahmen. Über 120.000 Tickets wurden verkauft, knapp die Hälfte von Besuchern außerhalb Madrids. Wer auf Melbourne, Silverstone oder Monaco verweist, hat nicht unrecht: Formel 1 zieht zahlungskräftiges Publikum, und Madrid ist eine Stadt, die sich das leisten kann zu wollen. Die Strecke liegt am ÖPNV-Netz, neunzig Prozent der Zuschauer sollen ohne Auto gekommen sein. Das ist nicht nichts.
Nur: Eine Studie, die der Auftraggeber selbst bestellt, misst das, was sie messen soll. Vorläufige Schätzungen sind vorläufige Schätzungen. Wo bleibt der Multiplikator, wenn das Rennspektakel zukünftige Zuschauer abschreckt? Die Strecke hat ihr Debüt mit Kritiken bekommen, die in der Motorsportpresse selten sind: Überholverbote wegen Vogelkot auf der Fahrbahn, ein Layout, das saubere Überholmanöver strukturell verhindert, ein Podcast-Kommentar, der das Wort „Blamage" benutzte. Was eine Strecke, die Rennfahrer langweilt, langfristig für die Vertragserfüllung bis 2035 bedeutet, hat weder die PwC-Studie noch das Regionalpräsidium berechnet.
Hier liegt der Kern des Problems — und er hat wenig mit Formel 1 zu tun.
Ayuso ist gut darin, Aufmerksamkeit zu organisieren. Sie ist schwächer darin, zu erklären, was während der Aufmerksamkeit passiert. Madrid hat strukturelle Defizite in der Wohnraumversorgung, im Nahverkehr außerhalb der Hauptachsen und in der Verwaltungsdigitalisierung — Felder, auf denen ein Großereignis keine Kurve nimmt. Die Formel 1 ist kein Instrument der Regionalpolitik. Sie ist ein Termindruck, ein Budget, ein Presseauftritt und — Monate vor regionalen Wahlen — ein Bild.
Das Muster ist bekannt. Valencia hat zwischen 2008 und 2012 einen Formel-1-Grand-Prix ausgerichtet. Die Rennstrecke auf dem Hafengelände kostete die Stadt über eine Milliarde Euro, die Rennen zogen zu wenig Zuschauer, der Vertrag endete vorzeitig. Was blieb, war eine unfertige Infrastruktur und eine Region im Ausnahmezustand ihrer Staatsfinanzen. Madrid ist nicht Valencia — die Ausgangslage ist stabiler, die Strecke schlanker. Aber die Logik ist dieselbe: Das Ereignis ersetzt nicht die Debatte, die es verdrängt.
Más Madrid fordert Transparenz über die tatsächliche Kostenstruktur. Das ist berechtigt — nicht weil jede öffentliche Investition in Kultur oder Sport falsch wäre, sondern weil IFEMA kein rein privater Akteur ist. Wer am Kapital sitzt, sitzt auch am Risiko. Und wer am Risiko sitzt, sollte die Zahlen offen legen, nicht in Pressemitteilungen destillieren.
Ayuso hat ihr Rennen bekommen. Die Region hat 1,9 Millionen Euro für Werbezwecke beigesteuert. Der Circuit steht, die Studie verspricht Wohlstand, die FIA hat die Strecke abgenommen. Was noch fehlt, ist die Antwort auf eine sehr einfache Frage: Welches strukturpolitische Problem löst das?
Die Antwort liegt in den Berichten der Oppositionsparteien, nicht in den Pressemitteilungen von IFEMA.
