Mag sein, dass es wirklich logistische Gründe gibt. Eine Veranstaltung dieser Größe ist komplex. Viele Leinwände, viele Gäste, viele Verträge. Nur: Das sechste Festival hätte man nicht fünf Jahre lang geplant und dann wegen des Catering-Zeitplans abgesagt.
Die Huthi-Milizen greifen seit Monaten Ziele in Saudi-Arabien und entlang der Roten-Meer-Küste an — mit Drohnen und Raketen, die weit genug reichen, um auch das Formel-1-Rennen in Dschidda zum Sicherheitsrisiko zu machen. Das Festival läuft auf derselben Infrastruktur, in derselben Stadt, mit denselben Versicherungsfragen. Kein internationales Studio schickt seine Stars in eine Region, für die das Auswärtige Amt reist und der Lloyd's-Broker nachrechnet.
Die Saudi Film Foundation schreibt, das Festival solle „zur richtigen Zeit und unter den richtigen Bedingungen" stattfinden. Das ist die höfliche Formel für: Die Bedingungen stimmen nicht.
Das stärkste Argument für die Gegenseite verdient seine ehrliche Formulierung: Die Vision-2030-Strategie hat tatsächlich funktioniert — im Rahmen ihrer eigenen Logik. 2018 gab es 45 Kinoleinwände im ganzen Königreich, heute sind es über 600; die Einnahmen stiegen 2023 auf umgerechnet rund eine Milliarde US-Dollar. Der Red Sea Fund hat seit 2021 rund 280 Filme mit insgesamt 15 Millionen US-Dollar gefördert. Wer das als reines Potemkinsches Dorf bezeichnet, unterschätzt die operative Ernsthaftigkeit. Staatliche Kulturinvestitionen dieser Größenordnung — allein der Big Time Fund der General Entertainment Authority umfasst 130 Millionen US-Dollar — sind nicht bloß Fassade: Sie schaffen Kinos, Fachkräfte, Produktionsinfrastruktur, und sie ziehen tatsächlich Spike Lee und Sean Baker nach Dschidda.
Trotzdem scheitert der Plan an seiner eigenen Prämisse.
Kulturdiplomatie ist kein eigenständiges Sicherheitsinstrument. Sie funktioniert dort, wo der Staat Stabilität garantiert — und sie bricht zusammen, wo er es nicht kann. Will Smith auf dem roten Teppich in Dschidda verändert keine Koordinate des jemenitischen Bürgerkriegs. Die Huthi-Milizen greifen nicht deswegen weniger an, weil Saudi-Arabien 280 internationale Filmproduktionen kofinanziert hat. Die Kulisse existiert; die Sicherheitslage ignoriert sie vollständig.
Das ist das strukturelle Problem von Kulturwashing als Staatsstrategie: Es verspricht Normalität und ist deshalb besonders anfällig gegen das Gegenteil. Ein Land, das sich als globales Unterhaltungszentrum inszeniert, kann es sich nicht leisten, seine Großveranstaltungen aus Sicherheitsgründen abzusagen — oder, genauer: Es kann es sich nicht leisten, zuzugeben, dass es sie absagt. Daher „logistische Gründe".
Gut darin, die Erzählung zu steuern. Deutlich schwächer darin, die Lage zu steuern, die diese Erzählung unterbricht.
Hollywood-Agenturen ziehen keine Lehre aus Moral, sondern aus Kalkül. Die Frage, ob ein Star nach Dschidda reist, entscheidet der Sicherheitsberater der Agentur, nicht das Programmbuch des Festivals. Aus den verfügbaren Berichten geht nicht hervor, dass Studios öffentlich reagiert haben — was selbst eine Aussage ist. Man hält sich raus, solange der Vertrag ruht. Kommt er wieder, kommt man wieder. Das ist keine Kritik an Hollywood; es ist eine Beschreibung, wie transaktionale Kulturpartnerschaften funktionieren.
Saudi-Arabien hat verstanden, dass Imagearbeit Zeit braucht. Aber es hat noch nicht demonstriert, dass es die geopolitische Voraussetzung dieser Imagearbeit kontrollieren kann. Das Filmfestival ist eine Wette auf eine regionale Stabilität, die das Königreich nicht allein herstellt. Die Huthi-Milizen werden die Verschiebung auf 2027 zur Kenntnis nehmen und sich davon nicht beeinflussen lassen.
Die 600 Leinwände bleiben. Der Red Sea Fund läuft weiter. Die Rechnung ist noch nicht beglichen.
