Seit 1997 hat Klaus J. Behrendt als Max Ballauf 99 Leichen besichtigt, 99 Mal Köln gerettet und dabei eine Konstante verkörpert, die das deutsche Fernsehen mehr liebt als gute Einschaltquoten: die Unveränderlichkeit. Nun will er aufhören. Persönliche Gründe, Familie, hundert Folgen als rundes Ziel — der Schauspieler macht das, was Schauspieler tun dürfen: Er geht, wenn er genug hat. Die eigentliche Frage stellt sich an den WDR.
Dietmar Bär, der seit 1997 als Freddy Schenk an Behrendts Seite steht, wird weitermachen. Der Sender dankt Behrendt herzlich und plant die Fortführung. Kein Satz darüber, was diese Fortführung bedeuten soll, welche Geschichte sie erzählen, welches Publikum sie erreichen will. Das Ritual geht weiter, weil das Ritual weitergeht.
Dabei liegen die Zahlen offen. Eine Kölner „Tatort"-Folge kostet zwischen 1,7 und 1,9 Millionen Euro; der WDR dreht etwa drei pro Jahr. Pro Haushalt fließen 14 Cent des Rundfunkbeitrags monatlich in „Tatort" und „Polizeiruf 110". Das ist keine obszöne Summe — aber es ist eine, für die man eine Antwort schuldet: Wem dient dieses Format noch, und wie?
Die ehrliche Antwort ist unbequem. Die Zuschauerzahlen des linearen „Tatorts" sinken seit Jahren. Das verbleibende Kernpublikum ist alt — nicht zufällig, sondern strukturell, weil das Format konsequent für Menschen gebaut wird, die Sonntagabend um 20:15 Uhr vor dem Ersten sitzen und Verlässlichkeit als Tugend empfinden. Das ist eine Entscheidung. Man darf sie treffen. Man sollte sie nicht als Naturtatsache verkleiden.
Dass die ARD seit September 2026 neue Folgen bereits freitags in der Mediathek veröffentlicht, ist ein Symptom: Man weiß, dass lineares Fernsehen schrumpft, und reagiert mit Vorfristenstellung statt mit inhaltlicher Erneuerung. „Online first" ändert nichts an einem Format, das sich seit Jahrzehnten selbst kopiert.
Nun ließe sich einwenden — und dieser Einwand verdient Ernst —, dass der „Tatort" seine gesellschaftliche Funktion als gemeinsame Referenz präzise erfüllt. 1970 gestartet, 1.253 ausgestrahlte Filme bis Ende 2023: Das ist eine kollektive Erzählung, die in keinem anderen Medium eine Entsprechung hat. Wer am Montag im Büro über den Sonntagabend-Film spricht, betreibt soziale Kohäsion. Das ist nicht nichts. Und die Quoten einzelner Folgen sind weiterhin konkurrenzlos im deutschen Fernsehen — kein anderes Format zieht verlässlich Millionen auf einen Kanal.
Aber diese Reichweite ist nicht das Verdienst des Konzepts; sie ist das Erbe einer Zeit, in der es keine Konkurrenz gab. Netflix, Disney+, die gesamte Streaming-Infrastruktur hat die Sehgewohnheiten der unter Vierzigjährigen so gründlich verändert, dass der „Tatort"-Sonntagabend für diese Gruppe kein Erlebnis mehr ist — er ist eine Sozialform der Eltern. Das Format hat gut darin getan, seine Stammzuschauer zu halten. Schwächer ist es darin geworden, irgendjemanden sonst zu überzeugen.
Behrendts Ausstieg wäre der Moment, um das zu benennen. Ein Ermittler geht nach 30 Jahren — das ist eine Zäsur, die Sender wie BBC oder HBO als Anlass nähmen, das gesamte Narrativ neu zu befragen. Stattdessen plant der WDR die Kontinuität: Bär bleibt, ein neuer Kollege kommt, Köln ermittelt weiter.
Das Fernsehen, das sich dabei am sichersten fühlt, ist gut darin, keine Fehler zu machen. Und sehr schwach darin, etwas Neues zu riskieren.
30 Jahre Ballauf. 100 Folgen. 14 Cent pro Haushalt und Monat. Dietmar Bär macht weiter.
