Zweimal hat Deutschland in diesem Jahrzehnt erlebt, wie Olympiapläne an der eigenen Bevölkerung scheiterten: Hamburg lehnte 2015 eine Sommerspiele-Bewerbung per Referendum mit 51,6 Prozent ab. München stimmte 2013 gegen Winterspiele 2022. Der DOSB hat daraus eine Konsequenz gezogen, die jetzt im Evaluationsbericht sichtbar wird: Bürgerzustimmung ist kein Bonus, sondern Bewertungskriterium.

München brachte das stärkste Argument mit: Beim Bürgerentscheid 2025 sprachen sich mehr als 60 Prozent der Münchner für eine Sommerspiele-Bewerbung aus. Köln-Rhein-Ruhr kann auf eine ähnliche Legitimationsbasis verweisen — die Region verteilte ihre geplanten Sportstätten auf 16 Städte und verzichtete von Anfang an auf den Bau dauerhafter Anlagen. Berlin hingegen verlor seine politische Rückendeckung, als Die Linke bei den Abgeordnetenhauswahlen stark abschnitt und sich gegen eine Bewerbung positionierte. Berlins Rückzug kurz vor der Abstimmung war damit weniger Entscheidung als Diagnose.

Das Bewertungsraster und seine Lücken

Die gemeinsam von DOSB und Bund entwickelte Bewertungsmatrix umfasst sechs Kategorien: internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz, sportfachliche und operative Eignung, Chancen auf einen internationalen Zuschlag, Bevölkerungsunterstützung, Vision und Legacy sowie Kosten und Finanzierung. Die genaue Gewichtung dieser Kategorien ist nicht öffentlich dokumentiert.

Was das Briefing zur sportfachlichen Eignung nennt — Reisezeiten, Hotelkapazitäten, Athletenunterbringung — zeigt, wo München punktet: kompakte Infrastruktur, bewährte Veranstaltungslogistik vom Oktoberfest bis zur Automobilmesse. Köln-Rhein-Ruhr setzt dagegen auf ein anderes Modell: keine Neubauten, dafür ein polyzentrisches Netz bestehender Hallen und Stadien über die gesamte Region. Ob das IOC ein so verteiltes Konzept bevorzugt oder als organisatorische Komplexität bewertet, ist eine offene Frage — die internationale Vergabeentscheidung für 2036 soll nach aktueller Planung Mitte 2029 fallen, die erste Vorauswahl bis März 2027 abgeschlossen sein.

Berlins Stärke lag laut Evaluationsbericht allein bei der internationalen Strahlkraft. Genau hier liegt das strukturelle Problem der Hauptstadt: Strahlkraft ersetzt keine stabile politische Unterstützung und keine positive Bürgerbefragung.

Die Stimmstruktur der Mitgliederversammlung

Wer die Abstimmung am 26. September analysieren will, muss mit der Stimmverteilung anfangen: 144 Stimmen insgesamt. Die 42 olympischen Spitzenverbände halten je drei Stimmen — zusammen 126, also 87,5 Prozent des Abstimmungsgewichts. Die zehn Präsidiumsmitglieder und acht persönliche Mitglieder des Team D kommen auf zusammen 18 Stimmen. Landessportbünde, nicht-olympische Verbände wie der Deutsche Schachbund und der Deutsche Behindertensportverband sind nicht stimmberechtigt.

Die Satzung schreibt vor, dass jeder Verband seine drei Stimmen geschlossen abgibt — intern also Einigkeit, extern Gewicht. Was sie nicht regelt: in welche Richtung diese Einigkeit geht. Andreas Wagner, Präsident der Deutschen Eislauf-Union seit November 2022, hat das direkt ausgesprochen: Eine einheitliche Stimmabgabe aller Verbände zugunsten desselben Kandidaten sei nicht garantiert. Das ist die sportpolitische Kernaussage des Moments — nicht weil Wagner eine Gegenstimme ankündigt, sondern weil er öffentlich benennt, was das DOSB-Regelwerk zulässt: 42 Verbände können theoretisch 42 verschiedene Interessenkalkulationen vornehmen.

Für viele Verbände ist die Frage nicht „München oder Köln-Rhein-Ruhr?", sondern: Welcher Standort bietet dem eigenen Sport bessere Wettkampfbedingungen, mehr Sichtbarkeit, günstigere Hallensituation? Eisschnelllauf interessiert sich für andere Sportstätten als Leichtathletik oder Schwimmen. Die Evaluierungskommission hat nach aggregierten Kriterien bewertet; die Verbände werden nach Verbandsperspektiven stimmen.

Was die 2,01-Punkte-Differenz trägt — und was nicht

München liegt 2,01 Punkte vor Köln-Rhein-Ruhr. Bei einer Matrix ohne öffentlich dokumentierte Gewichtung ist schwer zu sagen, welche Kategorie diesen Abstand produziert hat. Das Briefing nennt Stabilität als besondere Stärke Münchens; Köln-Rhein-Ruhr liege dicht auf. Das klingt nach einem methodischen Ergebnis, das ein anderes Gewichtungsschema umkehren könnte.

Versprochen war bei der nationalen Strategie für Sportgroßveranstaltungen von 2021, die Bund, Länder und DOSB gemeinsam entwickelt haben, eine transparente Kriterienbasis. Wie die einzelnen Kriterien zum Gesamtpunkt beitragen, bleibt im Bericht intern. Das ist relevant, weil die Spitzenverbände ihr Votum an dieser Bewertung orientieren sollen — ohne zu wissen, wie sie zustande kam.