Am 23. September 2026 übernahmen TPLF-Kräfte die Flughäfen von Mekelle, Axum und Shire. Ethiopian Airlines stellte alle Verbindungen in die Region ein. Zwei Tage später meldete der Netzüberwachungsdienst NetBlocks Ausfälle des Telekommunikationsnetzes in Tigray – nach Angaben der äthiopischen Regierung auf Veranlassung der TPLF. Die Parallele zum November 2020 ist exakt: Damals begann der erste Tigray-Krieg unter denselben Zeichen – Flughafen verloren, Kommunikation weg, Hilfsorganisationen draußen.
Wer die Allianz trägt
Das Bündnis „Ethiopian Peoples' Forces Alliance for Survival" ist eine seltene Konstruktion: Es vereint Akteure, die sich bis vor Kurzem bekämpften. Die TPLF kämpfte 2020 bis 2022 gegen die Zentralregierung – und an ihrer Seite standen damals Fano-Milizen aus Amhara und eritreische Truppen. Heute verbündet sich die TPLF mit Fano, während Eritrea nun als Financier der Allianz genannt wird. Die äthiopische Regierung erhebt diesen Vorwurf; Asmara bestreitet eine Beteiligung. Ob und in welchem Umfang Eritrea tatsächlich Material oder Geld liefert, lässt sich von außen nicht belegen.
Neben TPLF und Fano gehört die Oromo Liberation Army (OLA) zur Koalition – eine Gruppe, die seit 2018 in der bevölkerungsreichen Oromia-Region operiert und dort vor allem ländliche Gebiete unter Druck hält. Hinzu kommen Gruppen aus Afar, Benishangul-Gumuz und der Somali-Region. Das erklärte Ziel: Abiy Ahmed abzusetzen und eine Übergangsregierung einzusetzen.
Wie fest dieses Bündnis hält, ist eine offene Frage. TPLF, Fano und OLA haben eigene territoriale Ansprüche und historische Rivalitäten; ihre strategische Koordination ist nicht belegt. Dass sie gemeinsam eine stabile Nachfolge organisieren könnten, ist angesichts dieser Vorgeschichte unwahrscheinlich – aber für die militärische Unmittelbarkeit der Offensive ist das zunächst zweitrangig.
Was das Pretoria-Abkommen nie löste
Der Waffenstillstand vom November 2022, ausgehandelt unter AU-Vermittlung in Südafrika, beendete zwei Jahre Kämpfe, die nach AU-Schätzungen mindestens 600.000 Menschenleben kosteten. Zwei seiner Kernvereinbarungen blieben unvollzogen: die Entwaffnung der TPLF-Verbände und die Klärung der Kontrolle über umstrittene Gebiete an der Grenze zwischen Tigray und Amhara. Der Krieg pausierte, sein struktureller Grund blieb bestehen.
Abiy Ahmed, 2018 an die Macht gelangt und 2019 für den Friedensschluss mit Eritrea mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, hat seither zwei parallele Konflikte nicht befrieden können. In Amhara kämpfen Fano-Milizen seit 2023 auch gegen Regierungstruppen – eine Gruppe, die beim Tigray-Krieg noch auf seiner Seite stand. In Oromia hält die OLA-Rebellion an. Die neue Allianz macht aus diesen separaten Fronten eine koordinierte Erzählung: dass der Gegner in Addis Abeba sitzt.
Drei Regionen, eine Armee
Das äthiopische Militär meldet, seit Beginn der jüngsten Gefechte 272 TPLF-Kämpfer getötet und 260 verletzt zu haben; andere Berichte sprechen von über 700 Gefallenen in der Provinz Amhara. Diese Zahlen stammen ausschließlich von Regierungsseite und sind nicht unabhängig verifizierbar – die Kommunikationsabschottung macht das strukturell unmöglich. Eigene Verluste der Streitkräfte und Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung werden nicht kommuniziert.
Die militärische Herausforderung für Addis Abeba liegt in der Gleichzeitigkeit: Tigray im Norden, Amhara im Nordwesten, Oromia im Süden und Westen. Die Armee muss Kräfte verteilen, ohne auf einer Front entscheidend schwach zu werden. Das war 2020 anders – damals konzentrierte sich der Konflikt im Wesentlichen auf Tigray. Ob die Streitkräfte diesen Mehrfrontenkrieg militärisch bewältigen können, lässt sich von außen nicht beurteilen; die bisherigen Verlautbarungen aus Addis Abeba geben darüber keinen Aufschluss.
Humanitäre Isolationsspirale
Human Rights Watch forderte am 24. September 2026 den Schutz der Zivilbevölkerung und den garantierten Zugang für humanitäre Organisationen. Beim ersten Tigray-Krieg war dieser Zugang über Monate blockiert; im November 2022 – kurz vor Abschluss des Waffenstillstands – waren nach Schätzungen 5,5 Millionen Menschen in Tigray vom Hunger bedroht. Heute sind die Flughäfen wieder geschlossen, das Netz wieder gestört. Ob Hilfsorganisationen auf dem Landweg arbeiten können, ist aus den vorliegenden Quellen nicht belegt.
Die AU hat nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu „tiefe Besorgnis" über die Lage geäußert. UN-Generalsekretär António Guterres forderte Zurückhaltung und Schutz der Zivilbevölkerung. Die EU warnte, Äthiopien drohe ohne Waffenstillstand auseinanderzufallen. Konkrete Vermittlungsschritte über die allgemeinen Appelle hinaus sind öffentlich nicht erkennbar – die AU war zwar Garantiemacht des Pretoria-Abkommens, aber wie sie auf dessen faktischen Zusammenbruch reagiert, ist aus den verfügbaren Quellen nicht ersichtlich.
Strukturelle Achse: Demokratie
Die Demokratie-Achse zeigt das Grundproblem. Abiy Ahmeds Prosperity Party wurde 2019 als Einheitspartei gegründet, die den ethnischen Föderalismus überwinden soll – jenes System, das seit 1991 ethnische Zugehörigkeit als Organisationsprinzip des Staates etabliert hatte. Die Allianz, die ihn jetzt angreift, ist entlang ethnischer Linien gebaut: TPLF für die Tigray, Fano für Amhara, OLA für Oromo. Die Frage, ob Macht am Zentrum oder entlang ethnischer Regionen gebündelt wird, ist in Äthiopien keine Verfassungsfrage zweiter Ordnung – sie ist der Konflikt.
Ob ein neuer Waffenstillstand möglich ist und wer ihn vermitteln könnte, entscheidet sich wohl in den nächsten Wochen. Die AU hat diesen Mechanismus 2022 einmal gebaut – und 2026 halten seine Ergebnisse nicht. Das ist der Maßstab, an dem jeder neue Vermittlungsversuch gemessen werden wird.
