Der Olympiapark von 1972 steht noch. Die Schwimmhalle, die Radrennbahn, das Stadion — alles da, alles sanierbar, alles München. Das ist Münchens Argument, und es klingt vernünftig. Es ist auch das Argument, das jede Bewerbungsstadt seit Atlanta 1996 vorgetragen hat, bevor die Rechnung kam.

Kostenüberschreitungen bei Olympischen Spielen sind keine Ausnahme — sie sind das Muster. Studien des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, die Statista ausgewertet hat, zeigen: Regionale BIP-Impulse liegen in Spitzenjahren bei drei bis vier Prozentpunkten, sind statistisch wenig robust und verschwinden danach. Andere Branchen — vor allem der Tourismus — verlieren durch Preissteigerungen in dieser Zeit sogar Umsatz. Was bleibt, sind Bauten, Sicherheitsinfrastruktur und Schulden.

Das stärkste Gegenargument lautet: München ist anders. Der Olympiapark 1972 hat die Lebensqualität der Stadt tatsächlich gesteigert, er ist bis heute belebt. Und die Olympische Agenda 2020+5 des IOC schreibt Nachhaltigkeit und Sparsamkeit als Auswahlkriterien fest. Wer heute mit Bestand antritt, statt Beton zu gießen, hat aus der Geschichte gelernt — so die Bewerbungslogik.

Das Argument verdient Respekt. Es verdient auch eine Probe an der Wirklichkeit.

Erstens: Bestandsinfrastruktur ersetzt keine Sicherheitsbudgets. Jede Austragung der Spiele seit München 1972 hat massiv wachsende Sicherheitsapparate erfordert — Personal, Technik, Absperrung, Koordination mit Bundesbehörden. Diese Kosten hängen nicht daran, ob das Stadion alt oder neu ist. Sie hängen daran, dass Olympia ein globales Angriffsziel ist, rund um die Uhr, zwei Wochen lang. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat in einem Gutachten zu Olympischen Spielen und ihren Auswirkungen auf Wohnungs- und Immobilienmärkte festgestellt, dass die Gesamtkosten für Gastgeberstädte systematisch unterschätzt werden — auch weil Sicherheits- und Transportkosten in Bewerbungsunterlagen häufig getrennt von den eigentlichen Veranstaltungskosten ausgewiesen werden.

Zweitens: Das IOC externalisiert die Risiken. Es verdient an Medienrechten, Sponsoring und Ticketerlösen. Was sich nicht verkaufen lässt — Kostensteigerungen, Bürgschaften, Nachnutzungsprobleme — bleibt bei der Gastgeberkommune. Der strategische Menschenrechtsrahmen des IOC, seine CO₂-Selbstverpflichtungen, das „Olympic Forest"-Projekt: Das sind Dokumente des IOC über das IOC. Wer prüft ihre Einhaltung? Das IOC selbst. Externe Sanktionsmechanismen, die Umwelt- und Menschenrechtsvorgaben bindend durchsetzen würden, nennt das IOC nicht — und Human Rights Watch hat 2022 dokumentiert, dass die Reformen auf dem Papier blieben.

Drittens: Die demokratische Partizipation. In der Region Köln-Rhein-Ruhr stimmten 17 Kommunen per Bürgerentscheid ab — im Schnitt mit 66 Prozent Zustimmung, in Köln mit 57,4 Prozent. Das ist kein erdrückendes Mandat, aber es ist ein Mandat. München hat bislang keinen vergleichbaren Prozess durchgeführt. Die Abstimmung, die stattfand, war die des DOSB — 141 Delegierte, kein Bürgerentscheid. Wer Olympia als Stadtentwicklungsprojekt verkauft, muss die Stadt fragen.

Der DOSB bewertete das Münchner Konzept mit 87,03 von 100 Punkten, Köln-Rhein-Ruhr mit 85,02 — beide „sehr gut". Der Unterschied von zwei Punkten entschied. In dieser Differenz steckt keine verlässliche Kostengarantie, keine Bürgschaft des Bundes mit Deckel und keine unabhängige Prüfung der Nachnutzung. Es steckt ein Versprechen.

Das IOC wird 2029 entscheiden. Bis dahin kann München sein Konzept präzisieren, kann der Bund Haftungsgrenzen benennen, kann ein Bürgerentscheid stattfinden. All das ist möglich. Nichts davon ist beschlossen.

München hat alles versprochen, was Bewerbungsstädte immer versprechen: Nachhaltigkeit, Bestand, Kosteneffizienz. Die Rechnung kommt später. Sie kommt immer später.