In der Saison 2011/12 gewann Manchester City die Premier League mit zwei Toren in der Nachspielzeit der letzten Partie – ein Moment, der als einer der dramatischsten in der Geschichte der Liga gilt. Was die damaligen Zuschauer nicht wussten: Der Verein übermittelte der Premier League in diesem und den folgenden Jahren nach Ansicht der unabhängigen Kommission systematisch falsche Finanzdaten.

Das Urteil, das Ende September 2026 bekannt wurde, hat den Befund in Zahlen gefasst: 114 von 115 Anklagepunkten erwiesen. Der einzige Freispruch betrifft einen einzelnen Teilaspekt. Die Kommission ist ein dreiköpfiges Gremium aus Anwälten, das die Premier League für solche Verfahren einsetzt – weil die Liga selbst keine Entscheidungsgewalt über Schuldfeststellungen besitzt. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der erste Riss im Fundament des Modells.

Was die Kommission festgestellt hat

Die 114 Schuldsprüche lassen sich in vier Kategorien aufteilen. Die größte Gruppe umfasst 54 Fälle ungenauer Finanzangaben gegenüber der Premier League – also Informationen, die der Verein der Liga über verpflichtende Meldekanäle übermittelt hat und die nach Feststellung der Kommission nicht der Realität entsprachen. Dazu kommen 14 Fälle fehlerhafter Angaben zu Spieler- und Managementgehältern, 7 Verstöße gegen die Profit-and-Sustainability-Rules (PSR) der Liga sowie 35 Fälle mangelnder Kooperation mit den Ermittlern der Premier League seit 2023.

Das Muster dieser Verteilung ist aufschlussreich. Die fehlerhaften Finanzangaben und Gehaltsangaben betreffen den Zeitraum von 2009 bis 2018; die Kooperationsverstöße reichen bis 2023. Es handelt sich nicht um einen Bilanzierungsfehler in einer Saison, sondern um Vorgänge, die sich über fast eine Dekade erstrecken und dann weitere Jahre in der Aufarbeitung stocken. Der zentrale Vorwurf lautet, dass Sponsoreinnahmen – insbesondere vom Flughafen-Konzern Etihad, der eng mit den Eigentümern des Vereins aus Abu Dhabi verbunden ist – als marktüblich dargestellt wurden, obwohl sie nach Einschätzung der Liga künstlich aufgebläht waren. Die Abu Dhabi United Group hatte Manchester City 2008 übernommen.

Manchester City bestreitet alle Vorwürfe und hat Berufung angekündigt.

Was jetzt folgt – und wie lange es dauern kann

Das Verfahren ist mit dem Schuldspruch nicht beendet. Die Kommission muss nun das Strafmaß festlegen; die Bandbreite reicht von Geldstrafen über Punktabzüge und Titelaberkennungen bis zu einem Zwangsabstieg. Keiner dieser Schritte ist automatisch. Jede Sanktion kann gesondert angefochten werden.

Der institutionell relevante Berufungsweg führt nicht zum Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne – das wäre der Weg bei UEFA-Verfahren, wie 2020, als City dort erfolgreich gegen den europäischen Ausschluss vorging. Der CAS ist nur dann zuständig, wenn die betreffende Sportorganisation ihn als letzte Instanz in ihren Statuten benennt. Die Premier League hat dafür ein eigenes Schiedsgericht, das als nächste Instanz angerufen werden kann. Danach stehen britische Zivilgerichte offen, was englischem Prozessrecht unterliegt und erheblich längere Zeiträume bedeuten kann. Das UEFA-Beispiel zeigt, wie viel dieses Instrumentarium leisten kann: Die ursprüngliche Zwei-Jahres-Sperre wurde 2020 vom CAS mit der Begründung aufgehoben, dass Vorwürfe verjährt oder nicht ausreichend belegt seien. Eine Geldstrafe von damals umgerechnet rund 8 Millionen Pfund wegen mangelnder Kooperation blieb.

Einen etablierten Präzedenzfall für die rückwirkende Aberkennung von Titeln aufgrund von Finanzvergehen gibt es im englischen Profifußball nicht. Vergleichbare Fälle in Europa – etwa im italienischen Fußball – betrafen in der Regel Wettbewerbsmanipulation, nicht Finanzkonstruktionen. Das macht die kommende Strafzumessung zu einer rechtlichen Neuformulierung, die auch deshalb komplex ist, weil sie sieben Premier-League-Titel berühren würde.

Das Strukturproblem hinter dem Einzelfall

Die Frage, die das Verfahren aufwirft, lautet nicht allein: War Manchester City schuldig? Die Kommission hat das entschieden. Die systemische Frage lautet: Warum hat die Premier League fast sieben Jahre gebraucht, um einen Sachverhalt aufzuarbeiten, der sich über neun Spielzeiten erstreckte?

Das englische Modell der Ligaorganisation setzt auf Selbstkontrolle: Die 20 Mitgliedsklubs sind zugleich Eigentümer, Geschäftspartner und Regelsetzer. Die Liga beschäftigt eine Compliance-Abteilung und hat Melderegeln für Finanzkennzahlen etabliert, aber keine unabhängige Aufsichtsbehörde mit echter Ermittlungs- und Sanktionskompetenz. Wenn Verstöße so strukturiert sind, dass Eigentümerverbindungen im Ausland als unabhängige Sponsorbeziehungen dargestellt werden, stößt ein auf Selbstmeldung basierendes System an eine prinzipielle Grenze.

Das britische Parlament diskutiert seit 2023 einen „Football Governance Bill", der eine unabhängige Regulierungsbehörde für den englischen Fußball vorsieht. Das Gesetz befand sich zum Zeitpunkt des Urteils im parlamentarischen Verfahren; seine Zuständigkeiten für Finanzintegrität und die Reichweite etwaiger Sanktionsbefugnisse sind noch nicht abschließend bestimmt.

Andere Premier-League-Klubs – darunter Manchester United, Liverpool, Arsenal und Tottenham – prüfen laut übereinstimmenden Berichten Schadensersatzklagen. Die Begründung wäre, dass eine künstliche Aufblähung von Einnahmen gegen PSR-Regeln verstößt und damit Wettbewerbern finanzielle Nachteile entstanden sind, die beziffert werden können.

Woran sich zeigt, ob die Analyse trägt

Drei Monate nach dem Urteil sollte erkennbar sein, welche Sanktionsform die Kommission gewählt hat und ob Manchester City die Vollstreckung durch Berufung ausgesetzt hat. Entscheidend für die Systemfrage ist, ob der Football Governance Bill mit einer echten Finanzkontrollkompetenz verabschiedet wird – oder ob das britische Parlament beim bisherigen Ligamodell bleibt. Geschieht Letzteres, lautet die einzige Antwort auf den nächsten strukturell ähnlichen Fall wieder: eine unabhängige Kommission, aufgebaut auf Selbstmeldepflichten, nach Jahren der Ermittlung.