Der Angriff auf Kyauktaw ist kein Ausreißer. Er ist die Konsequenz aus einem militärischen Kontrollverlust, den die Junta am Boden nicht aufhalten konnte.
Versprochen war ein stabiles Rakhine unter Juntas Hand — tatsächlich hat die Arakan Army seit November 2023 systematisch Township um Township übernommen. Bis Anfang 2025 kontrollierte sie 14 von 17 Verwaltungseinheiten in Rakhine sowie Paletwa Township im benachbarten Chin-Staat. Im Dezember 2024 fiel Ann Town: das Hauptquartier des westlichen Kommandos der Tatmadaw, das strategische Nervenzentrum der Junta im Westen des Landes. Was danach blieb, war eine Armee ohne Boden — aber mit Flugzeugen.
Die myanmarische Luftwaffe fliegt MiG-29, FTC-2000G und verschiedene chinesische Systeme wie die CH-3A und CH-4 Kampfdrohnen. Ihre primäre Rolle war ursprünglich die Unterstützung von Bodentruppen. Seit diese Truppen in Rakhine kaum mehr existieren, hat sich die Funktion verschoben: Die Luftwaffe ist kein Unterstützungsmittel mehr, sondern das hauptsächliche Instrument der Machtprojektion.
Die Zahlen belegen die Verschiebung. 2025 war das tödlichste Jahr für Zivilisten seit dem Putsch: Die Zahl der Luftangriffe stieg gegenüber 2024 um etwa 50 Prozent, über 7.000 Zivilisten wurden seit 2021 getötet, allein 2023 mehr als 1.600. Im August 2026 meldete die UN verstärkte Angriffe auf Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser; ein Luftangriff auf ein buddhistisches Kloster in der Region Sagaing tötete 14 Menschen. Im Dezember 2025 starben mindestens 30 Menschen beim Angriff auf ein Krankenhaus in Mrauk-U. Der Markt von Kyauktaw ist der nächste Eintrag in dieser Liste.
Was macht die Kassapanadi-Brücke zum Ziel? Sie ist keine Militäranlage — aber sie ist Infrastruktur unter Kontrolle des Feindes. Die Brücke verbindet Kyauktaw mit Mrauk-U, Minbya und Myebon, drei Städten, die die AA hält. Wer die Brücke lahmlegt, unterbricht einen Versorgungskorridor. Die Junta hatte sie bereits im März 2026 angegriffen und beschädigt. Der Angriff vom September 2026 auf den India Market daneben ist aus derselben Logik lesbar: Der Markt hatte nach Berichten lokaler Hilfsorganisationen durch Handelsbeschränkungen in anderen Teilen Rakhines an Bedeutung gewonnen — er war ein wirtschaftliches Zentrum der AA-kontrollierten Zone.
Hier liegt der strategische Kern. Die Junta kann kein Territorium zurückgewinnen, solange die AA die Bodeninitiave hält. Was sie kann, ist Kosten erhöhen: Versorgungslinien treffen, wirtschaftliche Aktivität unterbrechen, die Bevölkerung in AA-kontrollierten Gebieten unter Druck setzen. Der UN-Sonderberichterstatter für Myanmar und der Unabhängige Untersuchungsmechanismus IIMM haben diese Muster dokumentiert und als Kriegsverbrechen qualifiziert — gezielte Angriffe auf Zivilbevölkerung und zivile Infrastruktur, die nicht dem Prinzip der Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen entsprechen.
Die stärkste Gegenposition lautet, dass die Junta die Nutzung ziviler Infrastruktur durch Rebellenverbände als Rechtfertigung anführt. Sie hat das in früheren Fällen getan, etwa beim Krankenhausangriff in Mrauk-U. Für Kyauktaw liegt bis dato keine offizielle Stellungnahme des State Administration Council vor. Die Beweislage der Angriffsstelle — ein belebter Markt zur Mittagszeit, Augenzeugenberichte über Dutzende Leichen unter Plastikplanen, zerstörte Straßen weit von Frontlinien — deckt sich nicht mit dem Bild eines legitimen militärischen Ziels.
Das stellt das IIMM, das seit 2023 über 400 Augenzeugenaussagen sowie Foto-, Video- und Forensikbeweise ausgewertet hat, vor ein bekanntes Dilemma: Die Beweise werden gesammelt, die Täter werden identifiziert — aber der Weg zur Strafverfolgung bleibt blockiert. China und Russland haben im UN-Sicherheitsrat wiederholt Sanktionen verhindert. Der IIMM bereitet Akten für zukünftige Strafverfolgungsbehörden vor, ohne zu wissen, wann und ob diese je aktiv werden.
Für die militärische Lage in Rakhine bedeutet das: Die Junta kalkuliert ohne reale Strafkosten. Solange kein Sanktionsmechanismus greift und kein Tribunal tagt, bleibt die Luftwaffe das rationalste Instrument einer Armee, die am Boden geschlagen ist. Ob sich das ändert, hängt weniger von der militärischen Entwicklung in Rakhine ab als von der Frage, ob der UN-Sicherheitsrat seine politische Blockade überwindet — und woran man das in den nächsten Monaten erkennen würde: an einem Abstimmungsverhalten Chinas oder Russlands, das von der bisherigen Veto-Linie abweicht. Dafür gibt es derzeit keinen Anhaltspunkt.
