Am 29. September 2026 wurden 440 Menschen festgenommen, überwiegend Minderjährige. 416 Schulen in Frankreich waren von Protesten oder Störungen betroffen, 45 davon blockiert. 31 Menschen wurden verletzt. Das ist die Bilanz eines einzigen Tages — zwei Tage nach dem Beginn der landesweiten Ausweitung von Protesten, die in Vorstädten von Paris begonnen hatten und bis Lyon, Grenoble und Nizza weiterliefen.
Die Organisation hinter den Schulblockaden war die „Union syndicale lycéenne", die ein Bündel konkreter Forderungen formulierte: mehr Aufsichtspersonal, kleinere Klassen, bessere Gebäude. Das sind keine neuen Forderungen. Bildungsminister Édouard Geffray und Innenminister Laurent Nuñez reagierten auf die Eskalation. Premierminister Lecornu beschuldigte „La France insoumise", die Proteste politisch anzuheizen. Was niemand in der Regierung konkret beantwortete: die strukturellen Defizite, gegen die protestiert wurde.
Gleichzeitig trat im September 2026 das französische Gesetz in Kraft, das Social Media für unter 15-Jährige verbietet — im Juli 2026 vom Parlament verabschiedet, von Präsident Emmanuel Macron seit Langem propagiert. Und die EU-Kommission legte im September 2026 den „EU KIDS Act" vor, der europaweit gestaffelte Altersgrenzen einführen soll: kein Zugang zu sozialen Netzwerken unter 13 Jahren, „Mini-Konten" zwischen 13 und 14, eigene Konten erst ab 15 — sofern die Plattform nachweislich „safe by design" ist.
Beide Maßnahmen treffen zeitlich auf dieselbe Generation, die gerade Schulhöfe blockiert. Das ist kein Zufall, aber auch kein kausaler Zusammenhang, den die vorliegenden Belege tragen.
Was die Regulierung voraussetzt — und was sie nicht sieht
Der EU KIDS Act ist in seiner Konstruktion ehrgeizig. Plattformen müssen Beweislastumkehr akzeptieren: Sie müssen nachweisen, dass ihre Dienste sicher sind, nicht der Staat, dass sie schädlich sind. Suchtfördernde Mechanismen wie endloses Scrollen sollen verboten werden, KI-Begleiter standardmäßig deaktiviert, Profile Minderjähriger privat. Die Altersverifikation soll über datenschutzfreundliche, zertifizierte Lösungen laufen — als Möglichkeit wird die European Digital Identity Wallet genannt.
Das sind substanzielle Eingriffe in Geschäftsmodelle, die bisher kaum reguliert wurden. Datenschützer wie der Chaos Computer Club und D64 verweisen auf das Spannungsverhältnis: Jede zuverlässige Altersverifikation setzt voraus, dass Plattformen mehr Daten über ihre Nutzerinnen und Nutzer sammeln — das Gegenteil von Anonymität im Netz. Die genaue technische Umsetzung und die Strafen bei Nichteinhaltung sind laut aktuellem Stand noch nicht abschließend geregelt. Und ob der EU KIDS Act mit dem Digital Services Act kompatibel ist — dem bereits geltenden EU-Rahmen für Plattformverantwortung —, wird noch geprüft; Frankreich musste seinen nationalen Vorschlag im September 2026 der EU-Kommission zur Prüfung vorlegen.
Was der regulatorische Rahmen nicht adressiert: warum Jugendliche in Großstadtschulen keinen verlässlichen Sozialraum außerhalb digitaler Plattformen vorfinden.
Zwei Systeme, ein Vakuum
Frankreichs Staatsverschuldung erreichte Ende 2026 rund 119,3 Prozent des BIP — der höchste Stand seit 1978. Die Regierung plant Sparmaßnahmen für den Haushalt 2027. Die Schulgewerkschaft Snes-FSU und mehrere Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes hatten für den 29. September 2026 einen landesweiten Streiktag angesetzt, der das Bildungswesen und weitere öffentliche Bereiche erfasste. Die Forderungen: Lohnerhöhungen und Abkehr von der Sparpolitik.
Konkrete Investitionszahlen für die physische Sanierung von Schulgebäuden seit 2024 liegen aus den verfügbaren Quellen nicht vor. Bekannt ist: Frankreich gibt jährlich rund 1,5 Milliarden Euro für Software außerhalb Europas aus — eine Zahl, die im digitalpolitischen Kontext zirkuliert, wenn es um technologische Abhängigkeit geht, nicht um Bildungsausgaben im engeren Sinn.
Der Zusammenhang zwischen digitaler Radikalisierung und den Schülerprotesten ist in den vorliegenden Quellen nicht belegt. Lehrergewerkschaften äußerten sich im Kontext der Proteste zur Unterausstattung, nicht zu algorithmischer Beeinflussung. Die Schülerinnen und Schüler selbst benennen ihre Forderungen materiell: Räume, Personal, Aufsicht. Dass soziale Medien als Koordinationsmittel genutzt wurden — wie bei nahezu jeder Jugendbewegung seit Jahren —, sagen die Quellen. Dass die Plattformen die Unzufriedenheit erzeugt hätten, sagen sie nicht.
Was das Regulierungspaket leistet — und was nicht
Der EU KIDS Act beantwortet eine reale Frage: Wie können Plattformen so gestaltet werden, dass sie Kinder weniger manipulieren? Das ist eine legitime und überfällige Frage. Algorithmen, die auf maximale Verweildauer optimieren, sind tatsächlich so gebaut, dass sie Jugendliche binden — unabhängig davon, ob die Inhalte schädlich sind.
Aber die Regulierung setzt an einem Punkt an, der nur dann ausreicht, wenn der Rest des Sozialraums hält. Schulen in Créteil, die seit Jahren auf Sanierung warten; Klassen, die zu groß sind, um Lernbeziehungen zu ermöglichen; Lehrstunden, die ausfallen, weil Stellen unbesetzt sind — das sind Bedingungen, unter denen staatliche Institutionen ihre Funktion als Ort sozialer Integration nicht erfüllen können. Wenn dieser Raum ausfällt, füllen ihn andere.
Ob der EU KIDS Act die Altersverifikation technisch so löst, dass er Privatsphäre und Schutz gleichzeitig sichert, ist offen. EU-Parlament und Rat müssen den Vorschlag noch beraten. Das Gesetz könnte in der vorliegenden Form scheitern oder erheblich verändert werden. Ob Frankreichs nationales Social-Media-Verbot unter 15-Jährigen, das gleichzeitig mit den Protesten in Kraft trat, die Lernbedingungen an den betroffenen Schulen verändert, lässt sich in drei Monaten nicht messen. Woran man es erkennen würde: an der Entwicklung der Klassenstärken, der Zahl besetzter Stellen und dem Sanierungsstand der Gebäude in den Bezirken, die im September 2026 als Erste auf der Straße waren.
