Der Rapper Daniel Pongratz, als Danger Dan Teil der Antilopen Gang, beginnt wie ein Seminarbeitrag: „ganz spekulativ angenommen". Er schriebe ein Lied, singt er, in dem er Jürgen Elsässer als Antisemiten bezeichne und bei Götz Kubitschek mit dem Bogen als Sportgerät spiele. Er schriebe, Alexander Gauland sei ein Reptiloid. Er schriebe einen Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befreien. Alles hypothetisch, alles im Konjunktiv, alles zufällig gesungen.

Das ist die Ironie des Stücks, und sie ist leicht zu erkennen: Der Konjunktiv ist die Verkleidung, die Aussage steht im Raum. Die Verkleidung ist so dünn, dass sie als Verkleidung auffällt, und genau darin liegt der Witz. Jede Strophe endet im gleichen Dreiklang: Man erreiche die juristische Grauzone, vor Gericht mache man es sich wieder leicht, der Refrain lädt zur Anzeige ein. Wer anzeigt, bekommt eine Flasche Sekt aufgemacht.

Musikalisch ist das eine Klavierballade, gegen Ende kommen Streicher dazu. Der Ernst der Besetzung trägt die Komik: Ein Lied, das klingt wie ein Abschied, enthält eine Prozessordnung.

Wer ist gemeint

Namentlich auftauchen: Jürgen Elsässer, der Publizist, den das Lied als Antisemiten bezeichnet; Götz Kubitschek, den das Lied mit Pfeil und Bogen anspielt; Alexander Gauland, den es als Reptiloiden und Nationalsozialisten hinstellt – so singt es Danger Dan. Dazu kommt Ken Jebsen, dem das Lied eine eigene Strophe widmet: Er habe die Band wegen eines Textes verklagt, den Prozess verloren und die Kosten tragen müssen. „So ein lächerlicher Mann", singt Danger Dan, „hoffentlich zeigt er mich an".

Eine Strophe weiter geht es gegen den Staat. Der Verfassungsschutz habe den NSU mit aufgebaut, die Polizei sei von Nazis durchsetzt, sie habe, so das Lied, jemanden gefesselt und angezündet – eine Anspielung auf den Tod von Oury Jalloh. Auf das Ergebnis läuft das Lied hinaus: Wer mit Gewalt nicht friedlich fertig werde, dem bleibe als letztes Mittel Militanz.

Wie das Lied entstand und was die Juristen dazu sagten

Das Spiel mit der Grauzone war kein Zufall. Danger Dan hat den Text nach eigenen Angaben mit juristischer Unterstützung abgeklopft, die Idee kam nach Debatten über die Spielräume der Kunstfreiheit, auch bei einem Treffen mit dem Aktionskünstler Jean Peters. Ein Medienrechtsanwalt kam zu dem Schluss, der Song sei größtenteils nicht zu beanstanden; an einzelnen Stellen gebe es Diskussionsbedarf. Ein Lied, das die Strafbarkeit austestet, hat sich vorher von Strafrechtlern beraten lassen: Man kann von Bürokratie viel lernen.

Der Rapper rechnete selbst nicht mit Klagen, eher mit kleinen Anfragen in den Landtagen. Das trat ein: Aus der AfD kam eine Anfrage des Abgeordneten Frank Pasemann. Ein Gerichtsverfahren gegen das Lied ist, soweit bekannt, nicht dokumentiert. Der Sekt blieb zu.

Der Erfolg war trotzdem handfest: Platz 25 der Single-Charts, acht Wochen in der Hitliste, das Album auf Platz 1. Im Oktober 2021 gab es den Preis für Popkultur in der Kategorie „Lieblingslied". Im ZDF Magazin Royale spielte er das Lied mit dem Pianisten Igor Levit. 2024 erschien eine österreichische Fassung, die Politiker wie Karl Lueger und Heinz-Christian Strache aufs Korn nimmt.

Was seither aus dem Streit wurde

Das ZDF ist eine eigene Pointe: Das Lied durfte im Magazin Royale laufen. Ein späteres Lied, „Keine Angst", wurde dagegen für „Die Anstalt" abgesagt, weil der Sender einzelne Passagen als Aufruf zu Gewalt verstehen konnte. Der Sender, der die Kunstfreiheit gefeiert hatte, rechnete plötzlich den Konjunktiv nach. Danger Dan hatte vorausgesagt, dass jemand genau das tun würde. Nur kam es aus der Richtung, die er für verbündet hielt.

Was die Angegriffenen sagen? Eine belastbare Stellungnahme von Gauland, Kubitschek, Elsässer oder Jebsen zum Lied liegt nicht vor. Die Kritik der politischen Rechten kam als Anfrage aus der AfD und als Vorwurf der linken Einseitigkeit. Man darf das fürs Erste als ziemlich leises Echo auf ein Lied lesen, das sich so laut zur Anzeige anbietet.

Kontrapunkt: Wo das Lied sich die Deckung selbst wegzieht

Der Konjunktiv schützt das Lied, solange er gespielt wird. Am Schluss wird er fallen gelassen: Dort steht, in der Gegenwart, der Satz, Militanz sei das letzte Mittel, wenn Friedlichkeit nicht reiche. Das ist keine Hypothese mehr, sondern eine Haltung, und sie ist nicht mehr das Experiment, als das das Lied sich verkauft. Dass man den Staat nicht für verlässlich hält, ist ein Argument; dass man ihm daraus ein Gewaltmonopol von unten entgegensetzt, braucht mehr als eine Pointe. Die Szene mit Gauland als Reptiloiden ist leichter zu verteidigen als der Satz über Militanz. Mit „Keine Angst" ist ausgerechnet die Auseinandersetzung darüber später im Sender angekommen. Das Lied lädt zur Anzeige ein und entzieht sich beim ernstesten Satz der Diskussion. Den Sekt hätte es dort verdient.