Der Absender schreibt „rechtzeitig“, und er meint es ernst. Mey war 1986 vierundvierzig, seine Söhne waren 1976 und 1982 geboren. Volljährig wurden sie 1994 und 2000. Das Lied lehnt also eine Einberufung ab, die frühestens in acht Jahren fällig gewesen wäre. Ausgelöst hat es kein Gestellungsbefehl, sondern die Haltung eines jungen Vaters. Kein deutsches Amt plant so weit voraus wie ein Liedermacher mit Gitarre.
Diese Vorsorge ist das Beste an dem Lied. Wer den Einspruch erst einlegt, wenn der Bescheid im Briefkasten liegt, hat schon verloren. Mey legt ihn ein, solange die Adressaten noch Milchzähne haben.
Was Mey dem Amt mitteilt
Der Inhalt passt in einen Satz, den das Lied in vielen Strophen und ebenso vielen Refrains wiederholt: Meine Söhne bekommt ihr nicht. Die Begründung läuft über das Private. Der Sprecher hat seine Kinder zur Achtung vor dem Leben erzogen und, wie es im Text heißt, „erbarmen und vergeben und wo immer es ging lieben gelehrt“. Dazu passt keine Kaserne. Ziele, Ehre und Pflicht sind für ihn nichts, wofür man tötet oder stirbt. Eine Strophe erinnert an die Nächte am Kinderbett, an das fiebrige Gesicht, an die Angst. Das alles soll nicht dafür gedient haben, dass Kinder in einem Feld erfrieren, während andere auf weichen Polstern sitzen.
Die letzten Strophen werden radikaler. Der Sprecher will seinen Kindern Widerstand und Ungehorsam beibringen. Lieber ginge er mit ihnen in die Fremde, in Armut, wie ein Dieb in der Nacht. Mey selbst nennt das Lied ein „pazifistisches Statement“ und sich einen Radikalpazifisten. Bei einem Konzert 1987 sagte er, es müsse Schluss damit sein, Kinder mit 18 zu „Befehlsempfängern“ zu machen, bei denen es dann „Abschuss frei“ heißt.
Das war für Mey ein Bruch. Die Linke hatte ihn lange für unpolitisch gehalten, für einen Mann der Fliegerlieder, der Wolken und des Kleinen Glücks. Mit diesem Lied politisierte er das Private, und das Private antwortete zurück: Das Lied erhielt 1996 den SWF-Liederpreis.
Wie das Lied spricht: höflich, eisern, ohne Lautstärke
Ironie im engen Sinn braucht das Lied kaum, aber es hat eine Form, die komisch wirkt. Es ist ein Behördenbrief. Es beginnt mit der förmlichen Absage, verweist darauf, dass die Listen des Amts den Sachverhalt schnell ergäben (zwei Söhne, beide vorhanden), und bleibt dann bei der Sache. Dazu eine ruhige Ballade auf der Akustikgitarre. Nirgends wird geschrien. Wer ein Schreiben so freundlich formuliert und so unbeirrbar meint, bringt jede Behörde in Verlegenheit, denn ein Amt weiß, wie man mit Wut umgeht, nicht mit Gelassenheit.
Der Adressat bleibt dabei bewusst ohne Namen. Als Beispiel gilt das Kreiswehrersatzamt, aber das Lied sagt „ihr“, und gemeint sind alle, die Kinder in Uniformen stecken wollen: Generäle, Minister, das Vaterland als Institution. Dem „ihr“ unterstellt das Lied Hass und Wahnsinn. Das ist die Satire des Lieds und nicht unsere Tatsachenbehauptung. Die Ironie liegt im Gefälle: der Vater, der mit leiser Stimme verhandelt, gegen ein Amt, das sich seiner Sache allzu sicher ist.
Was aus dem Streit wurde
Der Streit, den das Lied führt, ist nie ausgestorben, er hat nur den Ort gewechselt. 2020 nahm Mey das Lied mit zahlreichen Musikerinnen und Musikern neu auf. Die Fassung „Reinhard Mey & Freunde“ erschien am 29. September 2020 zugunsten von Friedensdorf International, das kranke und verletzte Kinder aus Kriegsgebieten betreut. 2022 folgte eine spanische Fassung („No te daré a mis hijos“) kolumbianischer Musiker, deren Einnahmen einer Stiftung für notleidende Kinder zugutekamen. Der Brief ans Kreiswehrersatzamt wurde so zur Sammelaktion, und das Amt zahlt nicht einmal Porto.
2025 landete das Lied in der SWR1 Hitparade auf Platz 12, seiner besten Platzierung dort. Vorher hatte es Wirbel gegeben: Es stand nicht auf der Vorschlagsliste, und es kamen Zensurvorwürfe auf. Der Sender wies sie zurück. Das Lied sei nicht zensiert, sondern vorübergehend von der Liste genommen worden, um Manipulationen der Abstimmung zu verhindern. Gewählt werden konnte es trotzdem. Das ist die Antwort des Hauses, und sie ist ordentlich verwaltungsmäßig. Dass sich ein Sender in einem Lied über Behörden ausgerechnet wegen eines Verfahrensfehlers erklären muss, hätte Mey nicht besser inszenieren können.
Kontrapunkt: Das Grundgesetz hätte ihm einen Vordruck gegeben
Das Lied macht es sich an einer Stelle zu leicht. Es kennt gegen den Zugriff des Staates nur zwei Wege: Ungehorsam und Flucht in die Armut. Dabei sah das Grundgesetz schon 1986 einen dritten vor. Artikel 4 Absatz 3 sagt, dass niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden darf. Der Vater hätte sich keine Räuberromantik ausmalen müssen, den Antrag auf Verweigerung hätten seine Söhne selbst stellen können. Dazu kommt: Wer Kindern beibringen will, nur sich selbst zu antworten, beantwortet die Frage nach dem Kriegsdienst für sie schon vorab. Die Söhne kommen im Lied nicht zu Wort. Der Vordruck für die Verweigerung hätte eine Seite gehabt. Ein Lied wurde daraus nicht.