Wer Vorgesetzte hat, darf sich gemeint fühlen.

Das Lied erschien 1980 auf dem gleichnamigen Album „Es ist an der Zeit“, in jenem Jahr, in dem die Bundesrepublik über den NATO-Doppelbeschluss stritt. Es ist die deutsche Fassung von „No Man's Land“, das der schottisch-australische Songwriter Eric Bogle 1976 geschrieben hatte, bekannt auch als „The Green Fields of France“ oder „Willie McBride“. Bogle war auf Soldatenfriedhöfen in Frankreich und Flandern unterwegs gewesen, und Wader hat ihm daraus eine deutsche Streitschrift gemacht. Das klingt nach Ruhmesblatt für beide. Tatsächlich ist es eine seltene Leistung: ein Friedhofsbesuch, der in zwei Sprachen zu Ärger führt.

Was Wader am Grab sagt

Der Sänger steht vor einem Kreuz, rechnet nach und kommt auf ein Alter unter neunzehn Jahren und das Jahr 1916. Dann beginnt er, den Toten zu fragen, wie er gestorben ist. Ob ihn ein sauberer Schuss traf oder ein Geschoss, das die Glieder zerfetzte, will er wissen. Das ist kein Zufall der Dramaturgie, sondern ein Verfahren: Der Sänger geht die Möglichkeiten des Sterbens durch wie ein Sachbearbeiter die Schadensmeldung. Das Sterben wird nicht beschrieben, sondern abgehakt, und gerade das verträgt kein Pathos.

Wader verzichtet auf den Namen, den das Original dem Soldaten gab. Bogles Toter heißt Willie McBride. Waders Toter heißt nichts. Er ist der Neunzehnjährige schlechthin, einer von Millionen, und die feierliche Begräbnisszenerie des Originalrefrains hat Wader ebenfalls gestrichen. Wer so bewusst auf Namen und Zeremonie verzichtet, will keinen Einzelfall rühren, sondern eine Bilanz ziehen. Die Bilanz steht im Refrain: Auch dich haben sie schon genauso belogen, singt er, so wie sie es mit uns heute immer noch tun. Dazu kommt der Satz, dass der Tote ihnen alles gegeben habe – Kraft, Jugend, Leben.

An dieser Stelle verlässt Wader das Original. Bogles Refrain erzählt, Waders klagt an. Auch sonst ist die Übertragung frei und fügt Passagen hinzu, die im Original fehlen, etwa die Aufzählung dessen, was der Soldat im Feld hätte tun können und vermutlich nicht tat. Man kann das Treue zum Geist nennen oder Verrat am Wortlaut. Wader hat es Aktualisierung genannt, jedenfalls hat er sich nicht entschuldigt.

Woran man die Ironie erkennt

Das Lied ist weniger ironisch als gebaut, und das ist der Witz. Wader tut so, als führe er ein vertrauliches Gespräch mit einem Toten. Der Tote antwortet nicht, und gerade deshalb kann der Sänger das Gespräch mit sich selbst bestreiten. Die Anrede „du“ ist die Rolle, die er spielt, und der Adressat ist ein anderer: der Hörer, der das Lied 1980 im Saal oder auf der Demonstration mitsang. Der Tote ist das Alibi, damit niemand sagen kann, hier werde gepredigt.

Dazu passt die Ironie der Verbindlichkeit: Die Tonlage ist ruhig, fast liebenswürdig. Kein Schimpfen, kein Geschrei, nur ein Mann mit Gitarre, der einem Neunzehnjährigen erklärt, wie man ihm das Leben abgenommen hat. Es ist die höflichste Beleidigung der Militärs, die die Bundesrepublik je erlebt hat, und zugleich eine, gegen die sich schwer klagen lässt, weil kein Name fällt. Wer sich gemeint fühlt, bekennt sich dazu. Jeder Generalstab musste hier schweigen und tat es offenbar auch.

Gegen wen es sich richtet – und wer es singt

Gemeint ist ein „Sie“. Das Lied benennt es nie, es genügt ihm, dass jeder die Antwort kennt: die, die Soldaten schicken und selbst nicht gehen. Im Jahr 1980 war das für die Friedensbewegung die Politik der Aufrüstung, mit dem NATO-Doppelbeschluss als Anlass. Millionen sangen das Lied auf Demonstrationen. Das westdeutsche Label „pläne“, das politisch engagierte Musiker wie Wader verbreitete, hat die Platte in die Szene getragen, und auch in der DDR fand das Lied Anklang. Ein Lied, das gegen beide Blöcke taugt, ist selten, und ein Antikriegslied, das beiden Staaten gefällt, noch seltener.

Der Nachruhm hat dann Humor entwickelt. Reinhard Mey und Konstantin Wecker sangen das Lied gemeinsam mit Wader, unter anderem 2003 bei Demonstrationen gegen den drohenden Irak-Krieg. Auch bei Veranstaltungen der Bundeswehr erklingt es. Die Frage, wer da eigentlich zuhört, wenn ein Lied vorgetragen wird, das Soldaten als Betrogene besingt, beantwortet sich nicht von allein. Der rechte Liedermacher Frank Rennicke nahm es ebenfalls auf. Wader selbst fand das problematisch, und das ist die höflichste Formulierung für einen Vorgang, der jedem Urheber schlaflose Nächte bereitet: Das Lied gehört denen, die es singen.

Was die Angesprochenen dazu sagen, ist schwer zu belegen: Ein Lied ohne Adresse bekommt keine Gegendarstellung. Die Sachlage selbst ist es, die ihm widerspricht. Armeen bestehen auch dort, wo sie Frieden sichern sollen, aus Menschen, die Befehle befolgen, und Gelöbnisse sind dafür da. Wer „Es ist an der Zeit“ singt, steht also gleichzeitig vor dem Ernstfall und gegen ihn.

Kontrapunkt: Das „Sie“ hat keine Adresse

Das Lied macht es sich an einer Stelle bequem: Sein Gegner hat keinen Namen. „Sie“ haben belogen, und niemand muss sagen, wer. Das ist schlau, weil jeder Hörer sein eigenes „Sie“ einsetzt, und es ist billig, weil ein Vorwurf, der nie eine Adresse hat, nie geprüft werden kann. Dazu kommt die Frage, die das Lied nicht beantwortet: Was soll ein Land tun, das angegriffen wird? Der Neunzehnjährige am Grab hat vermutlich nicht lange gefragt. Wader verlangt Frieden, nennt aber keinen Preis dafür, und die Zweifler, die genau diese Rechnung wollen, bekommen eine Gitarre statt eines Arguments.

Das Lied ist besser als seine Antwort. Es hat zwar nicht alles gesagt, wohl aber das Wichtigste, und den Rest muss man ihm lassen: Ein Neunzehnjähriger schuldet niemandem eine Strategie.