Wen hat Jürgen Klopp in den ersten vier Länderspielen wie lange spielen lassen, und was sagt das über seine Entscheidungen? Die Minuten zeigen zwei Haltungen nebeneinander. Im Mittelfeld und im Angriff sichtete er breit. Dort, wo er Abläufe festigen will, wechselte er kaum: in der Innenverteidigung, rechts hinten und im Tor der beiden letzten Spiele.

Wer spielte, wer nicht

Von den 44 Nominierten erreichten 43 den Lehrgang, Gruda hatte sich vor der Anreise verletzt. 36 kamen zum Einsatz. Am unteren Ende stehen Vitaly Janelt mit drei, Hennes Behrens mit sieben und Yannik Engelhardt mit elf Minuten. Am oberen Ende steht Treu mit 270 Minuten, dahinter Wirtz mit 206; beide waren die Einzigen, die in drei Partien auf dem Platz standen. Je 180 Minuten sammelten Malick Thiaw, Jonathan Tah, Waldemar Anton, Kapitän Joshua Kimmich und Urbig.

Sieben gingen leer aus. Musiala stand auf dem Aufstellungsbogen für das erste Spiel in Amsterdam, verletzte sich aber beim Aufwärmen. Die übrigen sechs saßen mindestens einmal im Spieltagskader: Rosenfelder in den ersten beiden Spielen, Jeltsch gegen Serbien und in Griechenland, Keidel in Griechenland, dazu Baku und die Torhüter Atubolu und Dahmen. Dahmen war der Einzige der 44, der für beide Kader vorgesehen war, und blieb trotzdem ohne Einsatz.

Wo Klopp nicht rotierte

In der Innenverteidigung wechselte er nicht: Tah, Nico Schlotterbeck und Yann Bisseck spielten jeweils durch, ebenso das Paar Anton und Thiaw. Treu, rechter Verteidiger des SC Freiburg, spielte in Amsterdam, gegen Serbien und in Thessaloniki jeweils 90 Minuten; beim 0:1 gegen Griechenland in Augsburg stand er nicht auf dem Platz. Sein möglicher Konkurrent Baku bekam keine Minute.

Im Tor wechselte Klopp im ersten Teil des Lehrgangs, danach nicht mehr: Marc-André ter Stegen spielte in Amsterdam, Alexander Nübel in Augsburg, Urbig gegen Serbien und in Thessaloniki. Dahmen und Atubolu blieben auf der Bank. Klopps Begründung für Urbig: „Die anderen Jungs, die jetzt dabei waren, die spielen alle regelmäßig, und das hat Jonas nicht getan, deshalb bekommt er das Spiel auch.“

Test oder Entscheidung?

Klopp hat den Lehrgang als Sichtung angelegt. Nach dem 0:0 in Thessaloniki sagte er: „Ich habe zwei Wochen mit 43 Spielern zusammengearbeitet. Denen fehlt kein Talent.“ Dass Leistungsträger wie Kimmich nach zwei Spielen abreisten, begründete er damit, er wolle sehen, wie sich die Jüngeren schlagen, wenn die „Platzhirsche“ nicht dabei sind; schließlich könne immer jemand ausfallen. Das geschah: Musiala, Kai Havertz, Gruda und Schlotterbeck fielen aus.

An den Minuten lässt sich ablesen, was Sichtung war und was Festlegung. Wer drei, sieben oder elf Minuten bekommt, wird gesehen, nicht beurteilt; das ist der Preis der Breite. Wer 270 oder 206 bekommt, hat aus Klopps Sicht etwas gezeigt, das er festhalten will. Bei Treu war das für Beobachter eine Überraschung, bei den Innenverteidigern eine Konstante.

Der stärkste Einwand gegen diese Lesart: Ein 44-Mann-Aufgebot ist kein Plan für die Minutenverteilung, sondern ein Angebot. Allein fünf Torhüter verhinderten, dass jeder spielen konnte, und vier Ausfälle engten den Spielraum zusätzlich ein. Wer ohne Minute blieb, ist nicht durchgefallen. Das trägt für die Sichtung. Für die Tabelle trägt es nicht: Nach vier Spielen steht Deutschland mit fünf von zwölf möglichen Punkten auf Platz drei der Gruppe, drei Punkte hinter den Niederlanden und Griechenland. Sichtung zahlt auf die Zukunft ein, Punkte zählen für die Gegenwart; Klopp hat beides in denselben vier Spielen betrieben.

Was im November entschieden wird

Klopp benennt seinen Kader für die beiden letzten Gruppenspiele am 5. oder 6. November. Am 13. November spielt Deutschland in Belgrad gegen Serbien, am 16. November in Berlin gegen die Niederlande. „Wir werden nicht zwei verschiedene Spiele mit zwei verschiedenen Mannschaften machen“, kündigte Klopp an. Und: „Aber die Tür ist offen für jeden. Sperrangelweit.“ Ob einer der sieben ohne Einsatz hindurchgeht, wird die Nominierung zeigen.