Jürgen Klopp hat zwei Dinge über seine Torhüter gesagt, die sich schwer vertragen. Ter Stegen sei „im Moment“ die Nummer eins, so gibt es Kahn wieder. Und Urbig bekomme das Spiel in Thessaloniki, weil er sonst keines hat. Die Bilanz der vier Spiele: ter Stegen eins, Nübel eins, Urbig zwei, Dahmen und Atubolu keines.

Was Kahn trifft

Kahn sagte in einer Talkrunde: „Ich glaube nicht, dass die Nationalmannschaft dazu da ist, irgendjemandem Spielpraxis zu verschaffen. Ich finde, das war schon etwas unglücklich.“ Und: „Wenn jemand Spielpraxis braucht, dann hätte ich sie gerne demjenigen gegeben, der laut Jürgen Klopp zumindest im Moment die Nummer eins ist: Marc-André ter Stegen. Das hätte aus meiner Sicht mehr Sinn ergeben.“

Die Beobachtung stimmt, und Klopp hat sie selbst geliefert: Er hat Spielpraxis vergeben, nach eigener Aussage an den, der sonst nicht spielt. Dass dieser Satz im Leistungsprinzip des Bundestrainers nicht vorkommt, ist ein legitimer Einwand. Aber Kahns Wunsch lässt sich am Spieltag gar nicht erfüllen: Ter Stegen gehörte, wie Kapitän Joshua Kimmich, nicht zum Aufgebot für die Spiele gegen Serbien und Griechenland. Die Torwartfrage für Thessaloniki wurde bei der Nominierung entschieden, nicht am Abend.

Eine Nummer eins ohne Spiele

Damit liegt der eigentliche Widerspruch woanders. Klopp erklärte ter Stegen „momentan“ zur Nummer eins, berief ihn in die erste Hälfte des Lehrgangs, ließ im zweiten Spiel Nübel im Tor stehen und nominierte ihn für die zweite Hälfte nicht. Eine Nummer eins, die in vier Spielen einmal spielt, ist eine Rangangabe ohne Spielzeit.

Kahn kennt solche Sätze aus eigener Erfahrung: „Ich kenne diese Aussagen von Trainern: ‚Du bist im Moment meine Nummer 1.‘ Was heißt das? Das heißt gar nichts.“ Unter Jürgen Klinsmann hatte er 2004 den Status als Nummer eins zugesprochen bekommen, zugleich war ein offenes Rennen mit Jens Lehmann ausgerufen worden; zwei Monate vor der Heim-WM 2006 verlor Kahn den Platz.

Der stärkste Einwand

Klopp hat den Lehrgang von Beginn an als Sichtung angelegt: 44 nominierte Spieler, zwei Kader, fünf Torhüter. Alle Torhüter hätten „im Training überragend gehalten“ und einen „Top-Eindruck hinterlassen“, sagte er. Urbig spielte 180 Minuten ohne Gegentor und wischte in Thessaloniki in den ersten Minuten einen Kopfball von der Linie. Dass es beim 0:0 blieb, lag am fehlenden Tor, nicht am deutschen Tor. Das ist ein guter Grund, Urbig zu sehen.

Es ist kein Grund, das Wort Nummer eins weiter zu benutzen. Sichtung und Hierarchie sind zwei Dinge, und Klopp hat sie in einem Satz vermischt. Ehrlich wäre die Auskunft gewesen, die zur Aufstellung passt: Die Position ist offen. Sie hätte ter Stegen nicht beschädigt und dem Bundestrainer die Debatte über das Wort erspart.

Welche Nummer eins Klopp meint, zeigt sich bei der Nominierung am 5. oder 6. November. Steht ter Stegen im Aufgebot, hat das Wort Gewicht. Steht er nicht darin, hat Kahn es schon gesagt.